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[Die Industrie der Steine + Erden]






Millenniumweihnacht

Sind Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch genervt, wenn Sie laufend etwas über ein Millenniumereignis hören? Die letzten Abc-Schützen des Jahrtausends sind zwischenzeitlich eingeschult worden und waren sich dieser besonderen Ehre sicherlich gar nicht bewusst. Der Inhalt ihrer Schultüte dürfte sie viel mehr beschäftigt haben, wodurch ein kindlich praktischer Hang eindeutig dokumentiert wird. Es wird das letzte Konzert einer Rockgröße in diesem Jahrhundert auf deutschem Boden gefeiert, sogar der letzte Sommerschlussverkauf bekam plötzlich andere Dimensionen. Alles wird zum einmaligen Ereignis hochstilisiert.

Groß angekündigt wurde auch die Sonnenfinsternis im August, wieder ein Millenniumereignis. Die Besonderheit eines solchen Naturschauspiels war jedermann bewusst, auch ohne diese reißerische Bezeichnung und ohne das ausgeschriebene Preisrätsel, als dessen Gewinner man mit einem Bus nach Stuttgart gekarrt wurde, wo dann kurz vor dem Großereignis ein Wolkenbruch bewies, dass mit des Geschickes Mächten kein kommerzieller Bund zu flechten ist.

Countdown...

Geschäftstüchtig zeigen sich auch Reisebüros, die besondere Arrangements für den kommenden Jahreswechsel anbieten. Das Jahrtausendereignis soll möglichst exklusiv, ja unvergesslich gestaltet werden. Als Langweiler outet sich derjenige, der zum Beispiel nach New York jettet, um dort auf dem Empire State Building Silvester zu feiern. Spießig auch der Trip nach Paris zu einem Dinner bei Kerzenschein und Feuerwerk vom Eiffelturm. Richtig hip dagegen ist das Angebot eines Veranstalters, in der Silvesternacht in einer Concorde gen Osten zu düsen und einmal vor und dann nochmals nach Überqueren der Datumsgrenze auf das neue Jahr anzustoßen. Millenniumsilvester im Doppelpack.

Doch wie wollen wir denn nun das letzte Weihnachtsfest unseres Jahrtausends verleben? Haben wir wirklich einen Grund, in diesem Jahr eine andere Festgestaltung zu finden als vorher? Müssen wir immer schöner, immer aufwendiger das Fest der Feste begehen?

Setzen wir uns dadurch nicht noch mehr unter Zugzwang? Drehen wir uns nicht immer schneller um uns und unsere Eitelkeiten?

Das Weihnachtsfest wäre meines Erachtens sehr gut geeignet, einmal inne zu halten und von dem rasenden Zug der immer größer werdenden Attraktionen abzuspringen. Haben wir doch einfach einmal den Mut, nein zu sagen zur hundertsten Einladung, dem flippigsten Fest unter supercoolen Leuten.

Nein zu sagen zu der Jagd nach Superlativen. Besinnen wir uns doch auf das schönste Fest des Jahres und auf uns selbst.

Ein geruhsames Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in ein gesundes Jahr 2000 wünscht Ihnen, liebe Leserinnen und Leser,

Ihr Hans-Jürgen Bahr





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