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Weihnachtsshopping

Das Fest der Feste stand vor der Tür und ich wähnte ein mir bekanntes Ehepaar im dicksten Weihnachtseinkaufsrummel, als ich vergeblich versuchte es telefonisch zu erreichen. Die Vorliebe der Bekannten für ausdauernde Einkaufstouren kannte ich von Erzählungen des Ehemannes und aus gemeinsamer, leidvoller Erfahrung. Sie gehört zu den Frauen, die insbesondere in der Vorweihnachtszeit versuchen, eine angemessene (das heißt bei ihr: anheimelnde) Atmosphäre zu schaffen. Kaum ist der erste Advent in Sicht, werden sämtliche entsprechenden Utensilien aus dem Keller geholt und die ganze Wohnung in einen festlichen Glanz gebracht. Nicht, daß sie ein Adventsgesteck auf einen mit einer Weihnachtsdecke dekorierten Tisch stellt, nein, schon an der Außentür wird man von einem entsprechenden Schmuck begrüßt, und dieses Thema zieht sich dann durch die ganze Wohnung.

Mein Bekannter hatte sich schon über den ganzen Schnickschnack beschwert, aber eine derbe Abfuhr erhalten. Er sei halt ein Stimmungstöter und hätte keinerlei Gespür für einen festlichen Schmuck und eine beschauliche Note. Männer seien eben Gefühlsbanausen und es gar nicht wert, derart verwöhnt zu werden.

Dieses Ehepaar traf ich also an einem Adventssonntag nicht an, obschon es zumindest für die Frau doch ein besonderer Tag in dieser Jahreszeit war. Um so erstaunter war ich, als ich einige Tage später erfuhr, wo es sich zum Zeitpunkt meines Anrufes aufgehalten hatten -- in den USA. Die Bekannten waren zum Christmas-shopping nach New York gejettet. Angeregt durch einen Zeitungsartikel hatten sie kurzfristig einen Flug gebucht, 2000,-- DM für fünf Tage Weihnachtstrubel im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. "Mit dem Jet ist man bei den heutigen Stauverhältnissen schneller in Manhattan als in der nächsten Großstadt", klärte mich unsere Bekannte auf, "und wenn man sich noch einige Levi's-Jeans mitbringt, kommt man bei den niedrigen Flugpreisen bald in die Guten".

Nun mußte ich mir natürlich auch einige der neuerworbenen Kenntnisse anhören, so zum Beispiel, daß bei einer "Tree Trimming Party" häufig "Vealburger with Gorgonzola" und "Krabbenfrikadellen with Koriander" gereicht werden. Auch könne man von der dortigen Hausfrau etwas lernen. Beispielsweise, daß von einer Weihnachtsgans nur die Keulen und die Brust gemeinsam gebraten werden, weil man so den Garzeitpunkt wesentlich leichter einschätzen kann, als würde man den Vogel im Ganzen zubereiten. Einige Speisen würde die Hausfrau in New York recht kräftig würzen, andere stammten offensichtlich aus dem Regal eines Supermarktes, eingekauft, um Zeit und Arbeitsaufwand zu sparen.

Woher meine Bekannte diese Weisheiten hatte, fragte ich lieber nicht, um weiteren, langatmigen Ausführungen aus dem Weg zu gehen. Aber woher kannte sie nach dieser Stippvisite denn plötzlich typische New Yorker Hausfrauen? Es hörte sich an, als wäre sie als Austauschhausfrau in Manhattan gewesen. Oder hatte sich unsere Bekannte diese Erkenntnisse nur angelesen?

In Anbetracht der Vorweihnachtszeit und damit der christlichen Friedenspflicht verzichtete ich auf bohrende Nachfragen und ließ sie mein erstauntes Gesicht genießen. Wahrscheinlich bereitete ich ihr damit bereits eine festliche Freude. So kann man auch mit kleinen Sachen...

Allen meinen Lesern wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für das kommende Jahr.

Hans-Jürgen Bahr


Xmas





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