Arbeitssicherheit

Gefährliche Reklamations- und Revisionsarbeiten in Abwasserkanälen- und -schächten

Übung macht den Rettungsmeister

Viele Unternehmen, die Betonrohre und –schächte herstellen, zählen zu den Mitgliedsbetrieben der BG RCI. Im Zuge der Betreuung ihrer Kunden kann für diese Unternehmen auch das Einsteigen in bereits angeschlossene Kanäle erforderlich sein. So zum Beispiel im Zuge von Reklamations- und Revisionsarbeiten.

Beim Befahren von Kanälen kommt es jedoch regelmäßig zu gefährlichen Situationen oder sogar zu tödlichen Arbeitsunfällen. Wertvolle Informationen zu den erforderlichen Schutzmaßnahmen finden sich bereits in den Medien der BG BAU, denen der BG ETEM sowie in DGUV Informationen. So zum Beispiel in den 2015 bearbeiteten DGUV Informationen 201-052 „Rohrleitungsbauarbeiten“(besonders Kapitel 5) und 201-022 „Handlungsanleitung für die Arbeit mit Geräten zur provisorischen Rohrabsperrung“ sowie in den ebenfalls 2015 bearbeiteten Bausteinen C 474, C 475 und C 476 der BG BAU. Um auch die Besonderheiten zu berücksichtigen, die die bei der BG RCI versicherten Betriebe betreffen, wird dieses Thema nun Eingang in die Medien der BG RCI finden. Wie vor jeder Tätigkeit, hat der Arbeitgeber auch beim Befahren von Kanälen Gefährdungen zu ermitteln, diese zu bewerten, Schutzmaßnahmen festzulegen, deren Umsetzung sicherzustellen sowie die Wirksamkeit der ergriffenen Schutzmaßnahmen zu prüfen.

Zu den Gefährdungen gehören unter anderem:

Entfernen eines schweren Kanaldeckels
Entfernen des schweren Kanaldeckels mit geeignetem Hilfsmittel. Schon hierbei entstehen häufig Verletzungen.

Grundsätzlich sollten möglichst technische oder organisatorische Maßnahmen die Erfordernis von persönlicher Schutzausrüstung reduzieren. So sollten als organisatorische Maßnahme zum Beispiel die Einleiter in dem Streckenabschnitt benachrichtigt werden, gefährliche Pumpen gegen Wiedereinschalten gesichert werden und für besondere Einzelfälle Erlaubnisscheine angewendet werden. Aber auch die systematische und regelmäßige Unterweisung der Mitarbeiter muss sichergestellt sein. Dies gilt besonders für die richtige Anwendung der PSA. Für den Einsatz von Atemschutztechnik, Gasdetektion, Rohrabsperrgeräten, PSA gegen Absturz, Schutzhelm sowie eines Höhensicherungsgeräts mit Rettungshubfunktion ist der entsprechende Schulungs- bzw. Unterweisungsbedarf festzulegen. An den Betrieb angepasste Betriebsanweisungen sollten die Grundlage der Unterweisung darstellen. Um einen guten Eindruck von diesen Tätigkeiten zu gewinnen, initiierte eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr, Anwendern aus dem Kanalbau, einem Anwendungstechniker für PSA und Mitarbeitern der BG RCI einen gemeinsamen Termin mit praktischen Übungen. Für die Übung wurde Equipment des Ausstatters „Skylotec“ zum sicheren Arbeiten und Retten verwendet. Wolfgang Wolf von „Skylotec“ (Produktspezialist Mobile Einstiegsysteme, Trainer zur Rettung aus engen Räumen) erläuterte unter anderem während seiner Technik-Beratungs-Präsentation, welche Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz bei Arbeiten in Kanalschächten zu tragen ist. So muss bei der Wahl der Ausrüstung nicht nur an das Auffangen bei einem Absturz gedacht werden, sondern ebenfalls an die Möglichkeit, mit Hilfe von Brust- und Rückenösen verletzte oder bewusstlose Personen retten zu können.

Einsteigen mit Dreibein, Höhensicherungsgerät mit integrierter Rettungshubeinrichtung und Auffanggurt.
Einsteigen mit Dreibein, Höhensicherungsgerät mit integrierter Rettungshubeinrichtung und Auffanggurt.

Schnelle Rettungsmaßnahmen unabdingbar

Bei durch Gasaustritt ausgelöster Bewusstlosigkeit sind mit Hilfe schneller Rettungsmaßnahmen irreparable Hirnschäden oder gar tödliche Verletzungen zu verhindern. Daher ist auch ein Rettungsgerät vor Ort einsatzbereit vorzuhalten für den Fall, dass sich eine verunfallte Person nicht mehr selbst in Sicherheit bringen kann. Für die Absturzsicherung und für die Rettung haben sich aufgrund des beengten Zugangs Dreibein zusammen mit einer Personenwinde und dem zusätzlichem Einsatz eines Höhensicherungsgeräts mit Rettungshubfunktion bewährt. Die in den Kanal einsteigende Person muss sich vor dem Anschlagen an diese Systeme von dem ordnungsgemäßen Zustand der Ausrüstung überzeugen. So sollte zum Beispiel immer überprüft werden, ob das Höhensicherungsgerät noch verplombt ist und somit dessen Einsatzbereitschaft sichergestellt ist.

Des Weiteren ist vor dem Einsteigen zu prüfen, ob die Benutzung eines umluftunabhängigen Atemschutzgerätes notwendig ist. Während der Übung wurde mit Leihgaben der Firma Massong aus Frankenthal der Umgang mit Atemschutztechnik und Gasdetektion in diesem Zusammenhang betrachtet. Bei all dem ist wichtig, dass die Ausrüstung für Tätigkeiten in engen Räumen geeignet ist und die Bewegung nicht zu sehr einschränkt.

Sicherung der Einstiegsstelle
Sicherung der Einstiegsstelle.

Sicherungsposten

Damit der Zustand des in den Kanal Eingestiegenen ständig überwacht werden kann, bedarf es eines Sicherungspostens, welcher für den Ernstfall auch in der Durchführung der Rettung geübt sein sollte. Muss die Person aus dem Schacht gerettet werden, ist zunächst ein Notruf abzusetzen. Hierfür ist wichtig, dass bereits im Vorfeld eine genaue Ortsangabe für den Notfall überlegt wird und geprüft wird, ob eine Telefonverbindung möglich ist. Danach kann die Person durch die Rettungshubfunktion am Höhensicherungsgerät von dem Sicherungsposten nach oben gezogen werden. Ist das Seil eingeklemmt oder liegt die verunfallte Person auf dem Rücken, ist mit angelegtem Atemschutz hinabzusteigen, um den Kollegen in eine adäquate Rettungsposition zu bringen. Anschließend kann die verunfallte Person über die Seilwinde nach oben gekurbelt werden. Hierbei ist besonders darauf zu achten, dass der bewusstlosen Person keine Genickverletzungen zugefügt werden. Denn diese Person verfügt über keine Muskelspannung und ist, wenn sie irgendwo hängen bleibt, der hohen und leicht aufzubauenden Kraft des Flaschenzugsystems schutzlos ausgeliefert.

Genaue Vorbereitung wichtig

Die Kameraden aus dem Bereich der Feuerwehr stellten bei der Veranstaltung klar, dass sie nicht überall flächendeckend in diesem Themenbereich ausgebildet sind und auch nicht immer Ausrüstung für Einsätze in Kanälen, aber auch nicht in Silos oder Behältern vorhalten.

Daher müssen Firmen, zu deren Tätigkeiten derartige Einsätze gehören, sich im Vorfeld Gedanken machen und Vorkehrungen für Rettungseinsätze treffen. Allen Beteiligten zeigte sich, wie wichtig die genaue Vorbereitung im Hinblick auf die Gefährdungen und auf die Schutzmaßnahmen bei diesen Arbeiten ist.

Torben Wandscher, BG RCI

Mann steigt in einen engen Raum ein
Beengte Verhältnisse machen Zugang und Rettung zur Herausforderung.