Arbeitssicherheit

Unfallvermeidung in der Zementindustrie

Vision Zero – eine Vision oder realisierbares Arbeitsschutzziel?

Es ist hinreichend bekannt, dass Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten keine Schicksalsschläge sind, daher vermieden werden können und aus vielen Gründen müssen. Dass dies auch nachhaltig möglich ist und welche Schritte dazu notwendig sind, zeigt dieser Beitrag.

Abseilen aus der Höhe

Die Zementindustrie wird z.B. in China von staatlichen Stellen als „High risk industry“ definiert. Gefährdungsanalysen zeigen, dass diese Einschätzung auch bei uns auf einige Tätigkeiten zutrifft. Gleichwohl ist es durchaus möglich, über einen langen Zeitraum unfallfrei zu arbeiten. Es stellt sich die Frage, wie man das schaffen kann. Hierzu sollen nachfolgend einige theoretische und praktische Aspekte aufgezeigt werden.

In Deutschland ist Vision Zero Bestandteil der nationalen Arbeits- und Gesundheitsschutzstrategie. Dazu haben nationale Unfallversicherungsschutzverbände wie die DGUV und die BG RCI für die nächsten 10 Jahre u.a. folgende Ziele definiert:

Ziel 1: Senkung des Arbeitsunfallrisikos in den Mitgliedsunternehmen der BG RCI

Durch geeignete Präventionsmaßnahmen soll das Risiko, einen meldepflichtigen Arbeitsunfall zu erleiden, bis 2024 um 30 Prozent gesenkt werden (1.000 Vollarbeiterquote).

Ziel 2: Halbierung der Anzahl der neuen Arbeitsunfall-Rentenfälle

Durch geeignete Präventionsmaßnahmen soll insbesondere die Anzahl der schweren Arbeitsunfälle, die zeitweise oder auf Dauer Körperschäden zur Folge haben (neue Arbeitsunfall-Rentenfälle), bis 2024 um 50 Prozent gesenkt werden.

Ziel 3: Halbierung der Anzahl der tödlichen Arbeitsunfälle

Durch geeignete Präventionsmaßnahmen soll die Anzahl der tödlichen Arbeitsunfälle bis 2024 ebenfalls um 50 Prozent gesenkt werden.

Ziel 4: Verringerung der Anzahl der anerkannten Berufskrankheiten

Durch geeignete Präventionsmaßnahmen soll die Anzahl der anerkannten und erstmals zu entschädigenden Berufskrankheiten, die nicht aufgrund langer Latenzzeiten auf frühere Expositionen am Arbeitsplatz zurückzuführen sind, weiter gesenkt werden.

Ziel 5: Steigerung der Anzahl unfallfreier Betriebe

Die Anzahl der Betriebe, die über einen definierten Zeitraum keine meldepflichtigen Arbeitsunfälle aufweisen, soll gesteigert werden.

Wie sind solche Ziele erreichbar?

Bekannte und erfahrungsgemäß geeignete Maßnahmen sind Trainings on the job auf allen Mannschafts- und Management-Ebenen, gute Technik, die Fähigkeit, von Unfällen und Vorfällen zu lernen – auf Mannschafts- und Management-Ebene – sowie die Definition und das Leben eindeutiger Verantwortlichkeiten auf allen Ebenen einschließlich des Top-Managements.

Wie war die Ausgangslage vor rund 30 Jahren?

Die technische Ausrüstung erfüllte noch nicht alle geltenden Anforderungen.

Die Mitarbeiter waren nicht so gut ausgebildet, wie es im Hinblick auf die Risiken und die Anforderungen ihrer Arbeit vorteilhaft gewesen wäre. Die Unfallhäufigkeitsrate lag über dem Durchschnitt der deutschen Steine-Erden-Industrie.

Entwicklung der Unfallzahlen in der deutschen Zementindustrie

In den vergangenen 45 Jahren hat sich die Anzahl der produzierenden Werke mehr als halbiert. Dabei ist die Zahl der Mitarbeiter um zwei Drittel auf rund 5.000 gesunken. Die Unfallrate pro 1 Million Arbeitsstunden ist auch um rund zwei Drittel auf etwa 14 Unfälle gefallen. Diese Zahlen zeigen, dass es eine enorme Vorwärtsbewegung in Fragen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in der deutschen Zementindustrie gegeben hat.

Definition von „Zero Accidents“

Die Definition von „Null Unfällen“ ist in der Praxis schwierig und komplex. International tätige Unternehmen können mehrere Strophen dieses Lieds singen, denn Arbeitsunfälle sind auf dieser Welt sehr unterschiedlich definiert.

So kennt der Autor eine Regelung in einem EU-Mitgliedsstaat, wonach das Aufsuchen eines Arztes nach einem Vorfall bei der Arbeit und dessen Liquidation für seine Leistung - z.B. eine Wundbehandlung - auch bei Rückkehr des Mitarbeiters zur Arbeit am Unfalltag hinreichendes Kriterium für das Vorliegen eines meldepflichtigen Arbeitsunfalls ist. Das entscheidende Kriterium ist also das Vorliegen einer Arztrechnung und nicht die Schwere einer Verletzung oder die resultierende Ausfallzeit. Aus Asien ist dem Autor eine Definition bekannt, wonach erst ab der 22.Woche der Arbeitsunfähigkeit ein Arbeitsunfall vorliegt.

Gewinner auf einer Bühne

Dauerhaft unfallfrei, wie kann man dorthin kommen?

Was immer man auch selbst oder durch Externe veranlasst, ist im Ergebnis abhängig von der Zustimmung der beteiligten Personen. Wenn es nicht gelingt, die eigene Belegschaft zu überzeugen und sie mitzunehmen, erzeugt man die nicht nur in der Energiewirtschaft unerwünschte „Blindleistung“. Dazu folgende Überlegungen.

Einige theoretische Aspekte zur Präventionskultur

„Sicheres Arbeiten“ ist üblicherweise definiert als ein Zustand, in dem das verbleibende Restrisiko auf der Basis der eingetretenen Unfälle als „akzeptabel“ eingestuft wird.

Diese Definition bezieht sich jedoch nur auf die Vergangenheit und impliziert die Meinung einer Person oder eines Gremiums. Es erscheint daher besser, „Sicheres Arbeiten“ als einen Prozess zu verstehen, der das Zusammenwirken von Menschen, Technologie und Organisationsstrukturen optimiert. Und genau dieser Prozess muss essentieller Bestandteil einer Sicherheitskultur sein. Denn die „Sicherheitskultur“ und das „Sicherheitsklima“ sind wichtige Faktoren, um die Sinnhaftigkeit und den Wert sicheren Arbeitens in den Köpfen der Mitarbeiter zu etablieren. Das situative Bewusstsein ist entscheidend für die Einschätzung, das Verstehen und die Wahrnehmung einer besonders kritischen Situation.

Gewinner mit Urkunden in der Hand

Warum passieren Fehler und Unfälle?

Schwere Unfälle erfolgen nicht aufgrund eines einzelnen Fehlers einer einzelnen Person, sondern sie sind Teil einer Serie von Fehlern und Fehlverhaltensweisen. Die „Eisbergtheorie“ erklärt, dass nur rund ein Siebtel von Fehlern und fehlerhaften Ereignissen zu Unfällen führt. Die übrigen Zwischenfälle und Ereignisse bleiben ohne Auswirkung auf die Sicherheit oder lassen sich ohne Schaden korrigieren. Vison Zero ist also nicht nur im Zusammenhang mit Gesetzen und Vorschriften zu sehen, sondern hat auch eine Menge mit Menschen zu tun. Und ohne diese zu erreichen und mitzunehmen, wird man nie erfolgreich sein in Bezug auf Vision Zero. Aber wenn es gelingt, seine Mitarbeiter davon zu überzeugen, wird Vision Zero nachhaltig zur Realität.

Präventionskultur in der Praxis

Viele Menschen argumentieren, dass ein Widerspruch zwischen den Zielen des Arbeits-und Gesundheitsschutzes einerseits und den Zielen der Produktion andererseits bestehe. Wenn der Ansatz zu Vision Zero nur oberflächlich ist, haben sie in gewisser Weise Recht. Aber wenn das Vorgehen grundsätzlich und ehrlich ist, wird man nicht nur einer moralischen Verpflichtung gerecht und Gesetze sowie Sicherheitsvorschriften erfüllen, sondern auch eine bessere Arbeitseffizienz mit höherer Produktion bei niedrigeren Kosten und besserer Qualität aufgrund der besseren Vorbereitung des Produktionsablaufs, die ja in jedem Fall für gute Gefährdungsanalysen erforderlich ist, erzielen. Neben allen Gesetzen und Vorschriften dürfen wir nicht vergessen, dass die wichtigsten Ziele von Vision Zero im täglichen Leben die Sicherheitskultur in der betrieblichen Organisation und das Sicherheitsbewusstsein in den Köpfen der Mitarbeiter sind. Und das sind zwei sehr ambitionierte Ziele.

Zusammenfassung

Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten können und müssen verhindert werden. Dabei hilft Vision Zero ebenso wie bei der Erreichung von „Null Unfälle“. Die Fallstudie zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, einen hohen Sicherheitsstandard und „Null Unfälle“ mit hoher Arbeitsproduktivität zu verbinden. Hierzu sind in der Regel eine große Anzahl von Maßnahmen wie klare Organisationsstrukturen und Verantwortlichkeiten, Schulung und Ausbildung auf allen Ebenen, Präventionswissen, das man mit Kollegen, Vorgesetzten und anderen Gesellschaften teilt, um so voneinander zu lernen, erforderlich. Und schließlich muss man seine Mitarbeiter/innen überzeugen, dass sicheres Arbeiten einen riesigen Vorteil für alle Beschäftigten und deren Familien, für das Image und die Qualität der von ihnen hergestellten Produkte darstellt.

Letztlich muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass Sicherheit ein permanenter Prozess mit den Komponenten Menschen, Technik und Organisationsstrukturen ist, der durch das Leben einer Sicherheitskultur in der Organisation und im Sicherheitsbewusstsein in den Köpfen der Mitarbeiter verbessert wird.L

Peter Rödel
Internationaler Arbeitsschutzberater

Peter Rödel
Peter Rödel ist international als Arbeitsschutzberater tätig.