Arbeitssicherheit

Manipulation von Schutzeinrichtungen

Kein Kavaliersdelikt

Das Arbeiten an Maschinen mit manipulierten Schutzeinrichtungen ist in vielen Betrieben an der Tagesordnung. Dass die Verursacher sich und andere Personen damit einem erhöhten Risiko aussetzen, wird oft unterschätzt oder stillschweigend in Kauf genommen. Auch Vorgesetzte tragen hier Verantwortung: Billigen sie die Manipulation und kommt es infolgedessen zu einem schwerwiegenden Unfall, haben sie unter Umständen nicht nur den Tod eines Mitarbeiters zu verantworten, sondern finden sich wegen fahrlässiger Tötung gegebenenfalls auch vor Gericht wieder.

Maschinen müssen i.d.R. hohe Stückzahlen liefern, sonst sind sie für den Betrieb nicht rentabel. Gleichzeitig müssen sie geltenden Sicherheitsanforderungen entsprechen. An vielen Maschinen stehen sich Sicherheit und Produktivität jedoch im Weg, etwa wenn Schutzeinrichtungen einen flüssigen Arbeitsablauf behindern. Vor allem trennende Schutz-

einrichtungen werden dabei oft als Hindernis wahrgenommen und über kurz oder lang manipuliert. Da Manipulationen oft nicht zurückgenommen werden, arbeitet nun das gesamte Bedienpersonal an einer manipulierten Maschine – oft ohne es zu wissen. Maschinen, bei denen die Schutzmaßnahmen die Produktivität erheblich beeinträchtigen, sind eigentlich unbrauchbar. Wurde eine solche Maschine in Betrieb genommen, ist die verantwortliche Führungskraft in einer Zwickmühle: Einerseits hat sie gegenüber der Geschäftsführung für die Produktivität der Anlage zu sorgen, andererseits bringt sie mit Duldung der Manipulation Mitarbeiter in Gefahr. Der effektivste Ausweg besteht darin, den Manipulationsanreiz bereits beim Maschineneinkauf zu berücksichtigen. Erlauben die Schutzmaßnahmen eine ergonomische Maschinenbedienung, werden Manipulationen unnötig.

Vor dem Kauf

Grundlage für den Kauf einer Maschine sollte eine möglichst ausführliche, schriftliche Zusammenstellung der maschinenspezifischen sowie rechtlichen Anforderungen sein (z.B. ein Lastenheft). Diese sollten neben dem vorgesehenen Einsatz auch spezielle Anforderungen bezüglich Einrichtung, Instandhaltung – wie etwa einfache und sichere Zugangsmöglichkeiten zu wartungsintensiven Maschinenbereichen – und Reinigung enthalten. So ist der Hersteller dazu verpflichtet, bei der Auslegung der Sicherheitsmaßnahmen auch solche Tätigkeiten zu berücksichtigen, die über den normalen, störungsfreien Betrieb der Anlage hinausgehen. Bei Anforderungsverletzung kann der Betreiber dann vom Hersteller eine Beseitigung der Mängel an der ausgelieferten Maschine einfordern. Sicherheitsfachkräfte und Bedienpersonal sollten in den Kaufprozess eingebunden werden, um Hinweise auf übliche ergonomische Schwachstellen zu erhalten. Hilfreich ist die Verwendung einer Checkliste, mit der sich der Manipulationsanreiz der Maschine vor ihrem Kauf abschätzen lässt [1]. Das Gleiche gilt für die Inbetriebnahme: Auch hier empfiehlt sich eine Checkliste zur Überprüfung der Maschine auf ihre Verwendbarkeit [2].

Sicherheit bei Bestandsmaschinen

Auch bei Bestandsmaschinen können Vorgesetzte Maßnahmen ergreifen, um Manipulationen zu begegnen. Am wichtigsten ist eine entsprechende betriebliche Grundhaltung: Hat sich die Geschäftsführung offen und eindeutig gegen Manipulation positioniert? Gibt es für Mitarbeiter Wege, ergonomische Schwachstellen – gegebenenfalls sogar den Bedarf einer Manipulation – zu melden, ohne mit persönlichen Konsequenzen rechnen zu müssen? Denn selbst, wenn die Geschäftsführung Manipulation bei Androhung von Konsequenzen verbieten würde: Das Problem würde nur auf den Rücken der Maschinenbediener verlagert. Der Manipulationsanreiz bliebe bestehen. Zu einer dauerhaften Lösung führt daher nur eine Gesprächskultur auf Augenhöhe, bei der alle Beteiligten zusammenarbeiten (ein Beispiel einer Firma mit gelebter Sicherheitskultur findet sich in [3]).

Unerlässlich ist die regelmäßige Schulung des Bedienpersonals. Dazu zählt auch die Entwicklung eines Bewusstseins über die möglichen Gefahren, die von einer manipulierten Maschine ausgehen. Diese können mit konkreten Beispielen veranschaulicht werden (spezielle Schulungsunterlagen, die über die Tücken der Manipulation und mögliche Lösungen aufklären, finden sich unter [4]). Zur Bedienerschulung gehört auch der Umgang mit den Betriebsarten, d.h. wann und zu welchem Anlass ein Wechsel in eine bestimmte Betriebsart erfolgen sollte. So kann verhindert werden, dass Tätigkeiten in Betriebsarten ausgeführt werden, für die diese nicht vorgesehen sind.

Gemeinsam mit dem Hersteller

Erscheint die Manipulation der Maschine unvermeidbar, werden technische Maßnahmen erforderlich. Hier ist es sinnvoll, den Hersteller oder den Vertrieb mit ins Boot zu holen, um ein alternatives Schutzkonzept für die Maschine zu erarbeiten. Denkbar wäre etwa das Nachrüsten einer Betriebsart „Einrichten“, die trotz geöffneter Schutz-

einrichtung ein sicheres Verfahren der gefahrbringenden Maschinenteile – bei begrenzten Geschwindigkeiten – ermöglicht. Das Auslösen der Maschinenbewegungen erfolgt hier unter zusätzlicher Betätigung eines Zustimm- und/oder Tipptasters (weitere Beispiele konstruktiver Maßnahmen finden sich unter [5]). Bei jeder Änderung sollten zunächst die zugehörigen Produktnormen beachtet werden. Bei Bedarf kann die zuständige Berufsgenossenschaft zur Beratung hinzugezogen werden.

In jedem Fall gilt: Nur wer sich konsequent gegen Manipulation von Schutz-

einrichtungen ausspricht und eine Sicherheitskultur fördert, die bereits bei der Beschaffung der Maschine einsetzt, wird an seinen Maschinen langfristig Sicherheit und Produktivität in Einklang bringen können.

Stefan Otto

Institut für Arbeitsschutz

[1] http://stopp-manipulation.org/fuer-betreiber/checkliste-maschineneinkauf/

[2] Checklisten Maschinen: Prüfung vor Erstinbetriebnahme, T 008-1, Jedermann-Verlag, Heidelberg 05/2014

[3] http://www.suva.ch/manipulieren-schutzeinrichtungen-best-practice-chemie.pdf

[4] http://stopp-manipulation.org/lehrmodule

[5] http://stopp-manipulation.org/aus-der-praxis/konstruktionsbeispiele

Cartoon: Ein Mann, ein Richter und ein Polizist vor einer Maschine
Unfälle durch Manipulation von Schutzeinrichtungen können schwerwiegende Konsequenzen haben.
 
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