Technik

Herrenknecht-Mixschild beim Bau des Eurasia-Tunnels

Neue Ader unterm Bosporus

Im weltweiten Tunnelbau-Geschäft erhalten nur wenige Projekte den Superlativ „Jahrhundertbauwerk“. Der mit 13,7 Metern Bohrdurchmesser erstellte Eurasia-Autotunnel in Istanbul, eine insgesamt 5,4 Kilometer lange Unterquerung des Bosporus, wird dieser Bezeichnung in mehrfacher Hinsicht gerecht.

Als im August dieses Jahres nach 16 Monaten Vortriebszeit der Herrenknecht-Mixschild millimetergenau die Zielschachtwand des Eurasia-Tunnels auf der europäischen Landseite Istanbuls durchstach, bezeugte der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu das Finale einer historischen Bauleistung. Noch nie zuvor ist ein so großer, leistungsfähiger Tunnel unter derart vielschichtigen und extremen Bedingungen gebaut worden.

Die sorgfältig geplante und nun erfolgreich ausgeführte Ankunft des 120 Meter langen Tunnelbohrers war für alle am Jahrhundertprojekt beteiligten Baumeister ein ingenieurtechnischer wie emotionaler Höhepunkt. Gestartet war die Mission mit der in Schwanau speziell designten, 3.300 Tonnen schweren Unikat-Maschine im April 2014. Sie legte in einem gigantischen Startbauwerk auf der asiatischen Seite am südöstlichen Ende des Bosporus los. Bei einem Gefälle von fünf Prozent tunnelte sich der großformatige Mixschild bis zum tiefsten Punkt 106 Meter unter dem Bosporus. Dort herrschen 11 Bar Wasserdruck. Kombiniert mit einem sehr wechselhaften, verschleißintensiven Untergrund stellte das für die Abbauwerkzeuge des riesigen Schneidrades eine Extrem-Anforderung dar. Hierfür bedurfte es diverser Sicherheitsfeatures, die nur Herrenknecht – durch Referenzen erprobt und weiterentwickelt – für Pionierprojekte liefern könne, so der Hersteller.

Schneidrad
Das Schneidrad der 13,66 m großen Tunnelbohrmaschine kurz nach dem Durchstich im Zielschacht auf der europäischen Seite des Bosporus.

Begehbares Schneidrad

„Die besondere Herausforderung bestand darin, ein Schneidrad zu entwickeln, das den Wechsel der Abbauwerkzeuge auch bei dem enormen Außendruck sicher von innen ermöglicht“, erklärt Werner Burger, Konstruktionsleiter bei Herrenknecht. Ergebnis: ein durch schmale Arbeitskammern von der Rückseite begehbares Schneidrad. So kann das Personal die Werkzeuge durch spezielle Schleusensysteme vom Personal unter atmosphärischen Druckverhältnissen sicher austauschen. Darüber hinaus war die TBM mit Spezial-Equipment zum Einsatz von Sättigungstauchern ausgestattet. „Alle Einrichtungen haben sich im Verlauf des Vortriebs bei Wartungs- und Reparaturarbeiten bewährt“, resümiert Burger.

Gegen den Dauerstau

Der Bau der 3,34 Kilometer langen Röhre für den Eurasia-Tunnel zählt aufgrund der technisch extrem komplexen Herausforderungen zu den weltweit anspruchsvollsten Tunnelbauprojekten. Dank der Zusammenarbeit aller Projektpartner konnte der Vortrieb am 22. August 2015 termingerecht abgeschlossen werden. Die Pionier-Technologie und die Zusammenarbeit aller Projektpartner ermöglichte dem Konsortium TBM unter dem Bosporus Höchstleistungen von bis zu 92 Metern pro Woche. Ab Ende 2016 sollen im Eurasia-Tunnel täglich rund 100.000 Fahrzeuge auf zwei übereinanderliegenden Fahrbahnen zwischen den Kontinenten wechseln. Das neue Tunnelbauwerk ist die erste direkte Verbindung zwischen dem historischen Goldenen Horn auf der europäischen und dem Hafengebiet auf der asiatischen Seite. Es wird den chronisch verstopften Verkehr in Istanbul entscheidend entlasten und die Fahrtzeit von heute 100 auf nur noch 15 Minuten reduzieren.

Blick in den Tunnel
Der Bau der 3,34 Kilometer langen Röhre für den Eurasia-Tunnel zählt aufgrund der technisch extrem komplexen Herausforderungen zu den weltweit anspruchsvollsten Tunnelbauprojekten.
 
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