Unternehmensführung

EU-Emissionshandel und Zement-Industrie

Wohin geht die Reise?

Die aktualisierte Carbon-Leakage-Liste im EU-Emissionshandel für den Zeitraum 2015 bis 2019 trat Ende Oktober in Kraft. Auf dieser Grundlage hat die europäische Zementindustrie eine umfangreiche kostenfreie Zuteilung von CO2-Zertifikaten auf der Grundlage des bisherigen Benchmarks erhalten. Auch wenn diese Regelung bis zum Jahr 2019 Bestand hat, wird derzeit bereits über die Ausgestaltung der 4. Emissionshandelsperiode diskutiert. Erste Reformvorschläge liegen auf dem Tisch.

Die dritte Phase des EU-Emissionshandels (EU ETS) hat erst im vergangenen Jahr begonnen – doch schon heute werden verschiedene Ansätze zur strukturelIen Reform des Systems für die nächste Handelsperiode ab 2021 diskutiert. Die Überlegungen befinden sich zwar noch in einem frühen Stadium.

Bereits in den kommenden Jahren könnten jedoch die Weichen für die Zukunft des CO2-Markts und damit auch für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Zementindustrie gestellt werden. Ziel der Reformen ist eine Stärkung des EU ETS und ein wirksamer Schutz vor Carbon Leakage (CL). In dieser Hinsicht sorgt die neue CL-Liste zumindest mittelfristig für etwas Planungssicherheit. Mit ihr wird die kostenfreie Zuteilung von CO2-Zertifikaten u. a. für die Klinkerherstellung auf Basis des bisherigen Benchmarks bis 2019 fortgeschrieben.

Carbon-Leakage-Liste 2015-2019

Die bisherige CL-Liste aus dem Jahr 2009 verliert dieser Tage ihre Gültigkeit. Insofern wird der Umfang der kostenfreien Zuteilung von CO2-Zertifikaten ab 2015 dann auf Grundlage der neuen, fast identischen Branchenliste ermittelt. Wie im Jahr 2009 liegt auch der neuen CL-Liste eine quantitative Bewertung der branchenspezifischen CO2-Kosten- und Außenhandelsintensitäten zugrunde.

Die EU-Kommission hat dabei an den bisherigen Parametern festgehalten (CO2-Preis 30 € je Tonne, Auktionierungsanteil 75 Prozent). Gemäß dem Entwurf der neuen CL-Liste dürften somit auch künftig insgesamt rund 175 Sektoren und Teilsektoren als Carbon-Leakage-gefährdet eingestuft werden und eine – um einen sektorübergreifenden Korrekturfaktor verminderte – Benchmarkzuteilung erhalten. Die europäische Zementindustrie ist weiterhin im Entwurf der neuen CL-Liste enthalten und kann somit zumindest bis 2019 mit einer kos­tenfreien Zuteilung entsprechend der Klinkerbenchmarks unter Berücksichtigung des Korrekturfaktors rechnen.

Wie schon 2009 wird sich die Branche über das quantitative Bewertungsverfahren (CO2-Kostenintensitat > 30 Prozent) qualifizieren (siehe Tabelle). Das Climate Change Committee hatte dem von der EU-Kommission vorgelegten Entwurf der Branchenliste am 09.07.2014 zugestimmt. (…)

Unterdessen hat die EU-Kommission im Sommer eine öffentliche Konsultation zur Weiterentwicklung des Carbon-Leakage-Schutzes nach 2020 eingeleitet und die betroffenen Stakeholder um Einschätzungen gebeten. VDZ und CEMBUREAU haben sich hieran mit schriftlichen Stellungnahmen beteiligt.

Wolken in Form eines Fragezeichen
// Thaut Images - Fotolia.com

Zukunft des EU ETS post-2020

Neben der Frage des Carbon-Leakage-Schutzes werden schon seit Längerem verschiedene Vorschläge zur strukturellen Reform des EU ETS post-2020 diskutiert. Zu den prominentesten Ansätzen zählt sicherlich der Vorschlag der EU-Kommission vom 22.01.2014, durch die Einführung einer Marktstabilitätsreserve (MSR) den vermeintlichen „Überschuss“ an CO2-Zertifikaten im EU ETS schrittweise abzuschöpfen. Die Bundesregierung unterstützt diesen Vorstoß, wirbt aber dafür, die MSR bereits ab 2017 umzusetzen. Andere derzeit diskutierte Ansätze zielen darauf ab, die kostenfreie Zuteilung für Industrieanlagen stärker an die tatsächlichen Produktions- und Emissionsmengen zu koppeln, um konjunkturelle Schwankungen besser zu berücksichtigen. So könnten nach einer Studie des Forschungsinstituts Ecofys Zertifikate, die in einer Phase niedrigerer Emissionen nicht benötigt würden, in eine sogenannte „Allocation Supply Reserve“ (ASP) überführt werden.

Kernelement beider Konzepte (MSR und ASP) ist eine Reserve, die regelbasiert „gefüllt“ bzw. „geleert“ würde. Dabei würde sich die MSR aus den künftigen CO2-Auktionsmengen speisen, die ASP dagegen aus den Zuteilungsmengen für die Industrie.

Climate-Strategies-Studie zu Zement

Einen weiteren, jedoch wesentlich umfassenderen Ansatz zur Reform des EU ETS hat das Forschungskonsortium Climate Strategies im Februar dieses Jahres präsentiert (Carbon Control and Competitiveness Post 2020: The Cement Report). Die Studie, die in gleicher Weise für die Zement- und Stahlindustrie erstellt wurde, eruiert Möglichkeiten, das CO2-Preissignal des Emissionshandels zu stärken, ohne den Schutz der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie im Hinblick auf Import- und Exportrisiken zu vernachlässigen.

So regen die Autoren der Studie an, den Endverbraucher über eine entsprechende Abgabe in den CO2-Preismechanismus einzubeziehen. Demnach würde ein Zementhersteller wie bisher eine kostenfreie Benchmark-Zuteilung für die Klinkerproduktion innerhalb des EU ETS erhalten. Bei Eintritt des produzierten Gutes (z.B. Zement) in die Konsumsphäre (z.B. ab Großhandel) würde schließlich die CO2-Abgabe (= Klinkergehalt x CO2-Preis x Benchmark) beim Kunden fällig. Für importierte Zemente würde die Abgabe analog auf den Konsumenten gewälzt, sodass hier heimische Produzenten nicht benachteiligt würden. Demgegenüber wären Exporte von der zusätzlichen Belastung befreit, da der Konsum nicht innerhalb der EU stattfände. Ein solches System wäre deshalb aller Voraussicht nach WTO-kompatibel.

Insgesamt enthalten alle drei beschriebenen Reformansätze Elemente, die als Ausgangspunkt für eine Neugestaltung des EU ETS post-2020 dienen könnten. Dabei bietet vor allem der Climate-Strategies-Ansatz, der im Kern eine Einbeziehung des Konsums in den CO2- Preismechanismus vorsieht, für die Zementindustrie Anknüpfungspunkte, um Innovationsanreize und CL-Schutz langfristig zu gewährleisten.

Die Climate-Strategies-Studie ist unter folgendem Link abrufbar:

www.climatestrategies.org/research/our-reports/category/61/384.html

Zementwerk
Branchen wie die Zementindustrie sind energie-intensiv, die CO2-Abgaben entsprechend hoch. Eine neue Studie regt an, den Unternehmen z.B. für die Klinkerproduktion weiterhin kostenfreie Benchmarks zuzuteilen und die Abgaben auf die Endverbraucher umzulegen. // BG RCI
 
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