Unternehmensführung

Demografische Entwicklung

Innovativität – Reflexivität –Führung

Warum werden in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) so wenige Maßnahmen des Demografiemanagements umgesetzt? Fehlt ihnen die Einsicht in die Folgen der demografischen Entwicklung wie Fachkräftemangel oder alternde Belegschaft? Oder können sie vorhandene Einsichten manchmal nicht umsetzen, weil die Innovationsfähigkeiten nicht genügend ausgeprägt sind? In seinem Vortrag beim Hauptstadtkongress 2014 der Offensive Mittelstand ging Prof. Dr. Frank Schirmer (TU Dresden) auf diese Fragen ein.

Professor Schirmer vertrat darin die These, die oft beobachteten Defizite in der Herangehensweise an den demografischen Wandel seien ein „blinder Fleck“ in KMU. Dies verwundert zunächst, gelten die KMU-Kulturen gemeinhin doch als innovationsfreundlich. Die Herausforderungen des demografischen Wandels sollten also keine unüberwindbare Hürde für KMU darstellen. Der Fachkräftemangel wird in vielen Betrieben auch schon spürbar. Aber die Lösungsmöglichkeiten in den Betrieben selbst werden häufig unterschätzt oder gar nicht erst erkannt. Woran liegt das?

Ein angemessenes Demografiemanagement umfasst Praktiken des Personalmanagements, wie etwa die regelmäßige Durchführung von Altersstrukturanalysen oder Maßnahmen der Personalgewinnung und -bindung. Auch das Organisationsmanagement gehört dazu, z.B. ergonomische Arbeitsplatzgestaltung und Wissensmanagement, etwa die Weitergabe des Wissens von den Älteren an die Jüngeren. Entsprechende Instrumente sind einfach zu nutzen. Was hindert Unternehmen also daran, derartige Methoden und Instrumente umzusetzen?

Mann legt den Kopf auf Aktenordner
Zeitmangel und Stress im Tagesgeschäft halten Unternehmer oft davon ab, auf den demografischen Wandel im Betrieb einzugehen. // BlueSkyImages - Fotolia.com

Innovation vs. Tagesgeschäft

Eine Antwort darauf ist in den KMU-Kulturen zu suchen. Die Eigentümer sind meist nah am betrieblichen Geschehen, Entscheidungen werden auch schnell getroffen, es herrscht ein familiäres, informelles Klima. KMU sind in operativen Bereichen häufig flexibel und erfindungsreich.

Diese Eigenschaften von KMU stützen ihre Innovationsfähigkeit – aber sie können auch eine Bürde sein, wenn Entscheidungen zu treffen sind, die nicht unmittelbar mit dem Tagesgeschäft zu tun haben. Wer operativ sehr wachsam und flexibel ist, läuft Gefahr, sich zu sehr auf kurzfristige Entscheidungen und Maßnahmen zu konzentrieren, längerfristige Perspektiven aber aus dem Blick zu verlieren.

 Das familiäre Betriebsklima, informelle Entscheidungsprozesse und die flachen Hierarchien können dazu führen, dass Eigentümer in KMU die wichtigen Entscheidungen grundsätzlich allein treffen, ohne eine kritische Prüfung durch Führungskräfte oder Mitarbeiter. Dabei kann Raum für sachliche Kritik – Reflexion – verloren gehen. KMU-Kulturen können also positive und negative Wirkungen auf die Innovationsfähigkeit entfalten.

Das zeigen auch erste Ergebnisse einer empirischen Studie, die Professor Schirmer in seinem Vortrag vorstellte. Die dominierende Position von Eigentümern und Geschäftsführern in KMU stellt einen besonderen Engpass dar, wenn es an die Umsetzung demografischer Neuerungen im Unternehmen geht. Wenn an dieser Stelle der Wille zur Realisierung  fehlt, versanden entsprechende Initiativen. Zeitmangel und der Druck des Tagesgeschäfts werden auch häufig genannt, um zu begründen, warum zu wenig für die Bewältigung demografischer Herausforderungen getan wird. Auch die eingelebten Routinen, etwa bei der Rekrutierung von Nachwuchs oder der Behandlung älterer Mitarbeiter, sind schwer aufzubrechen und behindern eine Neuorientierung. Deshalb wird es bei der Bewältigung des demografischen Wandels nicht nur darum gehen, möglichst viele Instrumente zu entwickeln.  Es ist auch ein Kulturwandel nötig.

Prof. Dr. Frank Schirmer, TU Dresden

Frank Schirmer
„In den KMU ist ein Kulturwandel nötig“, postuliert Frank Schirmer, Professor für Betriebswirtschaft an der TU Dresden und Autor dieses Beitrags.