Schöne Bescherung!

Helmut Ehnes<

Da ist sie wieder: die Krise – rechtzeitig zum Weihnachtsfest. Dabei stand Deutschland lange Zeit wie ein Fels in der Brandung der Globalisierung, der weltweiten Finanzkrise und der europäischen Schuldenkrise. Aber jetzt trüben sich die Aussichten auch hierzulande ein. Nur noch ein minimales Wirtschaftswachstum ist prognostiziert. Krise um uns herum: bei den europäischen Nachbarn, in vielen Ländern, die für unsere Exporte so enorm wichtig sind und sogar in China, wo man das Wachstum jahrelang eher bremsen musste, läuft es nicht mehr glatt. Da ist es klar, dass auch Deutschland und seine Industrie nicht ungeschoren davonkommen. Wir müssen wohl damit leben, dass jedes Land auch von der globalen Entwicklung abhängt, dass die Zeiten stetigen Aufschwungs vorbei sind und dass die wirtschaftlichen Zyklen damit unberechenbarer werden.

Und dennoch: in Deutschland läuft es besser als in den allermeisten Ländern. Der Arbeitsmarkt zeigt sich erfreulicherweise stabil. Nie gab es mehr Beschäftigung. Viele offene Stellen können nur schwer besetzt werden – die demografische Veränderung unserer Bevölkerungsstruktur lässt schon heute grüßen. Ganz besonders erfreulich ist, dass junge Menschen in unserem Lande im Regelfall einen Ausbildungsplatz finden können – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern. Erfreulich ist auch, dass in globalen Krisenzeiten die Binnenkonjunktur gut läuft, wie man gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit erkennen kann. Was also macht den Unterschied?

Da gibt es sicher viele Antworten. Natürlich sind die stärker als anderswo mittelständisch geprägten Unternehmen eine Trumpfkarte – viele der „Hidden Champions“ sind deutsche Mittelständler. Natürlich ist das duale Ausbildungssystem in Deutschland ein Edelstein, den viele Länder heute kopieren möchten. Und auch das hierzulande oft als überholt angesehene deutsche Sozialsystem ist ein Garant für wirtschaftlichen Wohlstand und soziale Gerechtigkeit – mehr denn je in Krisenzeiten. Alle Faktoren hängen gegenseitig voneinander ab und erzeugen zusammen die positive Gesamtwirkung.

Natürlich kostet uns unsere Sozialversicherung Geld und manch einer sieht darin nur eine unnötige Erhöhung der Lohnnebenkosten. Ausgaben für die Sozialsysteme sind aber vor allem intelligente soziale Investitionen, die den Menschen die Sicherheit geben, ohne die Kreativität, Ideenreichtum und Leistung nicht möglich sind, und die andernorts zumeist fehlen. Weil der Zusammenhang zwischen funktionierenden Sozialsystemen und wirtschaftlichem Erfolg immer deutlicher wird, werden wir weltweit um genau die Standards beneidet, die wir in der internen Diskussion oft kritisch sehen. Es ist wie immer: was man hat, betrachtet man als selbstverständlich. Erst wenn es abhanden kommt, merkt man, was fehlt .

José Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission, äußerte sich zur Bedeutung funktionierender Sozialsysteme in seiner Rede zur Lage der Europäischen Union im September 2012 mit folgenden Worten: „Gerade die europäischen Länder mit den effizientesten Sozialschutzsystemen und den ausgeprägtesten Sozialpartnerschaften gehören zu den erfolgreichsten und wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt”. Neben den skandinavischen Ländern bezog er sich mit dieser Aussage sicherlich auch auf Deutschland.

In China beklagt man sich darüber, dass die stetig wachsende Mittelschicht zu wenig konsumiert und damit die Binnennachfrage lahmt. Warum ist das so? Die Menschen haben Angst - Angst vor der Zukunft. Sie wissen nicht was passiert, wenn sie krank werden oder einen Unfall erleiden. Sie wissen nicht, was das Alter bringt, denn die Großfamilie fängt niemanden mehr auf und ein umfassendes Sozialsystem gibt es noch nicht. Deshalb unternimmt China heute wie viele andere Länder große Anstrengungen, um eine funktionierende und bezahlbare Sozialversicherung aufzubauen.

Fazit: Wir sollten in Deutschland nicht immer nur fragen, was uns unser Sozialsystem kostet. Wir sollten uns vielmehr darüber unterhalten, was es uns wert ist. Es ist der Garant für eine sichere und gute Zukunft für uns alle! In diesem Sinne wünsche ich  allen Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest, ein sicheres und gutes Jahr 2013 und eine schöne Bescherung.

Herzlichst
Ihr Helmut Ehnes