Der einzig wahre Realist ist der Visionär!

Helmut Ehnes

Mit diesem bekannten Satz in der Überschriftbrachte der italienische Regisseur und Schriftsteller Federico Fellini zum Ausdruck, dass Menschen Visionen brauchen. Dies gilt gerade heute, in einer Zeit der Krisen, in der man immer öfter wahrnimmt, dass sich ein Gefühl der Ohnmacht breit macht.

Und was bedeutet das für unser Thema „Sichere und gesunde Arbeit“? Bis vor kurzem war es noch so, dass man in ungläubige Augen blickte, wenn man es wagte auszusprechen, das Ziel müsse doch wohl lauten: Null Arbeitsunfälle! „Vision Zero“ – das sei eine Illusion, das sei nicht erreichbar – gerade in Branchen mit großem Risikopotential. Im Büro vielleicht ja, aber im Steinbruch oder im Betonwerk?

Ich möchte Sie, liebe Leser, zum Jahresende bitten, darüber nachzudenken, was diese Haltung bedeutet und ob sie zulässig ist. Verdeutlicht man sich die Ergebnisse unserer gemeinsamen Präventionsbemühungen der vergangenen zehn Jahre, so erkennt man Licht und Schatten. Es scheint, wir stoßen an eine imaginäre Grenze, an der es einfach nicht mehr weitergeht. Und vielleicht liegt die Ursache ja in unseren Köpfen, in unserem Denken. Ja, die Arbeitswelt war nie sicherer als heute. Ja, die Zahl der schweren Arbeitsunfälle ist zurückgegangen. Aber in den letzten Jahren ist die so genannte 1.000-Vollarbeiter-Quote, die das Risiko, einen meldepflichtigen Arbeitsunfall zu erleiden, beschreibt, kaum noch gesunken.

Im vorigen Jahr hat in der Baustoff-Industrie jeder 20. Arbeitnehmer einen meldepflichtigen Arbeitsunfall erlitten und wenn Sie die nicht meldepflichtigen Unfälle noch hinzunehmen, ist es sogar jeder zehnte. Ist das nicht ein Armutszeugnis? Dramatisch sieht es bei den Todesfällen aus. 2010 sind in den Betrieben der Baustoff-Industrie 13 Menschen bei der Arbeit gestorben. Im laufenden Jahr sind es schon elf. Und wenn man die vergangenen zehn Jahre addiert, so sind in diesem Zeitraum 150 Menschen bei der Arbeit tödlich verunglückt!

Wer will da noch ernsthaft gegen „Vision Zero“ argumentieren? Wie kann man denn als Chef oder Vorgesetzter dem Betroffenen oder den Hinterbliebenen erklären, dass gerade sein schwerer Unfall oder gar der Todesfall einkalkuliert, nicht zu verhindern war?

Die Analysen der Arbeitsunfälle zeigen immer wieder das gleiche Bild: Den schicksalhaften Unfall gibt es nicht. Immer sind es Versäumnisse, ist es Wegschauen, das Dulden von unsicheren Handlungen, nicht konsequentes Handeln von Führungskräften oder fehlende Planung und Aufklärung, die man in den vielfältigen Ursachenketten findet. Es sind nicht immer nur die Anderen – jeder kann betroffen sein. Jeder ist gefordert!

Lassen Sie uns 2012 damit anfangen, die Null zum Goldstandard zu machen. Setzen wir uns zum Ziel, tödliche Arbeitsunfälle in der Baustoffindustrie zu eliminieren. Ich bin überzeugt davon, dass dies möglich ist. Davon profitieren nicht nur die Menschen, die unversehrt nach Hause zurückkehren, es macht sich auch in wirtschaftlicher Hinsicht bezahlt. So möchte ich gerne dem berühmten amerikanischen Unternehmer Walt Disney zustimmen, wenn er sagt: „If you can dream it, you can do it.“

Mit den besten Wünschen für ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes und sicheres 2012: Vision Zero – das ist die Zukunftsaufgabe für unsere Industrie.

Herzlichst Ihr
Helmut Ehnes