Arbeitssicherheit | International

Meilensteine für die sichere Rohstoffgewinnung: „Atlantic Alliance“ tagt in Brüssel

Industrievertreter, Zulieferer und Regelsetzer kommen im internationalen Netzwerk „Atlantic Alliance“ zusammen. Die Gründungsmitglieder aus England, Irland und Nordirland, den USA und Deutschland verabredeten 2004 einen Austausch von Lösungen guter Praxis im Arbeitsschutz für die rohstoffgewinnende Industrie, die Entwicklung abgestimmter Konzepte mit dem derzeitigen Schwerpunkt, sicherheits- und gesundheitsschutzgerechte Ausstattung mobiler Anlagen voranzutreiben. Im Oktober trafen sich die Repräsentanten nun zum sechsten Mal. Die  Europa-Vertretung Nordrhein-Westfalens in Brüssel stellte die Räume zur Verfügung.

Die Konferenz ist das primäre Forum für Arbeitsschutz in der Rohstoffindustrie. Der europäische Beitrag wurde durch den Europäischen Gesteinsverband (UEPG) in Zusammenarbeit mit der Internationalen Sektion für die Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten im Bergbau (ISSA Mining) geleis­tet. Unterstützt wurde die Konferenz von der amerikanischen  National Stone, Sand and Gravel Association (NSSGA), der kolumbianischen  Columbian Sand & Gravel Association (ASOGRAVAS), der brasilianischen ANEPAC (Brazilian Aggregates Producers Association) sowie der australischen CCAA (Australian Cement, Concrete and Aggregates Association). Mit dabei war die Initiative für nachhaltige Zementindustrie  (WBCSD/Cement Sustainability Initiative). Kompetenzen kamen ergänzend durch die  Repräsentanten der Europäischen Kommission einschliesslich der Normungsinstitution CEN sowie des Europäischen Gewerkschaftsverbandes. Praxisrelevanz wurde auch durch Unternehmen der Rohstoffindustrie, von Zulieferern sowie Universitäten und Forschungseinrichtungen sichergestellt.

Anthony Fell, Präsident des diesjährigen Gastgeberverbands UEPG.
Anthony Fell, Präsident des diesjährigen Gastgeberverbands UEPG.

Goldene Regeln für Sicherheit

Auf dieser Grundlage arbeiten Steinbruchbetreiber, Beschäftigte und Auftragnehmer gemeinsam an einer stetigen Verbesserung der Mindeststandards auf dem Gebiet des Arbeitsschutzes. Die Konferenzteilnehmer vereinbarten den folgenden Aktionsplan für die nächsten sechs Monate:

Die Beiträge im einzelnen

UEPG-Präsident Jim O’Brien, NSSGA-CEO und Präsident, Joy Wilson und ISSA Mining-Vizepräsident John McEndoo eröffneten die Konferenz. McEndoo verdeutlichte, dass die im International Council on Mining and Metals (ICMM) vereinigten Unternehmen ein Prozent der Beschäftigten weltweit repräsentieren, jedoch mit acht Prozent aller tödlichen Arbeitsunfälle einem überdurchnittlichen Risiko  ausgesetzt sind; die Verbesserung der Sicherheitsstandards müsse daher uneingeschränkt die höchste Priorität haben.

Session 1: Internationale Konvergenz

Matthew Heppleston, DG Employment, unterstrich Arbeitssicherheit als ein grundlegendes Menschenrecht. Jährlich 2,3 Millionen durch die Arbeit bedingte Todesfälle fordern einen hohen Preis, sowohl aus humanitärer Sicht als auch aus ökonomischer Perspektive. Viele Unternehmen und Institutionen bemühen sich intensiv um eine Verbesserung der Arbeitssicherheit, einschließlich der Europäischen Kommission. Für die mineralextrahierende Industrie resultieren daraus unter anderem die Direktive 89/391/EEDC mit den daraus abgeleiteten Richtlinien. Die durch DG Employment entwickelten Richtlinien Guter Praxis werden durch die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz implementiert; DG Employment unterstützt die Arbeit der Atlantic Alliance aktiv.

Helmut Ehnes, Generalsekretär der ISSA Mining, berichtete über die Arbeit der Institution, die vernetzt mit einer Reihe von internationalen Partnern diese Ergebnisse in die Praxis übertragen wird. Durch die 2008 verabschiedete Erklärung von Seoul, die erste weltweite Initiative zur Verbesserung der Arbeitssicherheit, wird die Arbeit nachhaltig unterstützt. Ehnes unterstütze die Arbeit der Atlantic Alliance und regte an, dass das Netzwerk Unterstützer der Erklärung von Seoul wird.

Joy Wilson, NSSGA, präsentierte die Initiativen, die die us-amerikanische Steinbruchindustrie trotz der durch die Rezession erschwerten wirtschaftlichen Bedingungen durchführe und die über die durch NIOSH, die MSHA und die EPA vorgegebenen  Regularien zur Arbeitssicherheit, zum Gesundheits- und Umweltschutz hinausgingen. Im Ergebnis konnte die jährliche Anzahl der Arbeitsunfälle einschließlich tödlicher Unfälle nachhaltig reduziert werden, ergänzte Wilson.

Dieter Mantwill, RAG Deutschland, redete über eine erfolgreiche Kampagne zur Verminderung der Unfallzahlen und tödlichen Unfälle im von ihm repräsentierten Unternehmen und traf mit der Vorstellung der Prozesschritte auf dem Gebiet der Technik, Organisation und auf dem Gebiet der Sicherheitskultur auf großes Interesse.

Drastischer Rückgang der Unfallzahlen durch eine integrierte Strategie: Der Vortrag der deutschen RAG fand viel Interesse.
Drastischer Rückgang der Unfallzahlen durch eine integrierte Strategie: Der Vortrag der deutschen RAG fand viel Interesse.

Jim O'Brien stellte die Arbeit der Initiative für nachhaltige Zementproduktion (WBCSD/Cement Sustainability Initiative (CSI) vor, die unter anderem die Reduktion der tödlichen Unfälle in der Zementindustrie und weiterverarbeitenden Branchen verfolgt. Im Rahmen der jährlich etwa 200 verzeichneten tödlichen Arbeitsunfälle im Bereich der Natursteingewinnung seien in etwa 60 Prozent Fremdfirmen beteiligt, 50 Prozent gingen auf den Einsatz mobiler Anlagen zurück. In einem fünfjährigen Zeitraum sollen gezielte Präventionskampagnen für diese beiden Bereiche durchgeführt werden.

Phil Pappard, Health & Safety Executive United Kingdom, betonte die essentielle Rolle der Normungsarbeit für die sichere Anlage und Betrieb von Steinbrüchen. Er begrüßte die Arbeit der Atlantic Alliance, die die Anforderungen an die Normung insbesondere aus der Richtung der Betreiber voranbringe; typischerweise sei dieses Feld in der Vergangenheit von Maschinenproduzenten dominiert gewesen.

Dirk Fincke, UEPG, beschrieb den erfreulichen Fortschritt auf dem Gebiet des Europäischen Sozialen Dialogs auf dem Gebiet des silikogenen Staubes. Dieses Beispiel zeige eindrucksvoll, wie erfolgreich freiwillige Branchenvereinbarungen sein können.

Milton Akira Kiyotani, ANEPAC, gab einen Einblick in das bemerkenswerte Engagement auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit durch das „Miner Açoã“-Programm  des brasilianischen instituts für Bergbau, IBRAM. In zehn grundlegenden Arbeits-prinzipien werde die Wichtigkeit der Arbeitssicherheit betont, beginnend beim Top-Management. Richtlinien für die Anwendung Guter Praxis würden gleichermaßen in große Unternehmen wie in kleine und mittelständische Betriebe transferiert.

Session 2: Sichere Maschinen und Anlagen

Martin Isles, MPA (UK), stellte die Entstehung der „Safer by Design“-Initiative und die begleitende Website www.safequarry.com vor. Die Initiative werde nun als UEPG-Projekt fortgeführt. Isles beschrieb die unterstützende Arbeit der University of Queensland, EMESRT (Earth-Moving Equipment Safety Round Table) sowie die Unterstützung des Projekts durch zahlreiche Maschinenhersteller.

Darauf aufbauend beschrieb Tim Horberry, University of Queensland, das durch die australische Bergbauindustrie durchgeführte EMERST-Projekt. Im Rahmen dieses Projektes sei eine signifikante Lücke im Maschinendesign zwischen den Anforderungen der Betreiber und den Standards der Hersteller deutlich geworden. Seit dem Projektbeginn im Jahr 2008 wurden erhebliche Fortschritte in der standardmäßigen Sicherheitsausrüstung durch die Maschinenhersteller erzielt, ergänzte Horberry; dieser Prozess sei durch die Regulierungsbehörden für Arbeitssicherheit unterstützt worden.

Valerie Cantrell und Mark Andrew beschrieben die CAT-Initiative „Safely Home, Everyone, Every Day“, die Verbesserungen der Sicherheitsausstattung insbesondere auf Basis von Kundenrückmeldungen umfasse. Praxisrelevante Informationen biete das Internetangebot  www.safety.CAT.com.

Gerhard Steiger beschrieb die Normungsarbeit des CEN TC151 (Construction Equipment and Building Material Machine Safety) sowie die Verbindungen zu ISO TC127 und TC195. Er unterstrich die Bedeutung von Beiträgen aus Betreibersicht und lud UEPG als Liaison Member für das TC151 ein.

Matthew Heppleston stellte die Aktivitäten zur Verbesserung der Arbeitssicherheit vor, die durch DG Employment und CEN SABOHS durchgeführt wurden; dies beinhalte das Advisory Committee on Safety and Health at Work (ACSH) sowie die „Standing Working Party (SWP) for mines and other extractive industries“.

Ian Fraser berichtete für die DG Enterprises über die  Maschinenrichtlinie, die Definition und Anwendung der essentiellen Gesundheitsschutz- und Sicherheitsanforderungen (EHSRs) und das Design sowie den Herstellungsprozess für sichere Maschinen und Geräte. Fraser unterstrich die Bedeutung harmonisierter Standards und der Arbeit des CEN/TC 151.

Troy Felts, Hanson UK, unterstrich die Bedeutung der Berücksichtigung von Betreiberanforderungen durch die Hersteller, um durch konstante Weiterentwicklung zu sicheren Maschinen zu kommen. Felts nannte eine Reihe von Beispielen, die verdeutlichten, wie  namhafte Hersteller konstruktiv noch immer unsichere Maschinen verantworten, und wie schon durch kleine Modifikationen nennenswerte Verbesserungen des Sicherheitsniveaus erzielt werden könnten.

Stefano Boy, ETUI (Europäisches Gewerkschaftsinstitut) betonte die Rolle der Mitarbeiterpartizipation bei der Erzielung von Verbesserungen der Sicherheit. Neben der sicherheitsgerechten Gestaltung von Maschinen und Anlagen nach EU-Direktive 98/37 seien ebenso die unternehmerseitigen Anforderungen an den sicheren Betrieb nach Direktive 89/655 von Bedeutung.

Den Abschluss des ersten Konferenztages bildete eine Besichtigung des BG RCI-Audiomobils, in dem den Besuchern moderne Gehörvorsorgeuntersuchungen demonstriert wurden, wie sie in den Betrieben der deutschen Industrie seit vielen Jahren durchgeführt werden.

Joy Wilson, NSSGA, gab interessante Impulse aus us-amerikanischer Sicht.
Joy Wilson, NSSGA, gab interessante Impulse aus us-amerikanischer Sicht.

Session 3: Kernperspektiven zu Sicherheit, Gesundheit und Umwelt

Martin Böttcher, BG RCI, stellte die erfolgreiche Kampagne „Risiko raus!” vor, die auf Unfälle beim betrieblichen Transport und im Verkehr fokussiert. Neben Unfallschwerpunkten sprach Böttcher über zielgerichtete Präventionsinstrumente und die mediale Gestaltung der Kampagne.

Prof. Vladimir Rodin, Labour Safety Scientific Research Institute in Yekaterinburg/Russland, beschrieb die Feldversuche zu Persönlicher Schutzausrüstung unter extremen klimatischen Bedingungen. Das Projekt sei von der BG Bau in Deutschland sowie durch PSA-Hersteller unterstützt worden.  Die Ergebnisse zeigten, dass  Sicherheit und Gesundheitsschutz durch die verbesserte Ausrüstung erheblich verbessert werden konnten.

Paul Corbin, Co-Chair der Cement Sustainability Initiative, beschrieb in seinem Vortrag die aktuelle Kampagne zur Verkehrssicherheit (Informationen  online verfügbar unter www.wbcsdcement.org). Corbin zeigte die trotz schwieriger Randbedingungen erfolgreiche Ausweitung der Kampagne durch Lafarge East Africa in Kenya und Uganda. Alle 18 CSI-Mitglieder würden die Initiative während der nächsten fünf Jahre auf globaler Basis einführen, einschließlich des  Bereichs der Natursteingewinnung, ergänzte Corbin. Die Initiative greife eine Vielzahl der Elemente aus „Safer by Design“ auf.

Ulrich Hank, RWE Deutschland, stellte eine Sicherheitsinitiative des deutschen Energieerzeugers vor. Die Herausforderung hätte in der Integration einer Vielzahl unterschiedlicher Nationen, Sprachen und Kulturen in das Sicherheitsmanagement der Kontraktoren bestanden. Die Lösung sei mit dem Instrument „Partner Safety Management“ (PSM) gefunden worden, das sämtliche Mitarbeiter vollständig in das Sicherheitsprogramm und die relevante Ausbildung einbeziehe.

In Vertretung von Richard Claydon, Cemex, präsentierte Martin Isles eine  Kampagne zur Reduzierung der Unfälle mit Fahrradfahrern in Großbritannien. Die Herausforderung läge hier in der Sichtbarmachung von Fahrradfahrern (und Fußgängern) im toten Winkel beim Abbiegen. Industrie, Polizei und die Interessenvereinigung der Fahrradfahrer kooperierten gut.

Mark Füllemann, Holcim, vertiefte den Einblick in die CSI Contractor Safety Initiative und stellte heraus, dass 60 Prozent der tödlichen Unfälle in diesem Industriezweig Arbeitnehmer aus Subunternehmen betreffen. Aus diesem Grund wurde die Qualifikation entsprechender Arbeitnehmer verbessert, Auswahlkriterien definiert, ein Berechtigungskonzept entwickelt sowie eine Evaluierungsmethode für erfolgreich durchgeführte Arbeiten unter sicheren Bedingungen verabschiedet. Die Instrumente wurden in verschiedenen Pilotprojekten erprobt, in Indien auch auf dem Gebiet der Speditionsdienstleistungen.

Michel Buzot, UNPG, beschrieb die zielgerichtete Kampagne in der französischen Gewinnungsindustrie, die auf zwölf goldenen Regeln für die Organisation von Arbeitssicherheit und Gesundheit, Verhaltensregeln und Arbeitsmethoden basiere. Die Kampagne führe zu einer drastischen Verminderung der Unfallzahlen, die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle sei auf einem sehr geringen Niveau.

Bettina Nickel machte als mittelständische Unternehmerin aus Deutschland deutlich, dass die „Safer by Design“-Empfehlungen auch bei kleinen Betrieben angewendet werden können und deren Kommunikation um so wichtiger sei.

Die Ergebnisse

Jim O'Brien fasste die wesentlichen Ergebnisse der drei Sessions zusammen:

Die nächste Konferenz ist für 2012 in den USA, die darauf folgende in Russland geplant. Erste Überlegungen, die Initiative in „Global Alliance“ umzubenennen, verdeutlichen den inzwischen internationalen Ansatz.

Die Initiatoren der Konferenz in Brüssel.
Die Initiatoren der Konferenz in Brüssel.