Stress und Entspannung

Unsere heutige Zeit zeichnet sich in vieler Hinsicht durch Einzigartigkeit aus. Noch nie waren die Menschen so dick, bewegten sich so wenig, hatten bessere Ernährungsbedingungen – und redeten so viel über Stress. Dabei ist Stress zunächst etwas völlig normales, ja eigentlich gesundes. Stress bereitet – physiologisch gesehen – den Menschen auf intensive Bewegung vor. Flucht, Kampf, Jagd waren früher an der Tagesordnung. Stress erhöht die Leistungsfähigkeit, das wissen viele Sportler, die im so genannten Vorstartzustand sehr nervös sind – ohne diese Nervosität aber auch nicht zu den erstrebten Leistungen fähig wären. Sprichwörtlich auch das Lampenfieber der Schauspieler - oder in der Geschäftswelt des Vorstands vor der Aufsichtsratssitzung. All diese Reaktionen sind nützlich, erhöhen die Leistungsbereitschaft und machen prinzipiell nicht krank.

Erst ein Übermaß an Stressbelastungen, zumal wenn zu wenige ausgleichende Mechanismen zur Verfügung stehen, führen zu krankheitsähnlichen Erscheinungen bis hin zur manifesten Erkrankung (Burn-out-Syndrom).

Der heute nicht selten gewählte Griff zur Alltagsdroge (Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Alkohol) ist kein probater Ausweg. Das Meldesystem des Körpers für Überlastungen wird lediglich außer Kraft gesetzt, die Gefahr der Dekompensation steigt.

Stress ist also primär sinnvoll, und er lässt sich auch auf sinnvolle Weise abbauen. Bewegung und Entspannung sind die natürlichen Ausgleichsmechanismen, die dem Körper zur Verfügung stehen.

Beim Begriff Bewegung denken wir heute fast automatisch an Sport. Aber Sport wird schnell mit Leistungssport assoziiert, und der wiederum baut zunächst einmal Stress im Menschen auf, wenn es um Grenzbelastungen geht. Bewegung kann auch sportlich sein, dient aber erst dann dem Stressabbau, wenn sie sanft, ausdauernd und ohne Leistungsdruck ausgeübt wird. Der Spaziergang, das Walking, der ruhige Lauf, die Radtour, die Skiwanderung – sie alle dienen dem Gleichklang von Körper und Seele und sind die wirksamsten Stresslöser, die dem Menschen zur Verfügung stehen. Der meditative Charakter ausdauernder Bewegung wird heute in allen seriösen Konzepten zur Vorbeugung oder Behandlung von stressbedingten Gesundheitsstörungen genutzt.

Aber Entspannung funktioniert auch in Ruhe. Der Schlaf hat natürlicherweise diese Funktion, nur leider kommt er uns manchmal abhanden. Er wirkt in Form von Schlafstörungen sogar als Indikator für eine sich ankündigende Stressreaktion. Insofern beschäftigt sich der Mensch schon seit Jahrtausenden mit Möglichkeiten, seine Entspannungsfähigkeit zu unterstützen und zu vervollkommnen. Die Meditationstechniken der fernöstlichen Kulturen wirken unter anderem in diese Richtung und sind heute so aktuell wie eh und je. Moderne Entspannungsformen bauen auf den althergebrachten Erfahrungen auf und haben sie in einer Weise ergänzt, die den Bedürfnissen des heutigen „Menschen ohne Zeit“ entsprechen.

Die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson ist eine solche Technik. Sie verbindet das bewusste Anspannen eines Muskels mit dem anschließenden „Loslassen“ – die Analogie zur seelischen Befreiung ist nicht zufällig. Die PMR lässt sich vergleichsweise einfach in einigen Übungsstunden erlernen und schlägt die Brücke zwischen körperlichen und seelischen Funktionen, ähnlich wie das noch ältere Autogene Training. Hier wird mit wiederholten Formulierungen („ich bin ganz ruhig“ oder „meine Arme sind schwer und warm“ sowohl Einfluss auf die Muskelspannung als auch die Durchblutung genommen. Nicht jeder Mensch ist in der Lage, sich mit Hilfe derartiger Autosuggestionsverfahren von Stressbelastungen des Alltags abzukoppeln. Wem es gelingt, dem steht eine hochwirksame, fast immer und überall einsetzbare Methode zur Verfügung.

Dieses Ziel verfolgen auch die Anhänger des Yoga und ähnlicher ursprünglich fernöstlicher Formen der Harmonisierung von Körper und Geist. Sie erfreuen sich zu Recht zunehmender Beliebtheit in einer Zeit, in der die Dominanz der pharmakologischen und technischen Medizin Überhand zu nehmen scheint.

Welche Maßnahme Sie auch wählen, betont aktiv oder eher in der Ruhe Entspannung suchend, ist zweitrangig. Wichtig ist vor allem, dass Sie sich in der Methode wohl fühlen, dass Sie sie regelmäßig durchführen und dass Sie Ihren Stress damit in positive leistungsfördernde Bahnen lenken. So wie es eigentlich in der Natur des Menschen liegt.

Thomas Wessinghage

Dr. Thomas Wessinghage
Dr. Thomas Wessinghage