Eingebildete Bildung?

Helmut Ehnes

Bildung tut Not. Bildung ist Voraussetzung für Wissen und Wissen ist Voraussetzung für richtiges Handeln – oder Verhalten. So gesehen ist Bildung lebensnotwendig, bei der Arbeit kann sie sogar überlebensnotwendig sein. Da lohnt es sich, die Frage zu stellen: Wie viel Bildung und welche Bildung brauchen wir?

Bildung in Deutschland: welch ein Thema! Da proklamiert doch tatsächlich die Kultusminister-Konferenz Jahre nach Pisa, dass man nunmehr vorhabe, die Reifeprüfung an Deutschlands Gymnasien ab 2011 auf ein vergleichbares Qualitätsniveau zu bringen.

Auch in der Arbeitswelt muss die Frage nach dem richtigen Maß an Bildung diskutiert werden. Bei der Untersuchung der Ursachen von Arbeitsunfällen sind die Experten häufig ratlos: Die Technik hat nicht versagt. Aber warum hat der Verunglückte so gehandelt? Mit den für ihn katastrophalen Folgen. Ein plausibler Grund ist oft nicht zu erkennen. Die Mutmaßungen reichen dann von „black out“, über Ablenkung von außen bis zu unterstellten Selbstmord-Absichten.

Aber stellen wir eigentlich die richtigen Fragen? Waren das Wissen für sicheres Verhalten und damit die Fähigkeit, Zusammenhänge zu beurteilen und Risiken richtig einzuschätzen, tatsächlich vorhanden? Haben wir alles getan, um die nötigen Kenntnisse klar, verständlich und nachvollziehbar zu vermitteln? Können wir sicher sein, dass unsere Mitarbeiter das Gesagte auch tatsächlich verstanden haben? Haben wir uns ausreichend von Ihren Kenntnissen in der deutschen Sprache überzeugt? Sind die Mitarbeiter über die eingesetzte Maschinentechnik und automatisch gesteuerte Maschinenfunktionen wirklich informiert? Kennen sie die Risiken in unserer Industrie?

Fragen, die sich beliebig fortsetzen ließen. Eine bedenkliche Anzahl von tödlich verlaufenen Arbeitsunfällen, auf die dieser Fragenkatalog passt, hat übrigens auch zu dem Rundbrief des Vorstandes geführt, den Sie vor kurzem erhalten haben. Gewiss, wir haben unsere Führungskräfte doch angewiesen, jährlich die verlangte Pflichtunterweisung zeitgerecht durchzuführen und uns von den Unterwiesenen die Aufklärung quittieren zu lassen. Die Frage aber, ob sie uns verstanden haben, bleibt. Gewiss, unsere Experten haben die Gefährdungen sorgfältig beurteilt. Und die Menschen an den Arbeitsplätzen? Haben wir uns mit deren Wissen, mit deren Bildungsstand genauso sorgfältig befasst?

Vielleicht haben wir in Deutschland zu sehr auf die Qualifizierung von Experten gesetzt und zu wenig mit dem Ausbildungs- und Wissensstand aller Mitarbeiter. Vielleicht müssen wir mehr investieren in Bildung am Arbeitsplatz?

Ich meine ja. Wir sollten gemeinsam – Unternehmen und Berufsgenossenschaft – über eine Bildungsoffensive nachdenken. Wir sollten uns überlegen, welche betriebs- oder branchenspezifische Bildung wir unseren Mitarbeitern zukommen lassen: am Anfang ihrer Tätigkeit und danach regelmäßig. Andere Länder sind da schon weiter. Wir brauchen einen gemeinsamen Mindeststandard. Wir müssen moderne Methoden zur Wissensvermittlung einsetzen. Wir müssen uns selbst und unsere Führungskräfte stärker in die Pflicht nehmen. Und wir müssen sicher sein, dass unsere Mitarbeiter das Vermittelte auch begriffen haben.

Ich bin sicher, eine solche Investition wird sich in mehrfacher Hinsicht lohnen: nicht nur durch weniger Arbeitsunfälle und weniger menschliches Leid. Auch Produktqualität und die Lebensdauer der installierten Technik werden sich erhöhen. Auch die Nachwuchsfrage wird sich entschärfen und letztlich wird sich das Image unserer Branche verbessern. Lassen sie uns also gemeinsam darüber nachdenken, ob mehr Bildung nicht nur in Deutschland, sondern vielleicht auch in den Steine- und Erdenbetrieben Not tut!