Erkältungskrankheiten wirksam und kostengünstig bekämpfen

Interview mit dem Internisten Prof. Dr. med. Thomas Schmidt von der MHH Hannover

S+E: Herr Professor Schmidt, Sie sind an der medizinischen Hochschule Hannover mit dem Schwerpunkt Präventiv- und Verhaltensmedizin tätig. Jetzt haben wieder Erkältungen, Grippe und Atemwegserkrankungen Hochkonjunktur. Was sollte man jetzt tun?

Schmidt: Zunächst muss man zwischen der echten Virusgrippe, hervorgerufen durch Influenzaviren, und Erkältungskrankheiten, hervorgerufen z.B. durch Rhinoviren, unterscheiden. Rhinoviren sind so winzig klein, dass auf dem Kopf einer Stecknadel 500 Millionen von ihnen Platz haben. Wenn ein Erkrankter niest, verbreitet er ein Aerosol von feinen Schleimtröpfchen mit genügend Viren, um ein ganzes Regiment zu infizieren. Die akute Erkrankung führt nicht selten zu einer Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis), die chronisch werden kann und dann meist auf einer nachfolgenden Infektion mit Bakterien oder Pilzen beruht. Auch eine Bronchitis gesellt sich nicht selten hinzu und mitunter sogar eine Lungenentzündung.

Unsere heutige Lebensweise trägt auch zu einer größeren Empfänglichkeit für Atemwegserkrankungen durch eine chronische Reizung der Atemwege bei. Der häufige Aufenthalt in sehr trockener Luft (Büroarbeit, überheizte Räume im Winter) oder in zu feuchten, schlecht gelüfteten Wohnungen mit Schimmelpilzbefall, in mit Zigarettenrauch, Rußpartikeln, Abgasen, Holz-, Stein-, Metall- oder anderen Stäuben, Chemikalien oder Lösungsmitteln verunreinigter Luft reizt und schädigt die empfindlichen Schleimhäute der Atemwege.

Im Gegensatz zu Grippeviren gibt es gegen Erkältungsviren keinen Impfschutz, die übliche ärztliche Behandlung besteht in der Gabe von abschwellenden Medikamenten für die Nasenschleimhaut, Nasensprays und Nasentropfen, Antiallergica, Schmerzmitteln und Antibiotika. Viele dieser Mittel sind durchaus hilfreich und verringern die Beschwerden.

S+E: Gibt es nicht ein einfaches Rezept , gut durch den Winter zu kommen?

Schmidt: Meine Kinder hatten häufig Atemwegsinfekte, und so kam ich auf die aus der Volksmedizin bekannte Nasenspülung mit physiologischer Kochsalzlösung (0,9%). Regelmäßiges Spülen der Nase brachte hier Besserung. Als Wissenschaftler habe ich aber auch überprüft, ob die Wirksamkeit auch in klinischen Studien bewiesen werden kann. An drei Studien mit unterschiedlichem Studiendesign war ich beteiligt. Es war eine Studie mit Bundeswehrrekruten, eine Studie mit Krankenkassen-Versicherten und eine Studie mit Verwaltungen und Betrieben aus dem Bereich Hannover.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die tägliche Nasenspülung das Wohlbefinden verbessert. Durch eine tägliche Nasenspülung konnten durchschnittlich 33,4 zusätzliche beschwerdefreie Tage pro Jahr hinsichtlich von 21 Beschwerden und Erkrankungsindikatoren gewonnen werden.

Die Wirksamkeit der Nasenspülung beruht im wesentlichen auf dem Spüleffekt und der Befeuchtung der Nasenschleimhaut in der gesamten Nasenhaupthöhle. Damit wird die Selbstreinigungsfunktion der Nasenschleimhaut unterstützt und verbessert. Der Spüleffekt ist abhängig von der Form und Größe bzw. dem Spülvolumen der jeweiligen Nasenspülkanne, wobei die Verwendung einer größeren Menge Spülflüssigkeit Vorteile bietet. Salz- oder Meerwassersprays können da verständlicherweise nicht mithalten. Im Gegensatz zur Nasenspülung haben sie keinen Spüleffekt. Sie befeuchten den Eingangsbereich der Nase, gelangen aber nicht bis in die Nasenhaupthöhle.

S+E: Ist das nicht unangenehm, und wie funktioniert die Nasenspülung genau?

Schmidt: Sie denken wahrscheinlich an unangenehme Badeerlebnisse beim Kontakt mit gechlortem Schwimmbadwasser. Die Lösung für die Nasenspülung wird aus ganz normalem Koch- oder und lauwarmem Leitungswasser hergestellt und mittels einer Spülkanne bei vorgeneigtem Kopf über ein Nasenloch ein und das andere Nasenloch wieder ausgespült. Die Lösung entspricht der Salzkonzentration im Blut (9 Gramm Kochsalz auf einem Liter Wasser) und reizt damit nicht.

Eine etwas höhere Salzkonzentration hat eine stärker abschwellende und schleimverflüssigende Wirkung. Nähere Informationen dazu kann man im Internet unter www.nasespuelen.de nachlesen. Die Tagestherapiekosten sind äußerst gering, auch ganzjähriges Nasespülen kostetet nur wenige Euro – also eine vorbeugende, wirksame und kostengünstige Maßnahme.

S+E: Ab welchem Alter kann man die Nasenspülung einsetzen und was gibt es zusätzlich zu beachten?

Schmidt: Ab einem Alter von vier bis fünf Jahren kann mit etwas Hilfe durch die Eltern die Nasenspülung durchgeführt werden.

Bei der Kanne ist auf eine ausreichende Größe (400-500 ml)zu achten, sie muss als Medizinprodukt CE-gekennzeichnet sein und sollte eine gerade lange Tülle für einen ausreichenden Spüldruck haben.

Auch der Reinigung und Hygiene sollte Rechnung getragen werden, sowohl Kanne als auch genutzte Messlöffel sollten desinfizierbar sein.

Koch- und Speisesalz gibt es auch ohne Trennmittel (dieses soll nur die Rieselfähigkeit verbessern) und die Lösung kann durch Zugabe von Natriumhydrogencarbonat, auch Natriumbicarbonat (z.B. „Kaiser Natron“) genannt, gepuffert werden.

Natriumbicarbonat ist im Blut nach Kochsalz das Salz mit der zweithöchsten Konzentration und puffert die Spüllösung, d.h. es hält den pH-Wert (Säuregrad) im erwünschten alkalischen Bereich stabil. Damit ist diese Salzmischung der Salzkonzentration im Blut noch besser angepasst als die einfache, ungepufferte 0,9-prozentige Kochsalzlösung. Die Kosten für einen Liter gebrauchsfertige Lösung liegen auch hier unter einem Cent.

Bei Entzündungen am Naseneingang, bei Verletzungen im Naseninneren und bei oder kurz nach starkem Nasenbluten sollte die Nase nicht gespült werden.

S+E: Gilt das Verfahren auch für die echte Virusgrippe/Influenza?

Schmidt: Die Virusgrippe oder Influenza ist eine hochansteckende und gefährliche Infektion der Atemwege, der jedes Jahr fast doppelt so viele Menschen zum Opfer fallen wie durch den Straßenverkehr. Die beste Vorbeugemaßnahme ist die Grippeschutzimpfung, die allerdings jedes Jahr im Herbst erneut vorgenommen werden muss. Eine frühzeitige Behandlung der Influenza innerhalb von 24 bis 48 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome mit Neuraminidase-Hemmern wie Tamiflu oder Relenza hemmt die Vermehrung der Influenzaviren. Damit kann die Erkrankungsdauer drastisch verkürzt und gefürchtete Komplikationen wie Lungenentzündung und Herzmuskelentzündung verhindert werden.

Ältere Menschen und Lungenkranke sollten sich zusätzlich gegen Pneumokokken impfen lassen. Eine Impfung ist meist noch möglich, auch wenn der übliche Impfzeitpunkt im Oktober verpasst wurde.

Bei kleinen Kindern gibt es übrigens noch eine impfpräventable Erkrankung durch den bakteriellen Erreger Haemophilus influenzae Typ b (Hib). Dieser ist für Atemwegsinfektionen wie Lungen-entzündung und Kehldeckelentzündung verantwortlich. Er kann bei Kindern bis zu fünf Jahren auch zur Hirnhautentzündung führen. Eine wirksame Vorbeugung und der beste Schutz ist die Impfung ab vollendeter 8. Lebenswoche.

S+E: Was sollte man neben einer Schutzimpfung allgemein beachten?

Schmidt: Auch wenn die regelmäßige Nasenspülung das Risiko für Erkältungskrankheiten und andere Erkrankungen und Beschwerden der Atemwege verringert, kann sie natürlich keine Garantie dafür sein, dass damit jede Virus- oder bakterielle Infektion vermieden werden kann. Wenn uns jemand anhustet oder anniest, der erkältet ist, und wir ein dicht mit Viren besiedeltes Schleimtröpfchen einatmen, ist es unvermeidbar, dass die Viren auf unsere Schleimhäute gelangen. Sie benötigen etwa sechs Stunden, um in die Zellen der Nasenschleimhaut einzudringen und uns zu infizieren, wenn wir nicht schon vorher einmal Antikörper gegen diesen speziellen Virustyp gebildet haben.

Theoretisch besteht noch eine Chance, die Infektion zu vermeiden, wenn wir unmittelbar, nachdem wir von einem Erkrankten angehustet worden sind, die Nase spülen. Aber das ist nicht immer möglich und auch keine Garantie, dass wir nicht doch infiziert werden, selbst wenn das Risiko dafür dann wahrscheinlich geringer ist. Deswegen ist es sinnvoll, all die anderen zusätzlichen Vorbeugemaßnahmen nicht zu vernachlässigen. Dazu gehört – wenn wir selbst erkrankt sind – andere Menschen nicht anzuhusten oder anzuniesen, auf das Hände-geben zu verzichten und Abstand zu halten (ca. 1 m), damit sich die Erreger nicht unnötig weiter von Mensch zu Mensch ausbreiten. Regelmäßiges Händewaschen kann vor bakteriellen Schmierinfektionen schützen.

S+E: Noch eine Empfehlung zum Schluss?

Schmidt: Das ist mehr ein Wunsch. Die Nasenspülung qualifiziert sich uneingeschränkt für einen bevölkerungsweiten Einsatz im Sinne einer vorbeugenden und heilenden Bevölkerungsmedizin. Ein dem Zähneputzen vergleichbarer Einsatz der Nasenspülung hätte eine beträchtliche Auswirkung auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung zu sehr geringen Kosten. Damit besteht die Chance, dass die Nasenspülung eine große Verbreitung in der gesamten Bevölkerung findet mit einem kleinen Unterschied: Täglich Zähne putzen sollte jedermann, täglich Nase spülen kann jedermann.

S+E: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Professor Schmidt führte der leitende Arbeitsmediziner der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft Klaus Schlingplässer.

Regelmäßiges Nasenspülen senkt die Krankheitszeiten
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Langzeiteffekte der regelmäßigen Nasenspülung
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