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[Die Industrie der Steine + Erden]






Dem Mobbing keine Chance!

In immer mehr Betrieben wird Mobbing zu einem Problem, da seine Entstehung auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen zusammenhängt und gefördert wird durch ein Klima, in dem die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes einhergeht mit fehlenden beruflichen Perspektiven und einem generellen Unvermögen oder fehlenden Willen zu fairen, offenen und konstruktiven Konfliktlösungen. Im Betrieb werden Mobbingprozesse auch durch unklare Kompetenzregelungen, Missgunst, Unsicherheit um die eigene Person und das Sündenbockphänomen gefördert Die volkswirtschaftlichen Folgen sind gravierend: Man kann davon ausgehen, dass jede 9. Person im erwerbsfähigen Alter im Laufe seines Erwerbslebens mindestens einmal gemobbt wird. Daraus resultieren gesundheitliche, private und berufliche Folgen für das Mobbingopfer und eine geringere Produktivität für die betroffenen Unternehmen. Der jährliche Schaden für die Volkswirtschaft wird auf 15-25 Mrd. Euro geschätzt!

Gesundheitliche Folgen
  • Magen-Darm-Erkrankungen
  • Migräneartige Kopfschmerzen
  • Herzbeschwerden
  • Konzentrations-, Schlaf- und Gedächtnisstörungen
  • Alkohol-, Medikamentenmissbrauch
  • Selbstzweifel, Antriebslosigkeit
  • Depressionen
  • Persönlichkeitsveränderungen


Betriebliche Folgen
  • Fehlzeiten
  • Geringere Leistungsmotivation
  • Störungen im Betriebsablauf
  • Zunahme von Reklamationen
  • Know-How-Verlust
  • Verschlechterung des Betriebsklimas
  • Erhöhte Kosten
  • Bedrohung der Existenz des Betriebs




Was ist Mobbing?

Was ist Mobbing eigentlich genau und wo liegt die Grenze, ab der man z.B. nicht mehr von "Sticheleien", sondern von Mobbing spricht? Der Begriff Mobbing leitet sich vom englischen Verb "to mob" ab, das mit "anpöbeln, angreifen" übersetzt werden kann. Dieses wiederum geht auf das lateinische "mobile vulgus" für "aufgewiegelte Volksmenge / Pöbel" zurück. Konrad Lorenz verwendete diesen Begriff erstmals, um damit den Angriff eines Eindringlings auf eine Gruppe von Tieren zu bezeichnen.

Der Mobbingforscher Leymann übertrug ihn auf die gezielte Benachteiligung und Schikanierung einzelner Beschäftigter am Arbeitsplatz, was heute gemeinhin als Mobbing bezeichnet wird. Damit von Mobbing gesprochen werden kann, müssen die folgenden Kriterien erfüllt sein:

Mobbing bedeutet, dass jemand
  • von Vorgesetzten oder Kollegen am Arbeitsplatz
  • systematisch, oft und über längere Zeit
  • direkt oder indirekt angegriffen wird (schikaniert, drangsaliert, benachteiligt und ausgegrenzt wird),
  • mit dem Ziel oder Effekt des Ausstoßens aus dem Arbeitsverhältnis,
  • wobei der Betroffene unterlegen ist und diese Angriffe als Diskriminierung empfindet.


Einfache Meinungsverschiedenheiten zwischen Kollegen, ungerechte Kritik durch den Vorgesetzten oder Chefs, die sich bisweilen im Ton vergreifen, werden genauso wenig wie der übliche Büroklatsch schon als Mobbing gewertet. Erst wenn die Angriffe systematisch, regelmäßig und über einen gewissen Zeitraum ausgeführt werden und zum Ziel haben, das Mobbingopfer aus dem Arbeitsverhältnis hinauszudrängen, ist dieser Begriff angemessen.



Wie verläuft ein typischer Mobbingprozess?

Ein Mobbingprozess läuft üblicherweise in vier Phasen ab, wobei nicht in jedem Fall alle Phasen durchlaufen werden müssen, wenn rechtzeitig eingegriffen wird:

1. Phase: Zunächst besteht ein ungelöster Konflikt, der nicht beigelegt werden kann, weil einer der Konfliktgegner seine Gesprächsbereitschaft verweigert. Stattdessen kommt es zu Schuldzuweisungen und persönlichen Angriffen, einzelnen Unverschämtheiten und dem Schlechtmachen des anderen hinter dessen Rücken.

2. Phase: In der zweiten Phase kommt es schon mehrmals pro Woche zu Schikanen, die Angriffe werden systematischer und immer mehr Personen werden involviert. Die ersten psychosomatischen Erkrankungen des Mobbingopfers stellen sich ein, wie Magen-Darm-Beschwerden, Verspannungen, Stressreaktionen und Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems.

3. Phase: Die psychosomatischen Erkrankungen des Mobbingopfers führen zu Fehlern bei der Arbeit und Fehlzeiten durch Krankheit. In der Folge kommt es häufig zu Über- und Fehlgriffen der Personalverwaltung, die das Mobbingopfer aufgrund schlechter Arbeitsleistungen und häufiger Fehlzeiten abmahnt.

4. Phase: Der Mobbingprozess endet ohne sinnvolle Intervention meist mit der Kündigung entweder durch den Betrieb oder durch das Mobbingopfer selbst, mit Suizidversuchen des Betroffenen, längerfristigen Krankschreibungen, Einweisungen in eine psychosomatische/ psychiatrische Klinik, einer Versetzung in eine andere Abteilung / einen anderen Unternehmensteil oder einer Frühverrentung.

Die einzelnen Mobbinghandlungen, die dabei zur Schikane des Mobbingopfers eingesetzt werden, sind in Abhängigkeit von der Täterpersönlichkeit und dem Mobbingopfer sehr unterschiedlich. Frauen greifen beispielsweise eher das persönliche Ansehen des Betreffenden an, machen sich über Frisur, Aussehen, Verhalten und Kleidung der Kollegin bzw. des Kollegen lustig, während Männer eher die Arbeit des anderen boykottieren, Dateien löschen und dergleichen. Weitere typische Mobbinghandlungen zeigt die folgende Aufzählung:

Gemobbt?
  • Verbreitung von Gerüchten
  • Man wird "wie Luft" behandelt
  • Ständige Sticheleien, Beleidigungen
  • Informationen werden vorenthalten
  • Ständige Kritik an der Arbeit
  • Ausgrenzung, Kontaktverweigerung durch Andeutungen, abwertende Blicke und Gesten
  • Man wird als unfähig dargestellt
  • Arbeitsbehinderung /-entzug



Was muss ein Arbeitgeber tun?

Gibt es eine gesetzliche Grundlage dafür, dass der Arbeitgeber eingreifen muss, wenn Mitarbeiter in Mobbingprozesse verwickelt sind? Das Grundgesetz endet nicht am Werkstor und damit ist auch im Betrieb die Würde des Menschen unantastbar, hat jeder das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und körperliche Unversehrtheit.

Aus dem Grundgesetz ergeben sich weiterhin arbeitsvertragliche Nebenpflichten für den Arbeitgeber, die sein Eingreifen bei Mobbing im Betrieb vorschreiben, und zwar:
  • die Verpflichtung, das allgemeine Persönlichkeitsrecht der Arbeitnehmer einerseits nicht selbst durch Eingriffe in deren Persönlichkeits- und Freiheitssphäre zu verletzen,
  • die Verpflichtung, Arbeitnehmer vor Belästigungen durch Mitarbeiter oder Dritte zu schützen und
  • menschengerechte Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, die Arbeitnehmer-Persönlichkeit zu fördern und Gesundheitsgefahren zu beseitigen.
Somit hat der Arbeitgeber in Ausübung seiner Fürsorgepflicht alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen und seinen Betrieb so zu organisieren, dass eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts ausgeschlossen ist, ansonsten können sich Unterlassungsansprüche, Schadensersatzansprüche und Schmerzensgeldansprüche für das Mobbingopfer ergeben.



Was kann man tun, wenn man gemobbt wird?

Als Mobbingopfer sollte man möglichst frühzeitig das Gespräch mit dem Mobbenden suchen und eine Klärung des Konflikts anstreben. Wenn dies nicht zum Erfolg führt, ist der Vorgesetzte hinzuzuziehen und einzuweihen. Handelt es sich dabei um den Mobber, kann man sich an den nächsthöheren Vorgesetzten oder den Betriebsrat wenden. Gegebenenfalls ist die/der Gleichstellungsbeauftragte oder Schwerbehindertenvertreter ebenfalls ein Anlaufpartner. Ist man von Mobbing betroffen, sollte man sich möglichst früh im Mobbingprozess die soziale Unterstützung durch Kollegen sichern, die man aufklärt und auf seine Seite zieht, mit der Familie und Freunden über seine Situation reden und einen Arzt und/oder Psychologen zu Rate ziehen, wenn sich psychosomatische Beschwerden bemerkbar machen.
Weiterhin können Mobbingberatungsstellen, Telefon-Hotlines oder Gewerkschaften Unterstützung bieten.

Auch wenn Mobbing einem das Leben schwer macht, sollte man nicht sein ganzes Leben davon bestimmen lassen, sondern sich bisweilen davon ablenken lassen, z.B. durch Ausübung von Hobbies, und sich damit eine Ausgleich zum belastenden Berufsalltag schaffen.



Was kann der Betrieb tun?

Mobbing gedeiht besonders gut, wenn Betriebsklima und Arbeitsorganisation schlecht sind und der Personalentwicklung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Mobbing-Prävention durch
  • Mitarbeiterzentriertes Betriebsklima
  • Offizielles Beschwerdesystem
  • Aufklärung und Schulung
  • Mobbing-Frühwarn-Systeme
  • Anti-Mobbing-Betriebsvereinbarung


Auch das Führungsverhalten ist sehr wichtig, wenn man ein mobbingfeindliches Betriebsklima schaffen will: Der Vorgesetzte sollte Vorbild sein, gute Leistungen seiner Mitarbeiter anerkennen, aber auch keine Zweifel daran lassen, dass abweichendes Verhalten nicht geduldet wird. In Entscheidungen sollte er die betroffenen Mitarbeiter als Experten für ihre Arbeitstätigkeit immer einbeziehen, wo dies möglich ist. Ein gutes Betriebsklima wird weiterhin durch offene Kommunikation gefördert. Regelmäßige Gesprächsrunden, Dienstbesprechungen oder Bezirksgespräche im wöchentlichen Rhythmus sind eine Möglichkeit, den Informationsaustausch im Betrieb zu verbessern. Die Ernennung von Vertrauensleuten oder betrieblichen "Kümmerern", an welche die Beschäftigten sich vertrauensvoll wenden können, damit ihre Belange weitergegeben werden, kann die Stimmung im Unternehmen ebenfalls positiv beeinflussen.

Dipl.-Psych. Nicole Jansen, StBG

Gespräch





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