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[Die Industrie der Steine + Erden]






Ohne Ältere geht es nicht

- Zukunftsfähige Konzepte zur Bewältigung des demographischen Wandels -


Bei sinkender Geburtenrate wird die Bevölkerung der Bundesrepublik von heute ca. 82 Millionen auf 65 Millionen im Jahr 2050 zurückgehen. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung Älterer.
Betrachtet man die Altersstruktur in einem Großunternehmen aus dem Jahr 2000 im Vergleich mit dem prognostizierten Zustand für das Jahr 2011, ergibt sich trotz Strukturmaßnahmen wie Altersteilzeit etc. eine Erhöhung des Altersdurchschnitts um 4,4 Jahre. Der Gesundheitsbericht für die Baustoff-Industrie zeigt auf, dass bereits jetzt 70 Prozent der Beschäftigten in unserer Branche über 34 Jahre alt sind, während es in anderen Industriezweigen nur etwa 61,5 Prozent sind.
Leere Rentenkassen erfordern außerdem zunehmend längere Lebensarbeitszeiten, so dass sich zukünftig viel weniger Beschäftigte in den Vorruhestand verabschieden können, als es derzeit der Fall ist.



Warum besteht Handlungsbedarf in den Betrieben?

Auch wenn es in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit schwer vorstellbar ist, kommt es durch den demographischen Wandel in absehbarer Zeit zu einem Mangel an jüngeren Fach- und Führungskräften, wodurch sich unter anderem die Innovationskraft der Unternehmen verringern dürfte. In alternden Belegschaften erhöht sich die Zahl der Beschäftigten mit Einsatzeinschränkungen überwiegend körperlicher Art und kann aufgrund des fehlenden Nachwuchses nicht mehr von jungen Mitarbeitern abgepuffert werden.
Bei Qualifizierungsmaßnahmen wurde in der Vergangenheit zudem häufig nicht an eine zeitgemäße Weiterqualifizierung der älteren Beschäftigten gedacht, so dass diesen nun bisweilen grundlegende Fähigkeiten im Umgang mit neuen Technologien fehlen und erst noch zu vermitteln wären.
Der demographische Wandel führt aber auch zu einer alternden Kundschaft, die erwartet, dass ihre Bedürfnisse von den produzierenden Unternehmen ernst genommen werden und dass dort ihre Sprache gesprochen wird, was auch die derzeit noch sehr jugendzentrierte Werbung in Zukunft stark beeinflussen dürfte.


Kurz-Check
Wenn Sie im Kurz-Check häufiger "trifft eher nicht zu"
angekreuzt haben, besteht in Ihrem Betrieb Handlungsbedarf und Sie sollten
sich in nächster Zeit verstärkt mit Konzepten zur Bewältigung
des demographischen Wandels beschäftigen




Ergebnis einer Untersuchung des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie
Ergebnis einer Untersuchung des Internationalen Instituts
für Empirische Sozialökonomie




Welche Faktoren bestimmen die Arbeitsfähigkeit im Alter?

Unter der Arbeitsfähigkeit versteht man die Summe von Faktoren, die eine Frau oder einen Mann in einer bestimmten Situation in die Lage versetzen, eine bestimmte Arbeitsaufgabe erfolgreich zu lösen. Das sind zum einen die physische und geistige Leistungsfähigkeit, aber auch die sozialen Kompetenzen.

Physische Leistungsfähigkeit
Ein 60jähriger hat etwa 85 Prozent der Muskelkraft eines 25jährigen. Die Kapazität des Herz-Kreislauf-Systems, des Muskel-Skelett-Systems und der Sinnesorgane nimmt mit zunehmendem Alter ab.

Geistige Leistungsfähigkeit
Einige geistige Fähigkeiten und Einstellungen sind im Alter stärker ausgeprägt:
  • Zuverlässigkeit, Sorgfalt, Genauigkeit
  • Urteilsvermögen, ausgeprägter Sinn für das Machbare
  • Fähigkeit, den Gesamtzusammenhang zu verstehen
  • Sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Gesprächsführung
  • Arbeitstechnik
  • Loyalität gegenüber Unternehmer und Vorgesetzten
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Arbeitserfahrung, berufliches Wissen
  • Gelassenheit

Soziale Fähigkeiten
  • Teamfähigkeit
  • Einbindung in soziale Netzwerke
  • Soziale Kenntnisse und Fähigkeiten
  • Lebenserfahrung
  • Älteren wird außerdem von Geschäftspartnern ein höheres Maß an Ansehen und Vertrauen entgegengebracht als ihren jungen Kollegen


Handlungsfelder

Die Arbeitsfähigkeit älterer Beschäftigter lässt daher nicht zwangsläufig mit zunehmendem Alter nach, aber sie wandelt sich. Damit die oben aufgeführten positiven Veränderungen im Bereich der geistigen und sozialen Fähigkeiten zum Tragen kommen können und die körperliche Leistungsfähigkeit nicht schon vorzeitig verschlissen wird, ist in den Unternehmen auf Arbeitsbedingungen und ein Führungsverhalten zu achten, das die Spezifika des älteren Arbeitnehmers berücksichtigt. Im einzelnen sollten die folgenden Punkte beachtet werden:


Gutes Führungsverhalten:
  • Aufgeschlossene, nicht stereotype Einstellung gegenüber dem Alter
  • Kooperationsbereitschaft
  • Fähigkeit zur individuellen Arbeitsplanung
  • Kommunikationsfähigkeit
  • Wertschätzung statt Abwertung älterer Mitarbeiter

Weiterbildung:
  • Ältere lernen anders als Jüngere
  • Betriebliche Weiterbildung und Qualifizierung auch für Ältere
  • Trainer für altersgerechtes Lernen sensibilisieren (z.B. vorbereitende Maßnahmen, höherer Zeitbedarf, kurze inhaltliche Lehr-einheiten, Praxisbezug, Erfolgserlebnisse, Lernen mit Gleichaltrigen)

Arbeitsorganisation:
  • Arbeitsphysiologische Kurzpausen
  • Schichtplangestaltung nach arbeitswissenschaftlichen Empfehlungen
  • Angebot von Teilzeitarbeit
  • Tätigkeitswechsel zur Vermeidung einseitiger Belastung
  • Erfahrungstransfer im Unternehmen sichern, z.B. durch Arbeit in Tandems, in denen ein erfahrener älterer Beschäftigter mit einem jungen, noch wenig erfahrenem Mitarbeiter zusammenarbeitet

Ergonomie:
  • Gestaltung der Arbeitsumgebung (z.B. bessere Beleuchtung, um der im Alter nachlassenden Sehstärke entgegenzuwirken)
  • Anpassung an eine geringere Muskelkraft (Nutzung von Hebehilfen, etc.)

Individuum/Gesundheit:
  • Eigenverantwortung für gesunde Lebensführung (z.B. gesunde Ernährung, Sport)
  • Gesundheitsförderliche Arbeitsgestaltung
  • Unterweisung "Richtiges Heben und Tragen"
  • Training der wirbelsäulennahen Muskeln


Nutzen für alle Beteiligten

Orientiert man sich an den aufgeführten Empfehlungen zur alter(n)sgerechten Arbeitsgestaltung, kann das Erfahrungswissen der älteren Beschäftigten optimal genutzt werden, was sich auch in den Geschäftsergebnissen widerspiegeln wird. Das Know-How verschwindet nicht mit dem Ausscheiden eines Mitarbeiters aus dem Betrieb, sondern bleibt diesem erhalten, wenn es durch die Zusammenarbeit von Jung und Alt für die Entwicklung von Nachwuchskräften nutzbar gemacht wird.
Die älteren Beschäftigten bleiben lange gesund, arbeitsfähig und motiviert, wenn sie sehen, dass sie nicht gleich aufs Abstellgleis geschoben werden. Das Betriebsklima verbessert sich, wenn die verschiedenen Generationen die Erfahrungen des jeweils anderen wahrnehmen und wertzuschätzen lernen. Letzten Endes verbessert sich dadurch auch die Kundenbindung.



Herausforderungen für die Zukunft

Besondere Herausforderungen liegen für die Unternehmen zukünftig vor allem darin, die Vielfalt der Generationen im Betrieb auch in schwierigen Zeiten aufrechtzuerhalten und als Teil der Unternehmenskultur wertzuschätzen. Dazu ist es wichtig, den Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen fest zu etablieren und im Personalbereich längerfristig zu planen statt kurzfristige Entscheidungen zu treffen. Auch im Betrieb muss das Prinzip des lebenslangen Lernens gelebt werden.
Den alternden Beschäftigten sollte weiterhin ein Höchstmaß an Flexibilisierung der Arbeit und Arbeitszeiten ermöglicht werden, um individuellen Bedürfnissen zu entsprechen. Außerdem ist es sinnvoll, Programme der betrieblichen Gesundheitsförderung im Betrieb zu etablieren, um Verschleißerkrankungen rechtzeitig entgegenzuwirken.



Initiativen, Veranstaltungen und weitere Informationen

RESPECT (Research action for improving Elderly workers Safety, Productivity, Efficiency and Competence Towards the new working environment) ist eine EU-Initiative zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen älterer Arbeitnehmer. Sie befasst sich frei übersetzt mit: Förderung der Sicherheit, Gesundheit und der Arbeitsfähigkeit von älteren Arbeitnehmern im Umfeld einer sich wandelnden Arbeitsorganisation. Beteiligt sind hieran europäische Unternehmen und Institute, wie die Universität Karlsruhe, DaimlerChrysler und die Deutsche Bank.
Als ältere Arbeitnehmer werden über 45-Jährige bezeichnet, oder diejenigen Beschäftigten, welche die Hälfte ihres Berufslebens hinter sich gebracht haben.
Erkenntnisse einer 11jährigen Verlaufsstudie aus Finnland zeigen, dass man die Arbeitsfähigkeit älterer Arbeitnehmer durch individuelle Gesundheitsförderung und Verbesserung von Führungsverhalten und Arbeitsbedingungen sichern oder sogar verbessern kann, während ohne jede Intervention die Arbeitsfähigkeit mit zunehmendem Alter stark nachlässt.
Im Rahmen der Initiative Arbeit und Gesundheit bietet das Berufsgenossenschaftliche Institut Arbeit und Gesundheit (BGAG) in Dresden vom 16. bis 18. März 2005 das mittlerweile 4. Kolloquium "Arbeits- und Gesundheitsschutz bei älteren Arbeitnehmern" unter dem Titel "Szenarien zum demographischen Wandel im Betrieb" an (weitere Informationen). Zielgruppe sind Unternehmer, Personalfachleute, Betriebsräte, Mitarbeiter der Sozialversicherungsträger, Arbeitsmediziner und Fachkräfte für Arbeitssicherheit. Anhand konkreter betrieblicher Fallbeispiele soll dort erarbeitet werden, welche Auswirkungen der demographische Wandel mittelfristig auf Unternehmen hat. Es werden verschiedene Instrumente zur Analyse der eigenen betrieblichen Ausgangssituation sowie Maßnahmen zur Bewältigung der Personalsituation, wie z.B. alter(n)sgerechte Gesundheitsförderung und Personalarbeit, vorgestellt.
Weiterführende Informationen finden sich außerdem in der Broschüre "Mit Erfahrung die Zukunft meistern! - Altern und Ältere in der Arbeitswelt" der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, die unter www.baua.de/down/altern.pdf heruntergeladen werden kann.
Wenn Sie in Ihrem Unternehmen bereits Maßnahmen zur Gesunderhaltung älterer Arbeitnehmer eingeleitet haben und uns von den Ergebnissen berichten möchten, freuen wir uns über Erfahrungsberichte, die wir gerne in Form von Good Practice-Beispielen sammeln und ggf. veröffentlichen würden. Bitte nutzen Sie dazu die E-Mail-Adresse jansen@stbg.de oder schreiben Sie einem der Autoren an die Hauptverwaltung der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft, Theodor-Heuss-Str. 160 in 30853 Langenhagen.

Klaus Schlingplässer, StBG
Nicole Jansen, StBG




Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland

Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland in den Jahren 1910 - 1950 - 1999 - 2050 (geschätzt, im Vergleich zu 1999)

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