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[Die Industrie der Steine + Erden]






Auf den Spuren ostsächsischer "Steinbrecher"-Tradition

Bei strahlendem Sommerwetter an einem Julitag des Jahres 2003 sind wir auf dem Gelände eines ehemaligen Steinbruchbetriebes in der kleinen ostsächsischen Gemeinde Bischheim-Häslich unterwegs. Wir wollen ein Stück Heimatgeschichte und gleichzeitig die Entwicklung der Granit-Industrie in dieser Region erleben und mehr über Vergangenes und die Zukunft der von dieser Branche mehr als ein Jahrhundert geformten Landschaft und die Menschen erfahren. Brücken, Wohnhäuser, Straßen und Trockenmauern legen Zeugnis von der einst blühenden Steingewinnung und -verarbeitung ab. Überall künden größtenteils schon bewachsene Abraumhalden von bereits ausgebeuteten und wassergefüllten Restlöchern. Heute gibt es nur noch wenige Brüche, in denen Granit abgebaut wird. Dort wurde die alte Steinbruchtechnik inzwischen durch moderne Gewinnungs- und Steinbearbeitungsmethoden und -maschinen abgelöst. Mit der Verschrottung drohte der unwiederbringliche Verlust an historisch wertvollen Maschinen, Anlagen und Gebäuden, wenn es da nicht schon begeisterte, mit der Sache eng verbundene Menschen gegeben hätte, die seit 1991 Material verschiedenster Art zusammentrugen und ab 1995 auf dem Gelände des ehemaligen Steinbruchbetriebes August Niethe begannen, ein Freilichtmuseum aufzubauen. Mit der Gründung des "Fördererein Schauanlage und Museum Granitindustrie e.V." 1998 und dank bereitgestellter EU-Fördermittel nimmt die anschauliche historische und nacherlebbare Darstellung dieses wichtigen heimischen Industriezweiges für Besucher immer mehr Gestalt an. Ohne die uneigennützige, liebevolle Arbeit vieler fleißiger Vereinsmitgliederhände wäre diese sehenswerte und interessante Schauanlage sicherlich noch nicht soweit fertiggestellt worden. Von der ersten Stunde an gehört auch ein Mann dazu, den wir wegen seines Engagements und seiner Berufserfahrung treffen wollen. Wir haben uns mit dem ehemaligen Steinmetz, Heinz Liebelt, Jahrgang 1932, in der Schauanlage und dem Museum auf der Dorfstraße 18 verabredet. Einer bereits über mehrere Generationen währenden Familientradition folgend prägte ihn die Arbeit am Stein über mehr als vier Jahrzehnte. Trotz seiner durch die schwere körperliche Arbeit am harten Gestein verursachten Wirbelsäulenbeschwerden leuchten seine Augen noch immer, wenn er über die anstrengende Arbeit am harten Stein spricht. Gern steht er uns fachkundig Rede und Antwort:

Wann wurde denn mit dem Abbau des Gesteins hier im Bereich des Haselbachtales begonnen?
Liebelt: Der Festgesteinsuntergrund der Oberlausitz, einer der größten zusammenhängenden Tiefengesteinskomplexe Mitteleuropas, besteht aus verschiedenen granitischen Gesteinen. Schon sehr zeitig war den Menschen die ausgezeichnete Spaltbarkeit der Gesteine bekannt und ermöglichte so bereits seit Jahrhunderten die Verwendung als Werkstein. Verbunden mit dem Eisenbahn-Brückenbau wird seit etwa 1850 bis 1870 in dieser Region der Granodiorit konzentriert abgebaut. Um 1900 existierten rund 20 Steinbruchunternehmen. Allein im Niethe-Steinbruch waren in den 30er Jahren ca. 200 Menschen beschäftigt.
In diesem Zusammenhang ist der Beginn des großangelegten Abbaus im nahegelegenen Demitz-Thumitz interessant. Der Bau eines Viaduktes war dort zunächst mit Sandstein aus der Sächsischen Schweiz geplant worden. Bei den Fundamentarbeiten stieß man auf Granodiorit und fortan wurde dieses Gestein bis zum heutigen Tag dort genutzt.

Wie entwickelte sich die Steinindustrie in den Folgejahren?
Liebelt: Ein großer Sprung war auch in der Steinindustrie mit der beginnenden Elektrifizierung um 1910 verbunden. Meilensteine damals waren der Einsatz eines ersten Kabelkranes in Demitz-Thumitz aus dem Schottischen Granitabbau und die Einführung von Kompressoren zur Drucklufterzeugung für Bohr- und Bearbeitungsprozesse. Etwa 1915 wurde das manuelle Schlagen von Pflaster durch den Einsatz von elektrisch betriebenen sog. Brettfallhämmern abgelöst. Später in den 30er Jahren wurden elektropneumatische Bohrmaschinen für einen rationellen Abbau des Gesteins eingeführt. In den 60er Jahren transportierten dann Dieselloks den Rohstein auf Tafelloren vom Kabelkran bis zu den Spellerhütten. Anfang der 70er Jahre wurden die Brettfallhämmer durch hydraulische Spaltmaschinen ersetzt. Nicht zuletzt möchte ich auch auf die sog. Lausitzer Zugglocke hinweisen, die hier erfunden wurde. Sie ersetzte die bis dahin verwendete Anschlagkette und vereinfachte wesentlich den Rohblocktransport mit Kranen.

Welche Hauptprodukte wurden in den Unternehmen hergestellt?
Liebelt: Das waren überwiegend Pflaster und verschiedene Spezial-Steine. Nach meinen Schätzungen wurden in den 80er Jahren in der Region jährlich etwa 100000 t Naturstein-Pflaster produziert. Dazu kamen Hafen-, Böschungs-, Mauersteine und Bossen sowie Walzen für die Nahrungs- und Genussmittelindustrie. Mit der Wende ging die Pflasterproduktion jedoch wegen der billigeren Importware zugunsten der Maschinenware, wie Fußbodenplatten, Stufen usw., stark zurück.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Arbeitsbedingungen in den Steinbruchbetrieben?
Liebelt: Die schwere Arbeit im Steinbruchbetrieb hat sehr an der Gesundheit der Arbeiter gezehrt. Quarzstaub, Lärm und Erschütterungen belasteten die Arbeiter in den früheren Jahren stark. Technische Entwicklungen, wie der Einsatz moderner Hebe- und Transportmittel erleichterten die Arbeit zunehmend. Denken Sie hier an die Ablösung der einstmals durch Hand geschobenen Steinloren durch den Steintransport mit modernen und klimatisierten Radladern. Es hat sich auch vieles getan in der medizinischen Betreuung der Arbeiter (Reihenuntersuchung).

Was können wir bei einem Rundgang in Ihrer Schauanlage sehen?
Liebelt: Außer dem Gewinnungsbereich sind nahezu alle Prozessstufen der Steinbearbeitung bis zum Fertigprodukt dargestellt, und teilweise können an einzelnen Maschinen die Arbeiten auch demonstriert werden. Zum Beispiel haben wir eine ca. 90 Jahre alte Steingattersäge, die bis vor wenigen Jahren noch ihren Dienst in einem benachbarten Untenehmen leistete. Daneben können Sie auch eine elektrische Brettfallhammer-Spaltmaschine (Baujahr ca. 1915) neben einer hydraulischen Spaltmaschine jüngerer Vergangenheit in Aktion erleben. Hinweisen möchte ich auch auf unsere Schleif- und Poliermaschine mit feststehendem Support und drehbarem Tisch. Darüber hinaus gibt es noch eine ganze Menge mehr zu sehen, aber schauen Sie sich das doch bei einem Rundgang selber an. In diesem Zusammenhang habe ich noch eine Bitte: Für unser Museum und unsere Schauanlage suchen wir jederzeit Schriftgut, Fotografien, Werkzeuge, Maschinen, Arbeitsschutzkleidung oder andere Sachzeugen, welche die Entwicklung der Steingewinnung und -verarbeitung belegen.
Im Verlaufe des Gespräches sind wir von Eindrücken geprägt am Ende unseres gemeinsamen Rundganges angelangt. Wir möchten uns an dieser Stelle bei Herrn Liebelt für die sehr interessante Führung bedanken. Verbinden möchten wir unseren Dank mit den besten Zukunftswünschen für die noch aktiven Steinbruchunternehmen dieser Region und für den Verein, der ein Stück Heimatgeschichte und Entwicklung der Granitstein-Industrie präsentiert.
Dr. jur. Ulrich Grolik, StBG
Dipl.-Ing. Jürgen Pester, StBG

Lausitzer Zugglocke   Brettfallhammer-Spaltmaschine
Lausitzer Zugglocke   Brettfallhammer-Spaltmaschine


Alte Schleifmaschine
Alte Schleifmaschine


Lageskizze des Museums
Lageskizze des Museums






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