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[Die Industrie der Steine + Erden]






Der junge Fritz

Auch Dackel spüren, wenn es auf Weihnachten zugeht. Ich möchte nicht so weit gehen, dass Hunde anhand des Weihnachtskalenders die Tage bis zum Heiligen Abend herunterzählen, aber die veränderte Stimmung, eine gewisse Angespanntheit, nehmen Sie auf.

Für den Rauhaardackel "Fritz" würde es das erste Weihnachtsfest werden. Er war ein neues Familienmitglied im Kreis der Lieben meines Neffen. Und er war nicht irgend ein Mitglied, sondern, ehrlich gesagt, eher der Mittelpunkt und ungekrönte Star der Familie. Voller Tatendrang ging Fritz zu dieser Zeit auf alles Neue zu, um es zu erforschen. Aus diesem Grund hatte man mich mit der Einladung für Heiligabend vorgewarnt, möglichst nur alte Schlappen mitzubringen, da mit einer Entführung durch Fritz zu rechnen sei. Neue Lederschuhe seien doch zu schade für kleine, scharfe Dackelzähne.

Doch meine Schlappen waren anfangs nicht sehr interessant, weil die Aktivitäten im weihnachtlichen Haus viel zu aufregend waren. Ob Dekoration oder Geschenke, alles musste vor ihm in Sicherheit gebracht werde. Ich bewunderte die Ruhe und Ausdauer des Hausherrn. Bei ihm gehorchte der Hund zumindest in Ansätzen. Ehrlich gesagt, ich war nicht sehr erfreut, aber um so erstaunter, dass während des Abendessens relative Ruhe am Tisch herrschte. Der Hund hatte auch ein Leckerli bekommen, so dass er uns das Unsere nicht streitig zu machen versuchte.

Cartoon: rennender Hund


Die Zeit für Fritz kam, als die Bescherung begann. Das raschelnde Papier, die vielen, bunten Bänder und Schleifen brachten ihn schier zum Durchdrehen. Er verschwand kopfüber zur Hälfte in einem Karton, rauschte ohne Sicht durch den Raum, um an irgend einem Möbel festzuhaken. Er knabberte mit den Zähnen Schleifen auf und vergaß bei diesem Wirbel alle Hausschuhe dieser Welt.
Zwischendurch legte sich Fritz völlig ermattet auf den Teppich und streckte alle viere von sich. Aber seine Schwächeperiode dauerte stets nicht so lange an, dass man sich entspannt hätte zurücklehnen können. Im Nu war Fritz wieder wach und aktiv. Aufgeräumtes Papier reizte ihn zu neuen Taten.

Wir Menschen amüsierten uns über den völlig überdrehten Dackel. Und er, Fritz, konzentrierte sich auf die planmäßige Zerstörung der weihnachtlichen Verpackungen. Darüber hinaus attackierte er sein eigenes Geschenk, ein Gummihuhn, das beim Daraufbeißen fürchterlich quietschte.

Später am Abend war es ganz plötzlich ruhig geworden. Neben dem Kamin lag lang ausgestreckt der Dackel Fritz und schlief. Völlig ausgepumpt von seiner Hatz, hatte er es sich bequem gemacht. Vielleicht träumte er von Geschenken und deren Verpackungen, von gequält quietschenden Gummihühnern und saftigen Kauknochen. Erst einige Zeit später, nach einer Ruhephase, die wir Menschen sehr genossen hatten, ließ sich Fritz zu einem abendlichen Weihnachtsbummel durch den frisch gefallenen Schnee überreden. Eine neue Hatz durch die weiße Pracht begann.

Hans-Jürgen Bahr

kein Dackel, aber dennoch ein quirliger Hund im Schnee





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