www.steine-und-erden.net > 2002 > Ausgabe 6/02 > Medizinische und soziale Rehabilitation mit allen geeigneten Mitteln

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Medizinische und soziale Rehabilitation mit allen geeigneten Mitteln

Moderne medizinische Operationstechniken sowie die besonderen gesetzlichen Ermächtigungen ermöglichen es den Berufsgenossenschaften, Versicherten mit schweren und schwersten Unfallverletzungen das Leben zu erhalten und erträglich zu gestalten. Für die gesetzliche Unfallversicherung stellen Unfälle mit solchen Verletzungsfolgen eine Herausforderung dar, die es vor dem Hintergrund des Leitgedankens, "mit allen geeigneten Mitteln" medizinische Rehabilitation sowie Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben und am Leben in der Gemeinschaft zu erbringen, zu meistern gilt.
Unser Versicherter O. F., als Schlosser in einem unserer Mitgliedsunternehmen beschäftigt, war im Mai 2001 mit Wartungs- und Reparaturarbeiten beauftragt. Er sollte den Kompensator einer Luftleitung wechseln. Die Arbeitsstelle befand sich auf einer über dem Hallenboden gelegenen Bühne. Die Bühne war vollständig mit Lichtgitterrosten belegt. Herr F. war vor Ort durch den unmittelbaren Vorgesetzten in die Arbeiten eingewiesen worden. Danach betrat er die Bühne allein, um die Arbeiten auszuführen, trat dabei auf einen Gitterrost, der von seiner Auflage rutschte, und stürzte zusammen mit diesem etwa 6 m in die Tiefe auf den betonierten Hallenboden. Kurze Zeit später wurde Herr F. vom Abteilungsmeister auf dem Hallenboden liegend aufgefunden.
Sofort nach Auffinden des Verletzten wurde die "Rettungskette" in Gang gesetzt; d. h. Werksschwester und Notarzt betreuten den Verletzten und veranlassten den Transport mit dem Rettungshubschrauber in das Bundeswehrkrankenhaus nach Ulm/Donau, wo unser Versicherter unverzüglich operiert wurde.



Verletzungsfolgen

Nach erfolgter Operation sind als dominierende Verletzungen eine Kompressionsfraktur des 4. Halswirbelkörpers mit Kompressionen des Rückenmarks festgestellt worden, als deren Folgen eine motorisch komplette Querschnittlähmung an der Halswirbelsäule körperfern des 4. Halswirbels sowie eine sensibel inkomplette Querschnittlähmung körperfern des 5. Halswirbels mit Blasen- und Mastdarmlähmung zurückgeblieben sind. Eine ausgedehnte Skalpierungsverletzung am Kopf sowie ein Nasenbeinbruch sind ausgeheilt.



Maßnahmen der Berufsgenossenschaft

Während im Bundeswehrkrankenhaus Ulm sowie anschließend im Rehabilitationskrankenhaus Ulm die medizinische Rehabilitation durchgeführt wurde, waren soziale Rehabilitationsmaßnahmen, insbesondere Pflege, Wohnungshilfe, Hilfsmittel sowie auch berufliche Teileingliederung für die Zeit nach der stationären Behandlung zu organisieren, weil der Versicherte zusammen mit seiner Familie unterzubringen war und er selbst den Wunsch äußerte, zumindest stundenweise wieder arbeiten zu wollen.



Pflege

Zu Anfang waren, gestützt auf das Ausmaß der Verletzungsfolgen, umfangreiche Pflegeaufwendungen zu erwarten. Mit zunehmender Dauer der medizinischen Rehabilitation haben sich die Verletzungsfolgen soweit gebessert, dass der Versicherte für die notwendigen Pflegeaufwendungen derzeit noch mit dem Höchstbetrag des Pflegegeldes auskommt. Je nach Entwicklung der Verletzungsfolgen in den kommenden Jahren, insbesondere bei fortschreitendem Lebensalter, kann durchaus mit höheren Aufwendungen gerechnet werden, die dann ebenfalls von der Berufsgenossenschaft zu tragen sind.
Pflege ist rechtlich gesehen eine eigenständige Leistung und nicht, wie beispielsweise häusliche Krankenpflege, eine Leistung der Heilbehandlung. Hiermit wird die Versorgung des Versicherten im täglichen Leben sichergestellt.
Pflegeleistungen sind in § 44 des Sozialgesetzbuchs (SGB) VIl - gesetzliche Unfallversicherung - normiert. Vorrangig ist Pflegegeld zu gewähren, dessen Höhe in § 44 Abs. 2 SGB VII geregelt ist und je nach Art und Schwere des Gesundheitszustands sowie des Umfangs der erforderlichen Hilfe monatlich zwischen 291 und 1167 Euro beträgt.



Wohnungshilfe

Die Verletzungsfolgen erfordern es, Wohnungshilfe zu gewähren, weil der Versicherte für sich selbst eine Wohnfläche von rund 50 2 benötigt, worin auch ein Behandlungsraum mit einbezogen ist, weil täglich krankengymnastische Behandlungen und zweimal wöchentlich Massagebehandlungen erbracht werden müssen.
Grundsätzlich ist Wohnungshilfe (§ 41 SGB VI 1) zu leisten, wenn der Verletzte in der bisherigen Wohnung die Verrichtungen des täglichen Lebens nicht bzw. nur unter unzumutbaren Erschwernissen ausführen oder seine Wohnung bzw. die für ihn notwendigen Räume nicht oder nur unter unzumutbaren Erschwernissen erreichen und verlassen kann.
Der Umfang der Wohnungshilfe ist umfassend zu erbringen und reicht von behindertengerechter Anpassung einer vorhandenen bisher genutzten Wohnung bis hin zur Bereitstellung einer behindertengerechten Mietwohnung im Eigentum des Unfallversicherungsträgers.
Unser Versicherter lebte vor seinem Unfall zusammen mit seiner Familie (Ehefrau und 6-jährige Tochter) in einer 50 2 großen Mietwohnung im zweiten Obergeschoss eines Mietshauses in Blaubeuren, das aus städtebaulichen Gründen demnächst abgebrochen werden wird. Selbst wenn dieser Abbruch nicht stattfinden würde, hätte ein behindertengerechter Umbau dieser Wohnung nicht erfolgen können.
Weil neben unserem Versicherten auch seine Familie mit unterzubringen war - ein Wegzug aus Blaubeuren wäre aus familiären Gründen nicht angebracht gewesen - stand als optimale Lösung der Erwerb von Grundeigentum bzw. Miteigentum und Übernahme der behindertenbedingten Kosten zur Diskussion. Eine behindertengerechte Wohnung konnte am Wohnort bzw. in der näheren Umgebung nicht gefunden werden, weil Wohnungen dieser Art auf dem Wohnungsmarkt nicht angeboten werden. Eigenmittel zum Erwerb von Grundbesitz waren nicht vorhanden. Die Berufsgenossenschaft konnte aber durch Teilabfindung der zu gewährenden Verletztenrente dem Versicherten Eigenmittel beschaffen sowie unter Mithilfe unseres Mitgliedsunternehmens dem Versicherten die Möglichkeit eröffnen, Eigentum zu erwerben. Der Eigentumserwerb ist erfolgt und der behindertengerechte Umbau inzwischen abgeschlossen.



Hilfsmittel

Um die täglich anfallenden Verrichtungen überhaupt erst möglich zu machen, sind umfangreiche Hilfsmittel notwendig. Hilfsmittel sind alle ärztlich verordneten Sachen, die den Erfolg der Heilbehandlung sichern oder die Folgen von Gesundheitsschäden mildern oder ausgleichen (§ 31 Abs. 1 SGB VII ). Die verletzte Person kann ohne persönliche Hilfsmittel nicht auskommen. Um Kommunikation zu ermöglichen und die Mobilität wieder herzustellen, zu erhalten und gegebenenfalls auch zu steigern, sind in diesem Falle Faltrollstuhl, Elektrorollstuhl, Kommunikationsanlage zum Öffnen und Schließen der Fenster und Türen sowie ein Aufzug notwendig, damit der Versicherte sich selbstständig in seiner Wohnung bewegen und diese auch ohne fremde Hilfe verlassen und wieder betreten kann.
Um die täglich notwendige krankengymnastische Behandlung sicherzustellen und die Massagebehandlung durchführen zu können, war ein Behandlungsraum in die Wohnung mit einzubeziehen und eine motorbetriebene Massageliege bereitzustellen. Die Anschaffung dieser Hilfsmittel ist sinnvoll und gibt auch verlorene Lebensqualität zurück.



Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben

Unter diesem Gesichtspunkt sind in dem geschilderten Fall Leistungen der beruflichen Rehabilitation zu gewähren, um dem Versicherten - soweit möglich - die Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Diese Leistung ist in § 33 SGB IX (Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen) geregelt; eine Vorschrift, die für sämtliche Sozialversicherungsträger gilt. Sie zielt darauf ab, die Erwerbsfähigkeit behinderter oder von Behinderung bedrohter Menschen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit zu erhalten, zu verbessern, herzustellen oder wieder herzustellen und damit die Teilhabe am Arbeitsleben - so weit möglich - auf Dauer zu sichern. Bezogen auf diesen Fall ist der Arbeitgeber bereit, einen Arbeitsplatz unter Berücksichtigung der Behinderung einzurichten. Es werden im weitesten Sinne Hilfen zur Erlangung eines Arbeitsplatzes geleistet. Zunächst erfolgt allerdings im Rahmen einer Wiedereingliederungsmaßnahme eine Arbeits- und Belastungserprobung.
Die Berufsgenossenschaft trägt für diese Maßnahme ebenso die Kosten wie für das Herrichten des behindertengerechten Arbeitsplatzes in den Räumen des Arbeitgebers.



Ausblick

Speziell für die Berufsgenossenschaften geschaffene gesetzliche Vorschriften setzen diese in die Lage, mit allen geeigneten Mitteln Leben von Arbeitsunfallverletzten zu erhalten und - soweit wie möglich - angenehm und lebenswert zu gestalten.
Zum Abschluss sei ein Wort zu den Kosten erlaubt, die von der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft diesbezüglich aufzubringen sind. Ein Unfall der geschilderten Art erfordert Aufwendungen hinsichtlich medizinischer, sozialer sowie beruflicher Rehabilitation. Bisher belaufen sich die Gesamtkosten für Heil- und Hilfsmittel, Wohnungshilfe sowie Pflege ohne Rentenleistungen (diese sind bisher noch nicht festzustellen gewesen) auf rund 500.000 Euro. Auch künftig werden weitere erhebliche Kosten - insbesondere Rentenleistungen - zu erbringen sein.

Günter Waldmann, StBG


  Eingang zum Aufzug   Blick ins Bad mit behindertengerechter Ausstattung   Behandlungs- und Gymnastikraum  
  Eingang zum Aufzug
  Blick ins Bad mit behindertengerechter Ausstattung
  Behandlungs- und Gymnastikraum
 




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