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[Die Industrie der Steine + Erden]






Der Tannenbaum

Seit Jahren ist es in meinem Freundeskreis gute Tradition, mit mehreren Familien in den Wald zu ziehen und Weihnachtsbäume zu schlagen. Um Skeptikern zuvor zu kommen: Selbstverständlich ist dort das Schlagen von Tannen erlaubt. Wer sind wir denn?
Wir zogen also wieder einmal fröhlich los, mit allen erforderlichen Werkzeugen ausgerüstet. Am Zielort angekommen, schwärmten die Kinder sofort aus, nicht etwa um eine besonders schöne Tanne zu finden, sondern eher, um sich in einer Art Räuber- und Gendarmspiel zu jagen.
Erfahrene Väter lassen sie gewähren, damit erst einmal die größte kindliche Energie abgebaut, ja, ausgetobt wird. Noch wichtiger ist es aber, den Damen bei der Suche des Baumes den Vortritt zu lassen. So werden dann die Tannen begutachtet, die eine zu klein, die andere zu hoch. Zu dicht, zu platt, zu unregelmäßiger Wuchs, an jeder ist etwas auszusetzen. Schließlich darf nicht jede dahergelaufene Tanne unser Weihnachtsfest verschönen.
Ja, unser Baumschlagen wird jedes Jahr zu einem größeren Akt. Wir Männer haben uns abgesetzt, denn am Parkplatz ist der fliegende Händler mit dem Glühwein angekommen. Nur ein erwärmtes Gehirn ist in der Lage, später weitreichende Entscheidungen beim Erwerb der richtigen Tanne zu treffen. Derweil streifen unsere Restfamilien weiter durch das Unterholz. Unsere Frauen vermissen uns auch nicht, weil sie unser Glühweinritual seit Jahren kennen.
Laute Kinderstimmen ließen uns Männer aufhorchen und zu den Unseren eilen. Frauen und Kinder standen um einige Tannen herum und stritten heftig über deren Attraktivität. Aha, die Kinder hatten sich ausgetobt und zur Baumsuche angeschlossen. Jetzt nahte die Stunde der Entscheidung. Einer meiner Bekannten hatte sich abseits gehalten und selbst nach einem Baum geschaut. Er bat mich um mein Urteil. "Was willst du denn mit dem schiefen Ungeheuer", fragte ich ihn spontan. Ein längerer Redeschwall war die Antwort. Ich hätte keine Ahnung und sollte einmal bedenken, dass auch nicht ganz so makellose Bäume sich einmal im Glanz der Kerzen präsentieren möchten, und so weiter und so weiter.
Plötzlich, mitten in dieser recht einseitigen Diskussion, hatte sich die Tochter meines Bekannten zu uns gesellt. Ein kleiner blonder Engel, sein Nachzügler und ganzer Sonnenschein. Mit strahlend blauen Augen sah sie ihren Vater an und protestierte: "Papi, der ist ja ganz schief!" Verlegen schaute mein Bekannter den Tannenbaum an: "Ja, Schatz, ich glaube du hast Recht!" Wer kann diesen Kinderaugen widersprechen? Seufzend machten wir uns auf die weitere Suche. Das weibliche Geschlecht hat die Männer im zarten Griff.
Fröhliche Weihnachten und alles Gute im neuen Jahr.

Ihr Hans-Jürgen Bahr

Glühwein





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