www.steine-und-erden.net > 2002 > Ausgabe 6/02 > Alkohol am Arbeitsplatz: Wegsehen ist der falsche Weg

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Alkohol am Arbeitsplatz: Wegsehen ist der falsche Weg

Hand mit Glas Die Fakten sind dramatisch: Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland etwa 4,3 Millionen Personen akut alkoholabhängig sind oder Alkoholmissbrauch betreiben; das sind rund 5 Prozent der Bevölkerung. Fast 10 Prozent der bundesdeutschen Familien sind vom Alkoholproblem betroffen. Bei jährlich etwa 42.000 Sterbefällen steht der Tod direkt oder indirekt mit Alkoholkonsum in Verbindung. Im Jahre 1999 befanden sich 44.260 Personen mit Alkoholpsychose, 168.623 Personen mit Alkoholabhängigkeit und 8.416 wegen Alkoholvergiftung in Krankenhausbehandlung - zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung.
Pro Entziehungskur müssen allein 15.000 Euro veranschlagt werden; die Rehabilitationsmaßnahmen bei Alkoholabhängigen dauern im Schnitt 126 Tage. Der volkswirtschaftliche Gesamtschaden wird auf 25 bis 40 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.
Der pro Kopf-Verbrauch der Einwohner ab dem 15. Lebensjahr lag laut Statistischem Bundesamt in der Bundesrepublik - obwohl in den letzten Jahren leicht rückläufig - immer noch bei 10,5 Litern reinem Alkohol. Das hat natürlich auch erhebliche betriebswirtschaftliche Auswirkungen:
Alkoholabhängige haben im Vergleich zu Nichtabhängigen
  • 16mal häufigere Fehlzeiten
  • 2,5mal häufigere Krankmeldungen
  • 3,5mal häufiger Arbeitsunfälle
  • fehlen 1,4mal häufiger nach Unfällen.

Beschäftigte mit Alkoholproblemen erbringen nur etwa 75 Prozent der normalen Arbeitsleistung. Dadurch wird das Produktionsergebnis vermindert. Bei der Arbeit lässt die Sorgfalt nach, die Ausschussquote erhöht sich, Reklamationen häufen sich und die dadurch bedingte Mehrarbeit der anderen Beschäftigten schlägt sich auf die Motivation und die Leistung der gesamten Arbeitsgruppe nieder. Das wiederum hat negative Auswirkungen auf das Betriebsklima und schließlich auf das Betriebsimage.



Alkohol verändert den Körper

Bereits mäßiger Alkoholgenuss vermindert die Aufmerksamkeit, setzt die Kritikfähigkeit herab und lässt - nicht selten gewollt - Probleme vergessen. Störungen des Sehvermögens, des Reaktionsvermögens sind neben Überschätzung und fehlender Kritikfähigkeit auslösende Ursache für Unfälle im Straßenverkehr, wobei gerade diese körperlichen und psychischen Funktionen auch bei der Bedienung von Arbeitsmaschinen und Anlagen erforderlich sind. Ebenso gestört sind die Funktionen
  • des Körpergleichgewichtes,
  • der Koordination der Gliedmaßen sowie
  • der Feinmotorik der Hände.

Bekannt sind auch die längerfristig resultierenden Organschäden,
  • der Leber (Schrumpfung/Verhärtung, sogenannte Zirrhose)
  • der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis)
  • der Magenschleimhaut (Schleimhautentzündung, bis zu Geschwüren)
  • der Muskulatur und der Herzmuskulatur (Muskelschwund, Herzschwäche)
  • der Sexualfunktionen (bedingt durch hormonelle Störungen)
  • statistisch nachweisbare erhöhte Krebsrate verschiedener Organe.

Besonders gefährdet sind Beschäftigte in sogenannten "Durstberufen", in staubiger und warmer Arbeitsumgebung, bei körperlich schwerer und einseitiger, monotoner Arbeit. Schließlich sind es eingeschliffene Trinkgewohnheiten bis hin zu Trinksitten im jeweiligen Betrieb (z.B. Geburtstage, Jubiläen usw.). Nachteilig ist der Einfluss auf Jugendliche durch schlechte Vorbildwirkung der Erwachsenen, Gruppenverhalten und Gruppenzwang, manchmal auch durch schulische Überforderung und unzureichende pädagogische Führung.
Der Einstieg in die Alkoholabhängigkeit ist zunächst das "legale" Trinken zu besonderen Gelegenheiten, die dann in der Häufigkeit zunehmen. Bei persönlichen Problemen wird durch Alkoholgenuss eine als angenehm empfundene Erleichterung gesucht. Es entsteht zunehmend eine Gewöhnung, die schließlich in die letzte Phase der Alkoholabhängigkeit mündet. In der Endphase der Sucht wird das Suchtmittel zum absoluten Mittelpunkt des Lebens. Der Süchtige verliert die Selbstkontrolle und kann sich aus eigener Kraft nicht mehr von der Sucht befreien.



Co-Abhängigkeit

Während des über Jahre verlaufenden Prozesses der Steigerung der Alkohol-Abhängigkeit entwickelt sich im Umfeld (Arbeitsbereich, Familie) eine problematische Verknüpfung zwischen dem Betroffenen und seinen Kollegen sowie dem Vorgesetzten. Diese "Verbundenheit" ist gekennzeichnet durch zunächst bagatellisierendes, entschuldigendes, entlastendes und vertuschendes Verhalten der Anderen - in der Fachsprache auch "Co-Abhängigkeit" genannt. Das trägt für eine lange Zeit zur Selbsttäuschung des Abhängigen bei, wirkt eher suchtfördernd und nimmt dem Betroffenen einen großen Teil seiner Eigenverantwortlichkeit ab. In diesem Teufelskreis laufen sogar die unmittelbaren Bezugspersonen Gefahr, im gewissen Sinne abhängig vom Abhängigen zu werden.



Was ist zu tun?

Ein Unternehmen ist sicher gut beraten, wenn es den Genuss von Spirituosen im Betrieb - auch nach Arbeitsende (Heimfahrt) - verbietet und den Verzehr alkoholhaltiger Getränke weitestgehend einschränkt.
Die Alkoholfrage wird im allgemeinen nur befriedigend in einer entsprechenden Betriebsvereinbarung geregelt werden können. Das Thema Alkohol im Betrieb sollte, wie viele andere allgemeinen Themen, im Rahmen der jährlichen Arbeitsschutz-Unterweisungen behandelt werden.
Der Vorgesetzte sollte wissen
  • Alkoholismus ist eine Krankheit und kein Zeichen von Willensschwäche.
  • Alkoholabhängig kann jeder werden,
  • auch unabhängig von der gesellschaftlichen Stellung.

Der Vorgesetzte ist kein Therapeut. Er - besser jedoch die Unternehmensführung - unterstützt den Abhängigen in der Kontaktaufnahme zu Fachleuten (regionale Suchtberatungsstelle) mit dem Ziel, eine Behandlung anzutreten. Strengste Vertraulichkeit ist geboten, um das sehr wesentliche Vertrauensverhältnis zwischen Betroffenem und Vorgesetzten nicht zu gefährden.
Empfehlungen zum Vorgehen Schritt für Schritt
  • Bei Verdacht auf Alkoholabhängigkeit ist vom Vorgesetzten ein vertrauliches Gespräch mit dem Betroffenen zu führen. Das Gespräch hat zunächst keine personellen Konsequenzen.
  • Falls im Zeitraum von etwa drei Monaten keine Verhaltensänderung festzustellen ist, wird ein zweites Gespräch geführt mit dem dringenden Rat an den Betroffenen, eine Suchtberatungsstelle aufzusuchen - personelle Konsequenzen erfolgen noch nicht.
  • Nach weiteren drei Monaten sollte ein Gespräch unter Einbeziehung des Betriebsrates, Betriebsarztes, ggf. Suchtkrankenhelfers, geführt werden. Der Betroffene erhält eine schriftliche Verwarnung.
  • Nach weiteren zwei bis drei Gesprächsrunden, gemeinsam mit Betriebsrat, Betriebsarzt und Suchtkrankenhelfer in Intervallen von etwa drei Monaten, kann die Kündigung angedroht werden, wenn der Betroffene keine Krankheitseinsicht zeigt und keine Bereitschaft erkennen lässt, sich einer Behandlung zu unterziehen.

Die Gesamtdauer dieser gemeinsamen intensiven betrieblichen Bemühungen beläuft sich demnach auf etwa 15 bis 18 Monate - arbeitsrechtliche und individualrechtliche Bestimmungen müssen dabei beachtet werden. Auf keinen Fall aber sollte das "Alkoholproblem" beiseite geschoben werden.
Vom Alkoholverbot am Arbeitsplatz darf es auch keine Ausnahmen geben. Ist ein Mitarbeiter trotzdem angetrunken, darf er keine Arbeit verrichten, die für ihn und andere gefährlich werden kann (z. B. Fahren eines Gabelstaplers). Lässt man einen Mitarbeiter zur Kontrolle "ins Röhrchen pusten", sollte das für ihn ein Angebot sein, sich entlasten zu können.
Im akuten Fall sollten Betroffene oder deren Kollegen den Vorgesetzten, den Betriebsarzt, die Sicherheitsfachkraft oder den Betriebsrat ansprechen. Unternehmer, die am Unternehmer-Modell teilnehmen, können sich an den zuständigen Betriebsarzt der Steinbruchs-BG oder an den Technischen Aufsichtsbeamten wenden. Darüber hinaus stehen Schriften und ein Video zur richtigen Gesprächsführung zur Verfügung.

Helmut Baer, StBG

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