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Friedliche Weihnacht?

Im Bekanntenkreis haben wir, wie Millionen andere Menschen auch, unter dem Eindruck der terroristischen Anschläge in den USA über unsere Zukunft diskutiert. Nach temperamentvollen Beiträgen zu der zu erwartenden oder zu befürchtenden Weltentwicklung kamen wir recht bald wieder zu unseren ganz persönlichen Befindlichkeiten zurück. Die Mutter zweier Kinder im Vor- und Grundschulalter reduzierte ihre Sorgen auf die Frage, wie unser diesjähriges Weihnachtsfest aussehen wird. Was werden die Kinder fragen, wenn es nicht so fröhlich wird wie in den vergangenen Jahren?
Natürlich hatte sie mit ihren Kindern über die schrecklichen Ereignisse gesprochen, aber werden sie verstehen können, wenn über der gesamten Vorweihnachtszeit mit ihren kleinen Geheimnissen, dem gemeinsamen Basteln und den Vorbereitungen ein lähmender Schleier liegt? Kinder vergessen schnell und leben im Hier und Jetzt, aber die Erwachsenen tragen die schrecklichen Bilder ständig in ihrer Erinnerung. Sie stellen sich die Fragen: Welches Ausmaß wird der Krieg annehmen? Werden auch wir direkt daran beteiligt sein und gegebenenfalls in welcher Form? - Vielleicht sind die Antworten beim Erscheinen dieses Artikels schon längst gegeben worden.
Wir unterhielten uns lange über den Einfluss des Weltgeschehens auf unsere kleinste Zelle der Gesellschaft, die Familie. Durch die Medien werden alle Ereignisse hautnah in unsere Wohnzimmer gebracht. Ihnen zu entfliehen ist nahezu unmöglich. Wir sind Bestandteil dieser Welt und können uns nicht völlig zurückziehen. Auch Kinder - oder gerade Kinder - stellen Fragen; tausende, auf die zu antworten uns Erwachsenen häufig recht schwer fällt. Wieviel überlegter müssen die Antworten auf die Fragen nach den Attentaten sein. Was kann man einer Kinderseele zumuten, und was sollte man besser verschweigen? Ein Problem, vor dem jetzt unzählige Eltern und Alleinerziehende stehen.
Trotz allem werden wir (hoffentlich) auch in diesem Jahr versuchen, uns und unseren Kindern ein schönes Weihnachtsfest zu bereiten. Ob es ein frohes wird, muss uns die Zukunft zeigen.
Und vielleicht sollten wir gerade in diesem Jahr darauf hinweisen, dass es Millionen von Kindern auf dieser Welt nicht so gut geht wie unseren. Dass für viele schon eine ausreichende Mahlzeit schöner wäre als alle Geschenke, die unter unseren Weihnachtsbäumen liegen.
Allen meinen Lesern und deren Familien wünsche ich ein ruhiges Weihnachtsfest und die Muße auch an diejenigen zu denken, die um ihr nacktes Leben fürchten müssen.

Ihr Hans-Jürgen Bahr
Eine friedliche Weihnacht?





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