www.steine-und-erden.net > 2001 > Ausgabe 6/01 > StBG und AOK gemeinsam für rückengerechtes Arbeiten

[Die Industrie der Steine + Erden]






StBG und AOK gemeinsam für rückengerechtes Arbeiten

Gesundheit ist eine Frage der Entscheidungen, die wir treffen.
Wir sind gesund, wenn wir uns dafür entscheiden, gesund zu leben und alles dafür zu tun, um gesund zu bleiben.


Richtige Haltung beim Heben Die Steine und Erden-Industrie weist im Vergleich der Wirtschaftsbranchen eine relativ hohe Arbeitsunfähigkeitsrate auf: mit durchschnittlich 18,4 Arbeitsunfähigkeitstagen bezogen auf die in den Betriebskrankenkassen gesetzlich versicherten Mitarbeiter liegt sie an fünfter Stelle der Statistik. Zu den häufigsten Erkrankungen gehören die Muskel- und Skeletterkrankungen, die zumindest auch teilweise arbeitsbedingte Ursachen haben. Gesundheitsstörungen und Erkrankungen lassen sich dabei häufig nicht auf nur eine konkrete Ursache im Arbeitsprozess zurückführen, vielmehr wirken verschiedene Faktoren mitverursachend oder verstärkend. In der Verantwortung der Unternehmer liegt es, gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen zu schaffen, aber eine genauso bedeutende Rolle spielt die Eigenverantwortlichkeit der Beschäftigten für Leistungsfähigkeit, Wohlbefinden und Gesundheit.
Ziel der betrieblichen Gesundheitsförderung ist es, vermeidbare Belastungen und Gesundheitsrisiken an ihrer Entstehungsquelle zu bekämpfen und so Arbeitszufriedenheit, Leistungsbereitschaft und letztlich Lebensqualität der Mitarbeiter zu steigern. Sie gehört zu den Aufgaben des erweiterten Präventionsauftrages, die den Berufsgenossenschaften mit der neuen Arbeitsschutzgesetzgebung im § 14 des SGB VII übertragen wurden. Die Zusammenarbeit von gesetzlicher Unfallversicherung und Krankenkassen bei der Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren wurde durch die Gesundheitsreform 2000 im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen bestätigt (§ 20 SGB V).
Die betriebliche Gesundheitsförderung war schon immer Gegenstand einer ganzheitlichen betrieblichen Betreuung, denn Arbeit und Gesundheit sind eng miteinander verbunden. Wie aber sieht es mit der Umsetzung in den Kleinbetrieben aus, die sich für das Unternehmermodell der Steinbruchs-BG entschieden haben? Für die Betriebsärzte und Betriebsärztinnen der StBG und für die beteiligten Krankenkassen ist dies eine neue und spannende Herausforderung. Die Sektion III der Steinbruchs-BG führte schon 1996/97 in der Natursteinindustrie in Anröchte ein Pilotprojekt „Prophylaxe von Wirbelsäulenerkrankungen" durch – mit großem Erfolg. Jetzt wurden dort im Januar 2001 mit den Mitarbeitern der damals beteiligten Firmen erneut Kursabende mit funktionellen gymnastischen Übungen zum rückengerechten Verhalten am Arbeitsplatz angeboten. Die AOK Westfalen-Lippe beteiligte sich kurzentschlossen und ohne großen Aufwand sofort wieder an diesem Projekt.
Dieses Mal wurden die Aktionen auf die anderen vier Schwerpunktgebiete der Sektion III, die Regionen Montabaur, Lindlar, Bad Karlshafen / Kassel und Aachen / Heinsberg, ausgedehnt. Da der überwiegende Teil der Mitarbeiter aus den kleinen Mitgliedsbetrieben der Steinbruchs-BG bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen der jeweiligen Bundesländer versichert ist, wurden die Projekte „Rückengerechtes Verhalten am Arbeitsplatz“ auch hier mit den AOK'en zusammen veranstaltet. Die Betreuung solcher Projekte ist für beide Seiten mit hohem zeitlichem Aufwand verbunden. Dennoch waren die Allgemeinen Ortskrankenkassen bereit, diesen Schritt mit zu wagen. Trotz unterschiedlicher Voraussetzungen in den einzelnen Bundesländern und Geschäftsstellen wurde mit der AOK immer ein guter Konsens gefunden.


Beim Spalten der Steine sind Wirbelsäule 
und der gesamte Rücken extrem belastet.   Beim Heben schwerer Lasten sollte unbedingt auf 
die richtige Haltung geachtet werden.
Beim Spalten der Steine sind
Wirbelsäule und der
gesamte Rücken extrem belastet.
  Beim Heben schwerer Lasten
sollte unbedingt auf die
richtige Haltung geachtet werden.


Es mussten branchengleiche Betriebe mit möglichst identischem Belastungsprofil und hoher körperlicher Beanspruchung in einer zumutbaren Entfernung sowohl für die einzelnen Mitarbeiter der Mitgliedsbetriebe als auch für die Tätigkeit des Diplom-Sportlehrers zusammengefasst werden. Die Kontaktaufnahme und Motivation der Unternehmer erfolgte im Betrieb überwiegend durch die zuständigen Technischen Aufsichtsbeamten und den Betriebsarzt, nur in zwei kleineren Projekten durch den Betriebsarzt allein. Bei diesen Gesprächen konnte auf den in den Unternehmerseminaren besprochenen vorbeugenden Gesundheitsschutz und dessen positive Auswirkungen eingegangen werden. Anfangs waren sowohl Unternehmer als auch Mitarbeiter häufiger etwas skeptisch, aber dennoch motiviert, etwas für ihre Gesundheit zu tun.
Die Vorgehensweise ist immer gleich: Hat der Unternehmer sein Einverständnis erklärt, dass ein entsprechendes Projekt in seinem Betrieb gewünscht ist, folgen die Gespräche des Betriebsarztes mit der AOK und es wird ein gemeinsames Konzept erarbeitet. Dann finden die ersten Gespräche zwischen Betriebsarzt, Sportlehrer und Unternehmer im Betrieb sowie die erste orientierende Arbeitsplatzbegehung statt. Sobald der Rückenschullehrer den ersten Eindruck von den Belastungen am Arbeitsplatz gewonnen hat, stellt er ein auf die betrieblichen Verhältnisse zugeschnittenes Programm mit dem ihm zur Verfügung stehenden Zeitkontingent zusammen.
In Montabaur wurde danach beispielsweise eine tätigkeitsspezifische Rückenschule in viermal zwei Stunden durchgeführt, an der durchschnittlich 17 Teilnehmer – darunter eine Frau – teilgenommen haben. Bei den Versicherten kam sie insgesamt positiv an. In einem Abschluss-Seminar waren alle überzeugt, dass dies ein Schritt in die richtige Richtung sei. Die Mitarbeiter nahmen für sich auch ganz individuelle Einsichten und Motivationen für den Freizeitbereich mit. In einem anderen Betrieb in dieser Region mit fünf Mitarbeitern wurde mit dem Rückenschullehrer das rückengerechte Verhalten am Arbeitsplatz vor Ort vermittelt.

Der Rückenschullehrer erläutert eine bessere Haltung Der Rückenschullehrer erläutert eine bessere Haltung.
Dehnübungen dienen dazu, die stark beanspruchte Rückenmuskulatur zu lockern und zu trainieren Dehnübungen dienen dazu, die stark beanspruchte
Rückenmuskulatur zu lockern und zu trainieren.
Unter Anleitung erlernen die Kursteilnehmer gymnastische Wirbelsäulen-Übungen, die sie anschließend für ihre körperliche Fitness regelmäßig anwenden können Unter Anleitung erlernen die Kursteilnehmer
gymnastische Wirbelsäulen-Übungen, die
sie anschließend für ihre körperliche
Fitness regelmäßig anwenden können.


Auch bei den Projekten in Lindlar, in Bad Karlshafen und Kassel sowie in Heinsberg und Aachen findet die tätigkeitsspezifische Rückenschulmaßnahme im Betrieb statt.
Nach einer zweiten Arbeitsplatzbegehung mit Bewertung des Bewegungsmusters der Mitarbeiter an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz folgen ein Kurzvortrag für diese Mitarbeiter durch den Rückenschullehrer sowie die praktische Anwendung eines rückengerechten Verhaltens. Bei Bedarf und/oder Erfordernis kann die letzte Maßnahme auch Entlastungsübungen beziehungsweise Ausgleichsübungen beinhalten.
Mit Lindlar und Bad Karlshafen wurden erstmals Natursteingewinnungs- und -verarbeitende Betriebe betreut, in denen besonders schwerwiegende Belastungen für die Steinstößer und Steinspalter an der Tagesordnung sind – Verhältnisse, an denen man, wenn überhaupt, nur sehr schwer etwas ändern kann. Dennoch gibt es Lösungsmöglichkeiten, über die man nachdenken sollte, wie zum Beispiel eine Unterstützung zur Verbesserung des Trainingszustandes der Mitarbeiter außerhalb der Betriebe. In diesem Zusammenhang werden zusätzliche Anregungen des Sportlehrers zur Verbesserung der ergonomischen Gestaltung eines Arbeitsplatzes gern aufgegriffen.
Die Förderung der Gesundheit am Arbeitsplatz hat damit auch in Kleinbetrieben Einzug gehalten. Die Unternehmer betrachten die AOK und die StBG inzwischen als ihre Partner und begrüßen den konkreten Bezug der betrieblichen Gesundheitsförderung auf die jeweilige Arbeitsplatzsituation. Durch die Projekte des „rückengerechten Verhaltens am Arbeitsplatz" wird das Vertrauen auch in das Unternehmermodell größer und manche Unternehmer sind bereit, auch andere Projekte wie „gesunde Ernährung“, „Streß am Arbeitsplatz“, „Suchtprävention“ aufzugreifen.
Dem Rückenschullehrer und dem Betriebsarzt macht es jedesmal Freude, diese Herausforderung anzunehmen. Die Kooperation zwischen AOK und StBG bei der Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren in den Kleinbetrieben hat erst angefangen; erste Erfolge sind erkennbar. Eine gewisse Flexibilität und Beharrlichkeit aller beteiligten Partner ist jedoch erforderlich, um diese komplexe Aufgabe zu bewältigen. Für alle Beteiligten an diesen Projekten ist das Ziel ein (rücken-)gesundes Leben und Arbeiten.

Nutzen betrieblicher Gesundheitsförderung


Für die Mitarbeiter:

  • Belastungen werden reduziert
  • Gesundheitszustand verbessert sich
  • Wohlbefinden steigt
  • Leistungsfähigkeit wird optimiert
  • Betriebsklima wird besser
  • Arbeitszufriedenheit nimmt zu


Für die Unternehmen:

  • Mitarbeitermotivation wird erhöht
  • Konflikte werden abgebaut
  • Krankenstand verringert sich
  • Fluktuationsrate sinkt
  • Wettbewerbsfähigkeit wird gestärkt
  • Image verbessert sich


Quelle: AOK Hessen 05/2000



Dipl.-Med. Christine Wustrau, Arbeitsmedizinerin, StBG




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