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[Die Industrie der Steine + Erden]






BETONWERK 2000 - menschengerecht, sicher und wirtschaftlich


Wir stellen Ihnen diesmal im Titelthema ein neues Betonwerk vor, das Arbeitssicherheit und Wirtschaftlichkeit aufs Engste verbindet. Auf welche Weise sind hier Ideen und Verbesserungen hinsichtlich der Ergonomie der Arbeitsplätze umgesetzt worden?

Welche Erfolge gibt es bei der Lärm- und Staubbekämpfung? Außerdem erfahren Sie viel über die verwendeten Sicherheitseinrichtungen im "Betonwerk 2000" und die Gestaltung des Arbeitsumfeldes.




Einführung
Die Beton- und Fertigteilindustrie stellt eine bedeutende Anzahl von Mitgliedern der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft (StBG) und gleichzeitig entsprechend viele Versicherte. Es handelt sich um eine wichtige Branche im Kreis der Baustofferzeuger bzw. -lieferanten, nicht zuletzt weil der Anteil dieser Produkte an den verkauften Baustoffen zunimmt.
Werke zur Herstellung von Produkten aus Beton zeichnen sich durch einen immer höher werdenden Grad an Technik, d. h. durch Automatisierung aus. Dies bedingt eine fortschreitende Komplexität der Anlagen und erfordert parallel die arbeitssichere Gestaltung von Maschinen, verbunden mit einer Qualifizierung der Mitarbeiter.
Hand in Hand mit der Modernisierung geht das Bestreben dieser Industrie, einen Imagewandel bei Kunden, Lieferanten, potentiellen Mitarbeitern und der Öffentlichkeit zu erreichen. So wird diese Branche noch zu häufig mit Attributen wie Lärm und Schmutz in Verbindung gebracht.
Das Interesse, laufende Modernisierungen mit Verbesserungen in der Arbeitssicherheit und dem Gesundheitsschutz zu kombinieren, wird durch die StBG begrüßt und gefördert. Dies ist nicht zuletzt darin begründet, dass diese Branche leider eine sehr hohe Quote von Arbeitsunfällen aufweist. So lag die Zahl der anzeigepflichtigen Arbeitsunfälle pro tausend Vollarbeiter im Jahr 1998 bei 99,86. Die Wichtigkeit von Beiträgen aus den Betrieben zur Verbesserung der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes hebt die StBG in diesem Jahr zum vierten Mal durch den Förderpreis Arbeit Sicherheit Gesundheit hervor, der zur Zeit in die Schlussphase geht. Ein Beitrag aus der Förderpreisrunde 1999 liegt diesem Titelthema zugrunde und soll Anliegen, Wirkung und Erfolg in dem beschriebenen Unternehmen veranschaulichen. Es ist unser Ziel, mit diesem Beispiel auch zum Mitmachen im eigenen Unternehmen anzuregen.




Das Unternehmen
Betonwerk In den frühen 90er Jahren übernahm die Fa. Schmitt & Weitz ein Betonwerk in Retzbach bei Würzburg, dessen Wurzeln bis in die 50er Jahre reichen. Dort wurden unter anderem Garagen hergestellt. Nach wenigen Jahren erwiesen sich die bestehenden Einrichtungen als veraltet, so dass an eine Neuplanung gedacht wurde.
1995 / 96 gab es bereits konkrete Ziele. Grundlage war die Forderung, technische Innovation mit den Erfordernissen des Marktes optimal zu verbinden. Die einzelnen Bereiche der Fertigung wurden eingehend einem Soll-Ist-Vergleich unterzogen. Die Blickwinkel des "Mitarbeiters vor Ort", des Vertriebs und die Erfahrungen aus der Praxis haben das nun seit gut einem Jahr mit Erfolg laufende Werk ermöglicht. Bei allen Überlegungen wurde dem "Faktor Mensch" besonderes Augenmerk gewidmet.
Ergebnis ist ein modernes Werk zur Herstellung von Betonprodukten für den Garten-, Straßen-, Landschafts- und Städtebau. Im Folgenden werden die einzelnen Maßnahmen unter den Begriffen Ergonomie, Sicherheitseinrichtungen, Lärmminderungsmaßnahmen, Staubbekämpfung und Umfeld erläutert.




Ergonomische Gestaltung von Arbeitsplätzen und Verkehrswegen
Die Vielfalt der in diesem Betonwerk produzierten Artikel erfordert täglich einen mehrmaligen Formenwechsel in der Steinformmaschine. Durch diese Formen wird die Geometrie der Erzeugnisse festgelegt. Eine einzelne Form kann bis zu 1,5 Tonnen schwer sein. In der Vergangenheit wurden diese Formen mit Gabelstapler und Muskelkraft, zudem unter räumlich beengten Verhältnissen, den Maschinen entnommen, zum Lager gebracht, geholt und wieder eingebaut. Für die Mitarbeiter waren diese Arbeiten verbunden mit Heben, Tragen und Ziehen von schweren Lasten. Außerdem konnten die Versicherten bei diesen Arbeiten von Werkzeug oder Formen getroffen werden. Vom Staplerverkehr gingen außerdem die damit verbundenen bekannten Gefahren aus.
Formenwagen vor der Schallschutzkabine mit Steinformmaschine Im neuen Werk erfolgt der Formenwechsel nun vollautomatisch. Gesteuert über den Anlagenrechner, z. B. wenn eine vorgegebene Taktzahl abgearbeitet ist, wird der Wechsel eingeleitet. In der Praxis heißt das, der Formenwagen wird im Formenlager automatisch mit einer neuen Form bestückt, fährt von dort vor die Steinformmaschine, die gebrauchte Form fährt heraus und wird auf dem Wagen abgelegt. Die neue Form wird eingezogen und fixiert; nun kann die Maschine nach einer Unterbrechung von circa fünf Minuten weiter arbeiten. Der Formenwagen kehrt zum Lager zurück. Der beschriebene Arbeitsgang muss nicht durch menschliche Arbeitskraft unterstützt werden, die oben beschriebenen Belastungen bzw. Gefährdungen sind entfallen.
Produktionstechnisch ergibt sich durch den schnellen Formenwechsel auch die Möglichkeit, Produkte verschiedener Geometrie, aber gleicher Farbe herzustellen und so die gleiche Färbung zu erzielen, was bei einer Produktion über mehrere Schichten hinweg praktisch nicht zu gewährleisten wäre. Auch kann die Steinhöhe von fünf bis 40 Zentimeter schnell verändert werden.
Die Produktivität konnte durch den viel schnelleren Formenwechsel natürlich gesteigert werden. Nun werden auch kleinere Lose ab 50 Quadratmeter für Kunden hergestellt. Dies ermöglicht eine höhere Flexibilität, die der Markt heute erfordert.
Betrachtet man die in den letzten Jahren angezeigten und anerkannten Berufskrankheiten, so fällt auf, dass ein bemerkenswerter Teil auf Beeinträchtigungen der Wirbelsäule zurückzuführen ist. Aus diesem Grund sind Maßnahmen, die Belastungen der Wirbelsäule von Versicherten minimieren bzw. sogar vermeiden helfen, generell zu begrüßen und zu fördern.
Im Bereich der Qualitätskontrolle werden mangelhafte Produkte von Blechen manuell in Container gezogen. Der nachfolgende Arbeitsplatz, an dem die entstandenen Lücken durch einwandfreie Steine ersetzt werden, ist mit einem Wagen ausgerüstet, dessen Höhe der des Förderstranges entspricht. Auf diesem Wagen liegen die Ersatzsteine; diese müssen nun nur noch in die Lücken geschoben werden. So konnte das Heben und Tragen der bis zu 20 Kilogramm schweren Steine vermieden werden.
Der Gesichtspunkt der Ergonomie wurde auch bei der Gestaltung von Wegen und Treppen berücksichtigt. So sind die Verkehrswege großzügig angelegt, erlauben überall Begegnungen und kurze Distanzen. Die Steigungen der Treppen sind der Anatomie des Menschen angepasst, d. h. sie sind bequem und sicher zu begehen.

Absicherung der Betonkübelbahn Treppenhaus im Innern des Werks

Der hier angesprochene Punkt mag dem einen oder anderen Leser sekundär erscheinen, als StBG müssen wir jedoch aus dem Unfallgeschehen feststellen, dass etwa ein Viertel bis zu einem Drittel aller Unfälle der Kategorie „Gehen, Laufen, Stolpern“ zuzurechnen sind. Dies hat natürlich entsprechende Aufwendungen zur Folge, und indirekt wirkt sich dies auch auf die Beiträge aus. Deshalb muss an dieser Stelle ausdrücklich betont werden, dass die Gestaltung von Verkehrswegen, insbesondere deren Oberflächenbeschaffenheit und Übergänge direkten Einfluss auf Unfallwahrscheinlichkeit und Ausfallzeiten hat.
Auf eine leichte Zugänglichkeit der Maschinen und Anlagen wurde schon bei der Konzeption geachtet, so dass im Betrieb, besonders aber bei Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten, alle Eingriffspunkte, wie z. B. Schmierstellen, sicher und schnell erreichbar sind. Aus unserer Erfahrung ist gerade auch solch eine Vorgehensweise sehr empfehlenswert. Wartungsstellen, die später nur mit Anlegeleitern oder anderen Hilfsmitteln erreicht werden können, erhöhen die Unfallgefahr erheblich.

Leitstand des Betonwerkes Im Leitstand (Steuerzentrale) sind – heute selbstverständlich – Bildschirme aufgestellt. Das Besondere ist aber die Anordnung des Arbeitspultes mit den integrierten Bildschirmen zum Stehen, d. h.es gibt in diesem Bereich keinen Sitzplatz. Ursache hierfür ist die Konzeption der Steuerung, die nur kurzzeitige Eingriffe erfordert. So werden z. B. Auftragskenngrößen hier über Tastatur eingegeben. Diese Arbeiten erlauben eine Aufenthaltszeit von maximal fünf Minuten, so dass die Einrichtung eines normalen Büroarbeitsplatzes nicht notwendig erschien.
Die beschriebene Maßnahme wurde auch durch den Einsatz von drei dezentralen Rechnern ermöglicht. An diesen können die Mitarbeiter Feinabstimmungen, z. B. an der Steinformmaschine, vornehmen und den Erfolg ihrer Maßnahmen „online“ kontrollieren.
Um den Mitarbeitern Wege zu ersparen, werden an einem Bildschirm im Leitstand wechselnd acht verschiedene Bilder über Kamera dargestellt. Diese Bilder gewähren Einblick in verschiedene Fertigungsstufen und -prozesse, die von außen schwer einsehbar oder auch nur nach Überwindung großer Entfernungen überprüfbar wären.
Die Bildschirmoberflächen sind reflexionsfrei; so konnte auf eine zusätzliche Beschattung dieses Raums verzichtet werden. Der Raum ist klimatisiert und erhält von allen Seiten natürliches Licht, dies bewirkt eine freundliche Arbeitsumgebung.
In seiner Funktion wird der Steuerstand durch die Einrichtung einer Kaffeeküche ergänzt.




Elektrische und konstruktive Sicherheitseinrichtungen
Teil- und vollautomatisch arbeitende Maschinen und Anlagen erfordern in besonderer Weise die Absicherung aller Gefahrstellen, wie z. B. häufig vorhandene Scher- und Quetschstellen. Schon bei der Konzeption muss sich der Hersteller Gedanken zu diesem Thema machen. So sollte bereits im Vorfeld versucht werden, Gefahrstellen zu vermeiden, um später evtl. komplizierte und dann meist teure Maßnahmen zur Absicherung zu umgehen. Alle verbliebenen Gefahrstellen sind nun so zu sichern, dass Risiken für den Benutzer minimiert sind. Auf etwaige Restgefahren muss der Hersteller (oder auch der Importeur) aufmerksam machen. Diese Gesichtspunkte werden auch in der EG-Maschinenrichtlinie Anhang I (89/392/EWG, umgesetzt in deutsches Recht durch die 9. Verordnung zum Gerätesicherheitsgesetz) genannt bzw. dort im Detail beschrieben.
Im Betonwerk Retzbach sind eine große Zahl von Maschinen und Anlagen auf dem Produktionsweg zu finden, die bei der Absicherung ihrer Gefahrstellen verschiedene Möglichkeiten bieten. Beispielhaft sollen hier nur einige herausgegriffen werden.
Die Auflaufstellen der Gummigurtförderbänder werden durch Füllstücke oder eingriffsichere Gitter verdeckt. Ergänzt wird diese Maßnahme durch eine Not-Aus-Vorrichtung über umlaufende Reißleine und Anfahrwarneinrichtung über Hupe.
Der Bereich der Kübelbahn, die für den Transport des Betons zwischen den Betonmischern und der Steinformmaschine sorgt, ist durch einen Zaun gesichert. In diesem Zaun ist ein Zugang für Instandhaltungsarbeiten vorgesehen. Er ist mit einer elektrischen Zuhaltung ausgerüstet, die irrtümliches Eindringen in den Gefahrbereich verhindert. Um in den Bereich zu gelangen, muss sich der Mitarbeiter über einen Schalter anmelden, erst dann wird der Zugang freigegeben, wobei die gefahrbringende Bewegung, hier der fahrende Kübel (Scher- und Quetschstellen mit der festen Umgebung), stillgesetzt wird. Nach Ausführung der notwendigen Arbeit wird der Zugang verschlossen und die Kübelbahn durch Quittieren eines Schalters wieder freigegeben.


Der Kübel selbst verfügt über einen Anfahrbügel, der bei Widerstand durch ein Hindernis einen Endschalter auslöst, der die Fahrbewegung des Kübels zum Stillstand bringt.
Die Steinformmaschine ist hermetisch durch Zäune verkleidet. Der leichteren Zugänglichkeit wegen sind diese Zäune als Vorhänge ausgeführt. Bei Öffnen eines Segmentes werden alle gefahrbringenden Bewegungen über Endschalter stillgesetzt und erst nach Schließen und Quittieren kann die Maschine ihre Arbeit fortsetzen.


Die Absicherung der Gefahrstellen im Bereich des Freihubförderers auf der Trockenseite stellte eine besondere Herausforderung dar. Dort wird Fertigware auf Blechen einer Senkleiter entnommen und an zwei sporadischen Arbeitsplätzen vorbei in Richtung Veredelungsstrecke gefördert. Die beiden Arbeitsplätze werden besetzt, wenn Ausschuss entnommen und dahinter die so frei gewordenen Plätze auf den Blechen mit guter Ware bestückt werden.
Am Freihubförderer sind alle Zwischenräume verkleidet und der Förderer kann durch einen Antriebs-Stopp-Schalter zum Stillstand gebracht werden. Außerdem wurden ein Seilzugschalter (Not-Aus) und eine Sicherheitslichtschranke montiert.


Im Freien wurde ein Steinpaketroboter (Kran) eingerichtet, der Steinpakete von einer Schiebebühne (aus der Produktionshalle kommend) aufnimmt und auf dafür vorgesehene Plätze entlang der Außenwand setzt bzw. stapelt. Diese Pakete werden wiederum von Gabelstaplern aufgenommen und im Freilager abgesetzt oder direkt auf Lkw verladen. Der Bereich dieses Steinpaketroboters ist über Sicherheitslichtschranken nach außen abgeschirmt. Bei Eindringen von Fußgängern, d. h. Unterbrechen eines Lichtstrahles durch eine Person, wird der Roboter automatisch angehalten. Fährt ein Gabelstapler in einen definierten Abschnitt des Bereiches ein, so ist jede Bewegung des Kranes in diesem Abschnitt ausgeschlossen. Die befahrenen einzelnen Abschnitte werden über im Boden liegende Kontaktschleifen erkannt. Nach Verlassen kann der Fahrer des Gabelstaplers über Funk den Bereich freigeben und der Kran kann seine Arbeit wieder aufnehmen.
Besondere Überlegungen erforderten die Zuordnung von Hauptschaltern (allpolige Trennung vom Netz) zu den einzelnen Fertigungsbereichen. Eine zweckmäßige Lösung ist die Einrichtung von Hauptschaltern für jene Prozesse, bei denen ein Eingriff vorgenommen werden soll und kann, ohne möglichst wenige andere parallel oder angrenzend arbeitende Arbeitsabläufe gleichzeitig stillsetzen zu müssen. Erfahrungsgemäß werden Hauptschalter, die mehrere Arbeitsabläufe versorgungsmäßig erfassen, häufig umgangen, weil man der Überzeugung ist, bestimmte Verfahrensschritte nicht stören zu dürfen. Daraus entstehen vermeidbare Unfallgefahren in ungesicherten Bereichen. Voraussetzung für diese Maßnahme ist die sorgfältige Überprüfung, dass der freigeschaltete Bereich auch einen eigenen Zugang hat und angrenzende weiter arbeitende Bereiche zuverlässig gegen Eindringen aus dem freigeschalteten Bereich geschützt sind.
Das Farbenlager befindet sich auf einer Höhe von 5,2 Metern. Die Farben werden in "big bags" über Gabelstapler von außen zugeführt, wofür vorher ein Rolltor geöffnet werden muss. Die Mitarbeiter auf der Lagerbühne sind gegen Absturz durch ein ein Meter hohes, nur nach innen öffnendes Flügeltor während des Anhängevorganges an den Brückenkran geschützt.
Die oben genannten Sicherheitseinrichtungen werden durch weitere Maßnahmen wie das Anbringen von Sicherheitskennzeichen, das Vorhalten von Erste-Hilfe-Kästen und Feuerlöschern ergänzt.




Lärmminderungsmaßnahmen
Lärmschwerhörigkeit (gleichauf mit Silikose) ist die häufigste anerkannte Berufskrankheit bei der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft. Aus diesem Grund gelten vielfältige Anstrengungen in der Prävention hierauf abgestellten Arbeitsschutzmaßnahmen.
Einer der traditionell belastenden Faktoren für die Versicherten in Werken zur Betonfertigteilherstellung ist das Auftreten von Lärm. An erster Stelle ist hier als Verursacher Technik zu nennen, die zur Verdichtung des noch feuchten Betons verwendet wird. Verbesserungen dieser Technik, hier Rüttel- und/ oder Schüttelverfahren sowie der Einsatz von lärmgeminderten Aggregaten wurden bereits in den vergangenen Jahren von der StBG im Rahmen des Förderpreises gewürdigt und prämiert.
Im beschriebenen Werk wurde die Problematik mit einer Schallschutzkabine bekämpft. Das "Herzstück" der neuen Anlage, die Steinformmaschine, erzeugt Lärm bis zu 105 dB(A). Da in der Nähe der Maschine Arbeitsplätze liegen, war klar, dass Lärmminderungsmaßnahmen notwendig waren. Deshalb wurde der Steinfertiger komplett mit einer Schallschutzkabine eingehaust.


Der Lärmpegel außerhalb der Kabine liegt unter 85 dB(A), so dass in der Nähe arbeitende Personen oder Passanten keinen Gehörschutz benutzen müssen. Die Zugänge, es handelt sich hierbei um den Blecheinlauf, die Materialzugabe über Kübelbahn, den Blechabzug, eine Zugangstür für Mitarbeiter und ein Tor für den Formenwechsel, sind so ausgeführt worden, dass auch durch sie nur wenig Lärm nach außen dringen kann. In die Kabine sind große Fenster eingelassen, so dass für allgemeine Kontrollzwecke der lärmbelastete Innenraum nicht betreten werden muss. Genauso wurde ein schwenkbares Steuerpult außerhalb angebracht, um Änderungen von außen - aber trotzdem mit Sichtkontakt -; durchführen zu können.
Im Zusammenhang mit der beschriebenen technischen Maßnahme sei an dieser Stelle die Aufmerksamkeit auch darauf gelenkt, dass allein der Einsatz von Technik nicht wirksam sein muss. Werden z. B. bei Schallschutzkabinen Zugänge nicht konsequent verschlossen gehalten, so ist deren Wirkung weitgehend eingeschränkt. Es kommt also darauf an, vorbildliche Technik mit guter Organisation zu verbinden. Das heißt, die Mitarbeiter müssen einbezogen und über die Funktion der Technik informiert werden, um sich selbst entsprechend so verhalten zu können, dass die angestrebten Ziele bei Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz verwirklicht werden.


Nicht nur die Steinfertigungsanlagen erzeugen Lärm im Betonwerk, auch die meisten verwendeten Maschinen und Anlagen sind Lärmquellen. Bei der Konzeption dieses Werkes hat man darauf geachtet, dass statt lärmintensiver Hydraulikanlagen und Kompressoren nach Möglichkeit wesentlich leisere, aber genauso leistungsfähige Elektroanlagen beschafft wurden. Ergebnis ist, dass in weiten Bereichen des Werkes das Tragen von persönlicher Schutzausrüstung in Bezug auf Lärm obsolet geworden ist. Dieses Ergebnis kann man nur begrüßen, da erfahrungsgemäß das Tragen von Gehörschutz nicht in allen Bereichen konsequent verfolgt wird.



Staubbekämpfung
Neben allen vorgenannten Maßnahmen wurde auch dem Thema Staubemission nachhaltige Aufmerksamkeit geschenkt. In einem Betonwerk gehören Staubentwicklungen zum produktionsbedingten Alltag, begonnen bei der Anlieferung der losen Ausgangsmaterialien und Abkippen derselben, Transport mit Becherwerken und Abwurf in Silos, Abzug über Rinnen und Förderbänder und Abwurf in Betonmischer, Zugabe des Betons über Schnecken in Mischer, beim Formgebungsverfahren im Steinfertiger, bei Strahlverfahren und schließlich beim Paketieren.
Gesundheitsgefahren für die Versicherten gilt es zu vermeiden. Nicht nur den Menschen kann Staubeinwirkung belasten, auch hochempfindlicher Technik kann Staub zusetzen. Will man nun diesen Zielen bei der Staubbekämpfung näherkommen, so empfiehlt sich die Kombination verschiedener Maßnahmen bzw. folgendes Vorgehen:
An erster Stelle sollte die Staubvermeidung stehen, d. h. gibt es Verfahren, die die Entstehung von Staub verhindern, dann sollten diese genutzt werden, denn so können unter Umständen Investitionen in die Entstaubung vermieden werden. Entwickelt sich dennoch Staub, so kann versucht werden, ihn in einem geschlossenen System zu halten, um den Austritt zu verhindern; dies ist natürlich nur dann möglich, wenn andere Gefahren ausgeschlossen werden können. Ist der Staubaustritt nicht zu verhindern, muss versucht werden, ihn an der Quelle zu erfassen und abzuführen. Als letzter und ungünstigster Schritt muss der Einwirkung durch Tragen geeigneter persönlicher Schutzausrüstung entgegengewirkt werden.
Um die diversen Staubquellen zu erfassen, bot sich in diesem Betonwerk die Einrichtung einer Ringentstaubungsanlage geradezu an. Diese wurde auch mit Erfolg installiert und arbeitet zufriedenstellend. An diese Anlage sind unter anderem die Schallschutzkabine mit der Steinformmaschine, die Blechabkehrbürste (zum Reinigen benutzter Bleche) und die Strahlanlage (zur Oberflächenveredelung der Produkte) angeschlossen. Bei der Absaugung der Strahlanlage wird der beim Strahlvorgang entstehende Staub und Schmutz erfasst und wieder dem Kernbeton zugeführt. Angenehmer Nebeneffekt ist die Vermeidung von Entsorgungskosten. An allen Austrittsstellen, an denen Staubanfall nicht ganz ausgeschlossen werden konnte, wurden Stutzen in der Ringleitung angebracht. Diese Maßnahme ermöglicht es allen Mitarbeitern, bei Bedarf die Staubsauganlage vor Ort zu benutzen.
Jede technische Einrichtung ist nur dann effektiv, wenn sie benutzt und bestimmungsgemäß betrieben wird. Deshalb muss die Information über Einrichtung und Nutzen konsequent an die Benutzer weitergegeben und die Anwendung überprüft werden. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Benutzung manueller Verfahren wie das Kehren mit Besen und Schaufel zu vermeiden ist, da beträchtliche Anteile des Staubes wieder aufgewirbelt werden und die Staubbekämpfung auf diese Weise ihr Ziel verfehlt.



Gestaltung des Umfeldes
Begrünung in der Werkhalle Bestimmendes Element für die Planer des neuen Werkes war neben den besprochenen Punkten, einen Neu- bzw. Umbau zu schaffen, der bei Besuchern und Mitarbeitern einen offenen und positiven Eindruck weckt. Dieses Anliegen ist bei vielen Bauten in der Industrie nur auf den zweiten Blick zu erkennen - oft werden Versuche dahingehend gemacht, aber die Umsetzung gelingt nicht immer. Im vorliegenden Fall muss das Ergebnis anerkannt und gewürdigt werden.
Wie lässt sich nun eine freundliche Atmosphäre erzielen? Mit viel Licht! Zu diesem Zweck wurde im Dach über der Werkhalle mit der Steinformmaschine eine Linie von Lichtkuppeln gezogen. So scheint in diese Halle viel natürliches Licht. Außenfronten werden durch großzügige Fensterbänder aufgelockert. Durch diese Maßnahme erhält die Halle nicht nur zusätzliches Licht, auch die permanenten Arbeitsplätze sind nun so gestaltet, dass die Mitarbeiter von ihrem Standort aus ins Freie blicken können. Dieser Effekt trägt wesentlich zu einer höheren Zufriedenheit bei.
Mehr Helligkeit konnte auch durch den Einbau von Fenstern in die Segmenttore erreicht werden. Dies hat zudem den positiven Effekt, dass dahinterliegende Bewegungen von Fußgängern oder Fahrzeugen frühzeitiger erkannt werden. Die eingebauten Fenster sind schallisolierend und wärmedämmend ausgeführt. Bei nicht ausreichender natürlicher Beleuchtung wird eine Zweikreisbeleuchtung benutzt. Sie besteht aus einer Arbeitsstättenbeleuchtung für außen und innen sowie einer Durchgangsnotbeleuchtung.
Unterstützt wird der lichte Eindruck durch die Verwendung von hellen Farben beim Anstrich fast aller Oberflächen. Der Boden ist z. B. in Hellgrau gehalten und diese Farbe wurde zusätzlich rutschhemmend beschichtet, um Stolpern und Stürzen vorzubeugen.
Man könnte fragen, welchen Einfluss nun die Gestaltung des Umfeldes auf die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz hat. In Zahlen kann dies sicher nur schwer ausgedrückt werden; aber wenn eine höhere Arbeitszufriedenheit und Identifikation mit der Arbeit erreicht wird, so ist damit zu rechnen, dass durch erhöhte Konzentration und Aufmerksamkeit manche Gefährdung vermieden wird.




Zusammenfassung
Diese Werksbeschreibung macht deutlich, dass trotz andauernd hohem Wettbewerbsdruck in der Baustoffindustrie bei überzeugtem Einsatz von Mitarbeitercrew und Führung ein hochmodernes, der Arbeitssicherheit verpflichtetes Werk entstehen kann. Dabei standen nicht nur Wirtschaftlichkeit, Produktivität und modernste Technik im Vordergrund, sondern auch gelungene Maßnahmen bei der Arbeitssicherheit und dem Gesundheitsschutz konnten in einem Atemzug verwirklicht werden. Symbolisch für den Einklang dieser beiden Aufgabenstellungen steht in der Halle ein Olivenbaum, der sich an seinem neuen Platz sichtlich wohlfühlt.




Dipl.-Ing. Horst König, StBG, Sektion I,
Tel. 09 11/9 29 85-0, Fax -46




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