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Die Silikose - Eine Nachschau auf zwei Gerichtsverfahren

Die von der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft (StBG) am häufigsten entschädigte Berufskrankheit war in den letzten Jahrzehnten die Quarzstaublungenerkrankung (Silikose). So werden zur Zeit 1.056 Silikose-Fälle mit Rente entschädigt. Obwohl die Expositionen zwischenzeitlich minimiert werden konnten, werden auf Grund der Belastungen früherer Jahre noch immer neue BK-Anträge gestellt.

Bereits vor 300 Jahren veröffentlichte der italienische Arzt Bernardino Ramazzini (1633 bis 1714) in Modena (Italien) sein berühmtes Werk über "Erkrankungen der Handwerker". Dort wurden die Krankheitsbilder von 55 verschiedenen Berufsgruppen zusammengeführt, darunter auch die Atemwegserkrankungen durch Staubarbeiten in Steinbrüchen. Im Folgenden wird anhand von zwei in diesem Jahr durch Urteil des jeweiligen Sozialgerichts abgeschlossenen Fällen das Verfahren zur Anerkennung einer Silikose aufgezeigt und auf spezielle Schwierigkeiten bei der Anerkennung sowie der Rentengewährung eingegangen.
Die Anerkennung als Berufskrankheit kann grundsätzlich nur erfolgen, wenn die Krankheit in der als Anlage 1 zur Berufskrankheiten-Verordnung abgedruckten, stets aktualisierten Liste aufgeführt ist und die dort genannten Voraussetzungen zur Anerkennung als Berufskrankheit erfüllt sind. Die Nr. 4101 dieser Liste lautet: "Quarzstaublungenerkrankung (Silikose)" und zählt zu den Erkrankungen der Atemwege und der Lungen durch anorganische Stäube.
In beiden durch Urteil abgeschlossenen Fällen begann das Verwaltungsverfahren durch die ärztliche Verdachtsanzeige des behandelnden Arztes auf das Vorliegen einer Berufskrankheit. Oft sind es auch die im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge staubgefährdeter Arbeitnehmer im Röntgenmobil der StBG gewonnenen Untersuchungsergebnisse also die Röntgenaufnahmen der Brustorgane die dazu führen, dass ein Berufskrankheitenverfahren "Silikose" in Gang gesetzt wird.
Wie üblich wurden die betroffenen Versicherten von der zuständigen Sektion unserer Berufsgenossenschaft angeschrieben, um das Arbeitsleben des Versicherten in Bezug auf silikogene Stäube abzuklären, Namen und Anschriften der behandelnden Ärzte zu erfragen sowie die für das Verfahren notwendigen Einverständniserklärungen einzuholen.
Anschließend wurde in beiden Fällen die konkrete Staubbelastung der Betroffenen während ihrer beruflichen Tätigkeit überprüft. Auf der Grundlage der Stellungnahmen des Technischen Aufsichtsdienstes der StBG zeigte sich in beiden Fällen, dass die Versicherten während ihrer beruflichen Tätigkeit langjährig Quarzstaub exponiert waren. Beide waren viele Jahre als Gesteinsbohrer und Sprengmeister bzw. Bohrmaschinist und Brecherbediener in verschiedenen Steinbrüchen quarzhaltigen Stäuben ausgesetzt.
Allgemein ist an dieser Stelle anzumerken, dass die Quarzstaublungenerkrankung durch die Einwirkung von Feinstaub entsteht, der Quarz, Cristobalit oder Tridymit enthält. Die Gefährdung wächst mit der Zunahme der Staubkonzentration in der Atemluft, insbesondere mit der Zunahme des Feinstaubes sowie mit dem Gehalt an kristallinem Siliziumdioxid (SiO2) und mit der Expositionszeit.
Gefahrenquellen sind z. B. die Gewinnung, Bearbeitung oder Verarbeitung von Granit, Sandstein, Quarzit, Grauwacke, Kieselerde, Kieselschiefer etc. mit dem darin enthaltenen kristallinen Siliziumdioxid. Auch anderes Material kann, wenn freie kristalline Kieselsäure darin enthalten ist, eine Gefahrenquelle sein (z. B. Talkum). Daher kommt es immer darauf an, mit welchen Steinen bzw. Stäuben der jeweilige Versicherte Kontakt hatte und welche Stäube in welchem Umfang und für welche Zeit in die Lungen des Versicherten gelangten.
In beiden Fällen war die Gefährdung gegenüber silikogenen Stäuben gegeben, so dass die erste Voraussetzung im Verfahren zur Anerkennung einer Berufskrankheit, nämlich die berufliche Gefährdung gegenüber silikogenen Stäuben (sogenannte haftungsbegründende Kausalität), erfüllt war. Diese Feststellung bereitete deshalb keine Schwierigkeiten, weil die Versicherten die ganze Zeit jeweils in ein und demselben Betrieb gearbeitet und Umgang mit derselben Gesteinsart hatten. Schwieriger ist die Kausalitätsfrage dagegen in solchen Fällen zu beantworten, in denen Versicherte in verschiedenen Betrieben, an unterschiedlichsten Arbeitsstellen mit unterschiedlichen Stäuben Kontakt hatten.
Die nächste Voraussetzung, die in beiden Fällen erfüllt sein musste, war die Feststellung, ob das medizinische Bild dem einer Quarzstaublungenerkrankung (Silikose) entspricht (sog. haftungsausfüllende Kausalität). Hierzu wurden beide Versicherte von Fachärzten auf dem Gebiet der Lungenheilkunde untersucht und insbesondere die angefertigten Röntgenbilder von den Ärzten ausgewertet.
Wichtig ist hier der Hinweis, dass sich eine Silikose in der Regel über einen Zeitraum von Jahren bis Jahrzehnten hinweg entwickelt. Deshalb werden die silikosegefährdeten Versicherten in Betrieben der Steinbruchs-BG regelmäßig untersucht und überwacht. Der Quarzfeinstaub, d. h. Staub einer bestimmten feinen Korngröße, gelangt mit der Atemluft in die Lunge. Circa 50 Prozent dieses Staubes werden bereits in der Nasen- und Rachenschleimhaut zurückgehalten und beim Husten und Schnupfen auf natürlichem Weg wieder entfernt. In den oberen Luftwegen und in den Bronchien sorgen kleine sog. Flimmerhärchen der Schleimhautzellen ebenfalls für einen Rücktransport der Staubteilchen in Richtung Mundhöhle. Ein gewisser Fein-
staubanteil, der nicht entfernt werden kann, gelangt jedoch in die Lungenbläschen (Alveolen). Einige Fasern treten durch die Lungenbläschen hindurch und lagern sich zwischen den Bläschen im Bindegewebe der Lungen ab. Dort beginnen dann die eigentlichen krankhaften Veränderungen.
Aus diesem Grund ist auch die Diagnose "Quarzstaublungenerkrankung" nur aufgrund von Röntgenaufnahmen der Lunge unter besonderer Berücksichtigung der Arbeitsanamnese einschließlich der Art und des Umfanges der Staubbelastung möglich. Die Zellen des Lungengewebes erkennen die Staubteilchen als Fremdkörper und umkleiden sie mit neugebildetem Bindegewebe. Der typische silikotische Herd ist bei reiner Quarzstaubbelastung ein scharf abgesetztes, konzentrisch geschichtetes hyalin- schwieliges Knötchen, welches überall dort entsteht, wo sich Staubteilchen in der Lunge ablagern. Mit anhaltender Staubbelastung nehmen diese Knötchen an Zahl und Größe zu, und es bilden sich regelrechte Schwielen, die zu einer allgemeinen Verhärtung der Lunge führen. Folge hiervon ist auch eine Einengung der kleinen Lungengefäße, die für den Transport des Sauerstoffs an die Körperorgane sorgen. Durch die Einengung der Lungengefäße muss das Herz nun mit erhöhter Anstrengung arbeiten, und es entsteht eine zunehmende Luftnot des jeweiligen Betroffenen.
Lungenfunktionstest in der Berufsgenossenschaftlichen Klinik für Berufskrankheiten in Falkenstein Deshalb führen die zum Verfahren hinzugezogenen Lungenfachärzte eine Lungenfunktionsprüfung durch, um eine Verminderung der Vital- und Totalkapazität festzustellen. Die Beurteilung und Auswertung der Röntgenbilder erfolgt nach der sogenannten internationalen Staublungenklassifikation (ILO), in welcher der Mediziner die Verschattungen nach ungefährem Durchmesser und Streuung einteilt und beschreibt. Einen Rückschluss auf die Schwere der Lungenfunktionsstörung erlaubt das Röntgenbild allein nicht. Hierzu ist die Lungenfunktionsprüfung einschließlich der objektiven Messung des Lungenvolumens und des Atemflusses unerlässlich. So kann die Gasaustauschstörung bewertet werden.
Nun zurück zu den beiden Fällen:
In dem ersten Fall kam der Facharzt für Lungenkrankheiten in seinem Gutachten zu dem Ergebnis, dass eine Berufskrankheit im Sinne der Berufskrankheiten-Nr. 4101 (Silikose) nicht vorliegt, weil typische röntgenologische Veränderungen nicht nachgewiesen werden konnten. Der Mediziner diagnostizierte stattdessen eine chronisch obstruktive Bronchitis in Verbindung mit einem Lungenemphysem. Beides konnte jedoch nicht als Berufskrankheit "Silikose" anerkannt werden. Entsprechend erließ der Rentenausschuss der StBG einen Bescheid, in dem die Berufskrankheit "Silikose" abgelehnt wurde.
Hiermit war der Versicherte nicht einverstanden und legte Widerspruch ein. Im Widerspruchsverfahren holte die StBG nochmals die Stellungnahme eines Facharztes für Lungen- und Bronchialheilkunde ein. Dieser bekräftigte, dass keine quarzstaubbedingten Lungenveränderungen auf dem aktuellen Röntgenbild des Brustkorbes sichtbar sind und auch die Computertomogramme dies bestätigen. Daraufhin erteilte der Widerspruchs- und Einspruchsausschuss der StBG dem Versicherten einen Widerspruchsbescheid, mit dem sein Widerspruch gegen den Bescheid zurückgewiesen wurde. Die hiergegen gerichtete Klage hatte im Ergebnis keinen Erfolg, da auch der im gerichtlichen Verfahren mit einem Gutachten beauftragte medizinische Sachverständige zu dem Ergebnis kam, dass die von der StBG getroffenen Feststellungen zutreffend sind. Die Klage wurde daher abgewiesen.
In dem zweiten Fall gestaltete es sich etwas komplizierter. Hier kam der Mediziner zu dem Ergebnis, dass zwar die ersten Anzeichen einer Silikose erkennbar seien, jedoch aufgrund des Ergebnisses der Untersuchung das Ausmaß der Funktionseinbuße lediglich als minimal bezeichnet werden konnte. Ventilation und Atemmechanik waren nicht einmal leichtgradig eingeschränkt. Es bestand keine Luftnot, weder bei Belastung, noch im Ruhezustand.
Dementsprechend erteilte der zuständige Rentenausschuss der StBG dem Versicherten einen Bescheid und erkannte die Silikose dem Grunde nach an, ohne jedoch dem Versicherten Rente zu gewähren, weil Atmung und Kreislauf noch nicht in einem solchen Umfang beeinträchtigt waren, dass die Funktionseinschränkungen eine Minderung der Erwerbsfähigkeit von 20 Prozent (und damit eine Rentengewährung) rechtfertigen würden. Hiermit war der Versicherte nicht einverstanden, legte Widerspruch ein und erhob anschließend Klage. Aber auch hier bestätigte sich im Gerichtsverfahren die von der StBG getroffene Einschätzung.
Der Unterschied zu dem ersten Fall besteht darin, dass hier das Vorliegen einer Silikose bereits anerkannt worden ist. Es geht in diesem Fall auch bei den sich anschließenden und von der StBG veranlassten Kontroll- und Nachuntersuchungen nur noch darum, ob die vorhandenen Einschränkungen von Atmung und Kreislauf als Folge der Quarzstaubexposition einen rentenberechtigenden Grad erreichen. Im ersten Fall fehlte es hingegen bereits an der Grundvoraussetzung für eine Leistungsgewährung seitens der StBG, nämlich dem Vorliegen eines Versicherungsfalls hier der Berufskrankheit "Silikose".
Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Fällen besteht darin, dass die Berufsgenossenschaft im Fall der Anerkennung der Silikose auch die Kosten der Heilbehandlung für die Folgen der Silikose zu übernehmen hat, während diese im ersten Fall von der Krankenkasse zu tragen sind.

Dr. Ulrich Grolik, StBG, Sektion VI,
Tel. 03 51/2 54 72-0, Fax 90


Silikose (-osis*) f: syn. Quarzstaublunge; Penumokoniose durch Einwirkung lungengängigen, kieselsäurehaltigen Staubes, v. a. bei Bergleuten, Steinmetzen, Porzellan- u. Glasarbeitern, Sandstrahlern, Gießereiarbeitern u. Industrieofenmaurern; inhalierter Siliziumdioxidhaltiger Staub (SiO2) wie Quarz, Cristobalit, Tridymid in Korngrößen von < 5 mm erzeugt in den Lungen bindegewebige Knötchen u. fibrot. Veränderungen. Sympt.: Reizhusten m. Auswurf, später zunehmende Atemnot m. Brustschmerz u. Rechtsherzbelastung. Rö.: 3 Stadien. I. Leichte S.: Verstärkung der Hilusschatten u. Lungenzeichnung mit feiner Tüpfelung im Mittelfeldbereich. II. Mittelgradige S.: symmetr. feine bis grobe Tüpfelung, perifokales Emphysem mit Neigung zu Konfluation. Bronchitiden mit Funktionseinschränkung von Kreislauf u. Atmung. III. Schwere S.: dichtstehende Körnung od. flächenhafte Verschattung durch Schwielenbildung, Schrumpfung u. Verziehung der Lungenteile. Atemnot, Reizhusten, Auswurf, Brustschmerz. Rechtsüberlastung des Herzens, deutl. Funktionsminderung v. Kreislauf u. Atmung. Komplikation durch Tuberkulose.
aus: Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch.





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