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[Die Industrie der Steine + Erden]






Zeit für Romantiker

Für viele Menschen ist die Adventszeit die Zeit der Romantik. Sobald der erste Adventssonntag vor der Tür steht, bricht eine Aktivität aus, wie sie nur die Vorweihnachtszeit heraufbeschwören kann. Nicht nur die Frauen werden von ihr befallen, nein, auch viele Vertreter des männlichen Geschlechts finden Gefallen daran, die eigenen vier Wände weihnachtlich zu schmücken.
Freudig erregt geht es auf den Dachboden oder in den Keller, um die Kartons mit Weihnachtsdekoration zu sichten. Hatte man nicht im letzten Jahr noch diesen attraktiven Kranz mit der Engelsfigur auf dem Adventsbasar erstanden, und wo versteckt sich der in aufwendiger Laubsägearbeit gefertigte Stern, den die Tochter oder der Sohn aus dem Werkkurs mitgebracht hatte? Wie aufgeregte Kinder wühlen dann viele in den Kartons, als wüssten sie nicht ziemlich genau über deren Inhalt Bescheid.
Sorgfältig wird ausgesucht, was in diesem Jahr als Schmuck zu Ehren kommen soll. Vieles hiervon würde das ganze Jahr über als Kitsch abgetan werden, aber im Dezember gelten andere Gesetze. Jetzt darf man wieder ein wenig Kind sein und sich an Dingen erfreuen, die nur in dieser Zeit akzeptiert werden. Denn so viele Kerzen, Lichtbögen, Kränze und Figuren werden sonst nie gezeigt keine Porzellanengel, keine beleuchteten Weihnachtsmänner und Glitzersterne. Guter Geschmack ist nicht unbedingt gefragt, wenn nur die Atmosphäre stimmt.
Alte Rezepte werden herausgekramt und Plätzchen gebacken. Wie zu seligen Kinderzeiten wird der Teig geknetet, Figuren ausgestochen und so viel genascht, dass hinterher zum Bullrich-Salz gegriffen werden muss. Vorweihnachtszeit ist eben Ausnahmezeit. Gehungert wird wieder im neuen Jahr. Dann gibt es statt Spekulatius zum Kaffee nur noch Knäckebrot und Magerkäse. Doch bis dahin ist noch viel Zeit, vorweihnachtlich unvernünftig zu sein, herrlich kitschige Musik zu hören und gehaltvollen Dresdner Christstollen zu naschen.
Die Frage, wie man nach den Feiertagen die Tannennadeln wieder aus dem Teppich herausbekommt und womit den Goldstaub von der Polstergarnitur, verschieben wir auf später. Jetzt lassen wir uns erst einmal von der einmaligen Atmosphäre der Vorweihnachtszeit gefangennehmen, freuen uns auf den Weihnachtsmarkt, den Glühwein und die Esskastanien und genießen es auch als Erwachsene, ein wenig träumen zu dürfen von einer heilen, adventlichen Welt.
In die Wirklichkeit werden wir spätestens dann unsanft gerissen, wenn die stressigen Weihnachtseinkäufe zu erledigen sind. Dann geht es in die überfüllten Geschäfte und die Kaufhäuser voller Hektik. Und wie jedes Jahr kommt Weihnachten wieder viel zu plötzlich.
Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich ein frohes Fest und einen guten Rutsch in ein gesundes neues Jahr.
Hans-Jürgen Bahr


Ho Ho Ho...





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