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[Die Industrie der Steine + Erden]






Fremde Betten

Wenn die Haupturlaubszeit vorbei ist, beginnt an vielen Stammtischen die Zeit der "Manöverkritik". Es werden Erfahrungen über die unterschiedlichsten Urlaubsziele ausgetauscht, gefachsimpelt, verglichen und auch geschimpft. Man hört Lob, Kritik, Vorurteile, ja einfach des Volkes Stimme.

Vor einigen Tagen hatte ich das Vergnügen, eine solche Runde "belauschen" zu dürfen. Vier Männer tauschten ihre Urlaubserlebnisse aus. Der erste war auch im vergangenen Sommer an der Ostsee gewesen, zum zwanzigsten Mal. Kaum erwähnenswert, dass dieser nur über positive Eindrücke berichtete. Den Einwand, dort kenne er doch langsam jeden Stein, ließ er nicht gelten und konterte mit der Bemerkung, dass er wenigstens wisse, wo er hinkommt und was ihn dort erwartet. Darüber hinaus würde das Hinterland so viele Ausflugsmöglichkeiten bieten, dass er oftmals gar nicht schaffe, was er sich vorgenommen habe.

Der Nächste in der Runde war erstmals in die Karibik geflogen. In einem Clubhotel, alles inklusive. Das einzig Gute sei das Wetter gewesen, berichtete er. Das Hotel war ungepflegt, die Betten eine Zumutung für den Rücken und die Verpflegung war lausig. Aber die absolute Krönung seien die Miturlauber gewesen. Bedingt durch die Tatsache, dass auch Getränke im Preis enthalten waren, floss der Alkohol in Strömen. Ganze Kegelgruppen schienen dort zu einem Wetttrinken verabredet gewesen zu sein. Höhepunkt der Abendstimmung war täglich ein treudeutscher Gesangverein, der nach erfolgter Sturzölung der Stimmbänder lauthals mit, aber oft auch gegen die hoteleigene Band ansang. Offensichtlich war für viele Mitreisende das Urlaubsland nicht wichtig, sondern lediglich die Tatsache, dass unter permanent scheinender Sonne eine zweiwöchige Dauerparty abging. Dafür werden klaglos die lange Flugreise und so manche Unannehmlichkeit vor Ort akzeptiert. Der Erzähler hatte jedenfalls genug von dieser Abart des Urlaubs und plante für das nächste Jahr alle Möglichkeiten ein, nur keinen alles-inklusiv-Urlaub.

Der Dritte in der Runde hatte ähnliche Erfahrungen gemacht. Er hatte die schönsten Wochen des Jahres auf der Insel, die gern das 17. Bundesland genannt wird, verbracht. Auch er klagte über schlechte Kost, überfüllte Speisesäle, genervtes Personal und dadurch miserablen Service. Es waren zu wenige Liegen am Strand, die auch noch zu nachtschlafender Zeit mit Handtüchern reserviert wurden. Von Problemen auf dem Flug wegen streikender Fluglotsen einmal ganz abgesehen. Der vierte Mann in der Runde hatte die ganze Zeit schmunzelnd zugehört. "Sagt einmal," mischte er sich erst jetzt in das Gespräch, "aus welchem Grund fahrt Ihr eigentlich in Urlaub? Wollt Ihr Euch bewusst ärgern? Zu Hause liegt Ihr in ordentlichen Betten, esst alles was Euch schmeckt und müsst Euch nicht über unlustiges Personal ärgern. Die Liege im Garten oder auf dem Balkon macht Euch niemand streitig und die Lautstärke des Radios reguliert Ihr selber. Macht doch mit Euren Frauen einmal einen gegenseitigen Verwöhnurlaub, alles inklusive!"

Hans-Jürgen Bahr


Fremde Betten





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