Arbeitssicherheit

Premiere: Konferenz VISION ZERO Europe in Bochum

Ein großer Schritt für VISION ZERO

Zur erfolgreichen Umsetzung der VISION ZERO gehört der Austausch über Ländergrenzen hinweg. Darum fand vom 7. bis 9. September in Bochum die erste VISION ZERO Europe Conference (kurz VIZE) statt. Eine Premiere – und gleich so erfolgreich, dass sie den Grundstein für eine künftige VIZE-Reihe gebildet hat.

Technische Hochschule (TH) Georg Agricola, Aussenansicht
Die VISION ZERO Europe fand an der altehrwürdigen TH Georg Agricola statt.

In diesem neuen Veranstaltungsformat ging es um besseren Arbeitsschutz in den Branchen Bergbau, Steinbruch, Zuschlagsstoffe und Zement. Auch das neue Konzept der IVSS wurde vorgestellt. Und wenn es um Bergbau geht – kann es einen besseren Veranstaltungsort geben als Bochum? Die Kohlenpott-Metropole war schließlich im 20. Jahrhundert lange die Stadt mit den meisten Zechen in Europa, mehr als 70 Schachtanlagen gab es vor 100 Jahren. Und auch wenn 1973 mit der Zeche Hannover die letzte ihren Betrieb einstellte: Bochum bleibt mit dem Bergbau verbunden. Die Konferenz wurde daher im Deutschen Bergbaumuseum eröffnet, mit mehreren Hunderttausend Besuchern jährlich eines der größten Museen des Landes NRW. Auch der Konferenzort selbst blickt auf eine lange Tradition zurück: Die Technische Hochschule (TH) Georg Agricola wurde vor genau 200 Jahren als Bergbauschule gegründet. Bis 1963 wurden hier Steiger ausgebildet, heute studieren mehr als 2.000 Studenten u.a. in den Disziplinen Geoingenieurwesen, Bergbau und Technische Betriebswirtschaft.

Prof. Dr. Jürgen Kretschmann, Präsident der TH Georg Agricola, begrüßt die Teilnehmer.
Prof. Dr. Jürgen Kretschmann, Präsident der TH Georg Agricola, begrüßt die Teilnehmer.

Zur Eröffnung verwies der Präsident der Hochschule, Prof. Dr. Jürgen Kretschmann, auch auf die Bergbautradition von Stadt und Hochschule. Viele Teilnehmer nutzten die Gelegenheit, in den Pausen die Jubiläumsausstellung mit vielen Objekten aus 200 Jahren Bergbau- und Lehrgeschichte zu besichtigen. Auch im Bereich Prävention leistet die TH Georg Agricola ihren Beitrag. Als erste deutsche Hochschule bietet sie seit zehn Jahren den Studiengang Betriebssicherheitsmanagement an, in dem Studenten berufsbegleitend fundierte Kenntnisse des integrierten Personal- und Sicherheitsmanagements erlangen.

Ulrich Meesmann
Ulrich Meesmann zeigte sich erfreut, dass die Konferenz auf großes internationales Interesse stieß.

Eine Welt, ein Ziel

Neben der TH kooperierten für die VIZE – auch auf finanzieller Ebene – die Internationale Sektion für Prävention im Bergbau der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (ISSA Mining), die Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI), das italienische Istituto Nazionale per l’Assicurazione contro gli infortuni sui Lavoro (Italienische Staatliche Versicherung für Arbeitsunfälle – INAIL) sowie der polnische Zakład Ubezpiecze>ń Społecznych (Sozialversicherungsanstalt – ZUS). Gedankt sei an dieser Stelle auch weiteren großzügigen VIZE-Sponsoren wie der RAG AG und der Messe Düsseldorf, wo im nächsten Jahr die Arbeitsschutzmesse A+A stattfinden wird.

Auch wenn die Konferenz „Europa“ im Namen trug – die Teilnehmer kamen aus der ganzen Welt: Den Veranstaltern war es ein besonderes Anliegen, dass auch Präventionsexperten aus Entwicklungs- und Schwellenländern nach Bochum reisten. Aus diesem Grund entschied man sich, für die Veranstaltung keine Teilnahmegebühr zu erheben. „Dank finanzieller Unterstützung konnten beispielsweise Experten aus der Mongolei und dem Iran die Konferenz besuchen. Auch sind große Delegationen aus China und Chile angereist. Die Vielfalt ist uns sehr wichtig“, so Helmut Ehnes, Generalsekretär der ISSA Mining. Auch aus Australien, Südkorea, Singapur und Guatemala nahmen Experten teil, um Arbeitsschutzkonzepte aus ihren Heimatländern vorzustellen. Die Experten aus Europa kamen unter anderem aus der Tschechischen Republik, aus Luxemburg und Russland. Dass die Konferenz auf internationales Interesse stoßen würde, hatte sich bereits im Vorfeld abgezeichnet: Ulrich Meesmann, Präsident der IVSS Sektion Bergbau und Mitglied der Geschäftsführung der BG RCI, verriet zur Begrüßung, dass als Reaktion auf den Call for papers 50 Themenvorschläge aus 17 Ländern eingingen.

Helmut Ehnes
Helmut Ehnes erläuterte in seiner Keynote die 7 Goldenen Regeln für die VISION ZERO.

Breit gefächertes Themenspektrum

In seiner Keynote stellte Hans-Horst Konkolewsky, Generalsekretär der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS), deren Vision einer ganzheitlichen, auf den Menschen zentrierten Prävention vor. Dafür hat die IVSS ein dreidimensionales Modell entwickelt. Die drei Säulen, Risikoprävention am Arbeitsplatz, Gesundheitsvorsorge und die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach einem Unfall greifen dabei ineinander. Zudem arbeitet die IVSS an einer globalen VISION-ZERO-Kampagne. Abschließend gab Konkolewsky einen Ausblick auf den 21. Weltkongress für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit, der 2017 in Singapur stattfindet.

Helmut Ehnes, Generalsekretär der ISSA Mining, stellte in seinem Vortrag die 7 Goldenen Regeln für VISION ZERO vor (siehe auch https://issa.int). Er informierte über die Ergebnisse einer Evaluation der BG RCI über tödliche Arbeitsunfälle und der daraus resultierenden Handlungsfelder zur Prävention. Demnach besteht für erfahrene Bergleute im Alter zwischen 45 und 55 das höchste Risiko, einen Unfall zu erleiden, weil ihre Routine sie nachlässig macht. Die tödlichen Unfälle stehen hauptursächlich mit Fahrzeugen und Maschinen in Verbindung. Um Arbeiter und Management dafür zu sensibilisieren, wurde die Kampagne „10 Lebensretter-Tipps“ ins Leben gerufen.

Deutsches Bergbaumuseum, Aussenansicht
Traditionsreicher Ort: das Deutsche Bergbaumuseum. Hier wurde die Konferenz eröffnet.

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Best practice

Die einzelnen Sessions waren in Themenbereiche gegliedert. So stellte Prof. Dr. Burkhard Schmidt von der Hochschule für internationales Management in der Session „Gesundheit der Belegschaft und der Führungsebene“ die Ergebnisse der Untersuchungen zum Stresssystem vor. Stress – ob objektiv oder subjektiv wahrgenommen – ist zunehmend für Krankheiten und Unfälle verantwortlich. Die Faktoren, die zu Stress führen, sind zahlreich und unterscheiden sich. Schmidt erläuterte, dass Menschen auf die verschiedenen Faktoren oftmals nicht adäquat reagieren können. Unser Stresssystem habe sich, anders als unser Leben in der Zivilisation, nicht weiterentwickelt, so Schmidt, und sei immer noch darauf ausgelegt, sich eines Angriffs von einem Raubtier zu erwehren. Und so reagiere der Körper auch auf Auseinandersetzungen mit dem Chef. Daraus abgeleitet wurden „Don’ts“ für Führungskräfte, um Stressfaktoren zu reduzieren. Ein gesunder Führungsstil zeichne sich durch Transparenz, Belastungsabbau und Ressourcenschonung, Wertschätzung, Interesse und Einbeziehen von Mitarbeitern aus, betonte Schmidt.

Teilnehmer im Gespräch
Auch zwischen den Workshops und Vorträgen fand reger Austausch unter den Teilnehmern statt.

Sidey Castillo stellte das Programm vor, das die Grupo Progreso, ein Zementunternehmen aus Guatemala, eingeführt hat, um die Gesundheit der Mitarbeiter zu verbessern. Das Unternehmen bietet seinen Mitarbeitern monatliche Workshops zur Gesundheitsvorsorge, medizinische Untersuchungen und sportliche Aktivitäten. Begleitet wird dies medial, indem etwa Vorher-Nachher-Fotos von Abnehmaktivitäten veröffentlicht werden. Zudem erhalten die Teilnehmer regelmäßig Tipps per SMS. Die Teilnahme am Programm ist freiwillig, mehr als 1.000 Mitarbeiter haben bereits daran teilgenommen.

Über Erreichtes und Perspektiven im Bereich Arbeitsschutz des chinesischen Bergbaus informierte Li Wanjiang, Stellvertretender Verwaltungschef der Staatsverwaltung für Sicherheit im Kohlebergbau. Bolortuya Ganbaatar vom Forschungszentrum für Arbeitsmedizin berichtete über die Entwicklung einer Präventionskultur im mongolischen Bergbau.

Wie entscheidend es ist, Unfälle genau zu analysieren, zeigte die Session „Lernen aus Unfällen und Vorfällen“. Experten aus Deutschland, Italien, Polen und Südafrika stellten Analysemöglichkeiten vor und berichteten über Maßnahmen, die auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse eingeleitet werden können.

Wie die VISION ZERO konkret umgesetzt werden kann, erläuterten mit Best-Practice-Beispielen u.a. Joachim Löchte (RAG), Dr. Thomas Lautsch (DBE) und Dr. Bettina Nickel, Geschäftsführerin des mittelständischen Basaltabbau-Unternehmens Nickel GmbH & Co. KG.

Joachim Löchte
Joachim Löchte stellte den Weg der RAG zur VISION ZERO vor.

Spannendes Rahmenprogramm

Bereits am Tag vor der Konferenz bot sich den Teilnehmern die Möglichkeit, das RWE Kraftwerk Gersteinwerk zu besichtigen. Im Anschluss daran stand ein Besuch der DASA Arbeitswelt Ausstellung auf dem Programm. Hier konnte man aktiv in zwölf verschiedene Arbeitswelten eintauchen.

Zum Thema „Critical Control Management“ bot Jim Joy ein ganztägiges Seminar. Vor allem auf Experten der Gefährdungsbeurteilung zielend, stellte Joy, der seit mehr als 30 Jahren in diesem Bereich forscht und globale Unternehmen berät, das CCM-Konzept vor. Mit diesem können Risiken und Gefahren exakt identifiziert und beurteilt werden.

Zur feierlichen Eröffnung der VISION ZERO Europe trafen sich die Präventionsexperten im Deutschen Bergbaumuseum. Im Rahmen der Veranstaltung bot sich die Gelegenheit, alte Bekanntschaften aufzufrischen und neue zu schließen.

Jim Joy
Jim Joy berät schon lange Unternehmen der Mineralindustrie.

Am nächsten Abend ging es zum Weltkulturerbe Zeche Zollverein; dort gab es das große Conference Dinner, in dessen Rahmen ein Bergmannschor die Anwesenden begrüßte.

VIZE macht weiter!

Nach zwei informativen Konferenztagen zogen alle Teilnehmer dieselbe Bilanz: Die VIZE hat die Erwartungen klar übertroffen. Und so waren sich auch die Veranstalter darin einig, dass der Premiere in Bochum weitere VIZEs folgen müssen. In zwei Jahren schon soll es soweit sein, dann wird die nächste Konferenz im europäischen Ausland stattfinden. Erste Gespräche dazu wurden bereits in Bochum geführt.

Stefan Möller

Redaktion STEINE+ERDEN

Bergmannschor
Glück auf: Zum Conference Dinner begrüßte ein Bergmannschor die Teilnehmer
Menschen im Gespräch am Messestand
Die BG RCI informierte die Teilnehmer an ihrem Stand über ihre Arbeit und die Präventionsstrategie VISION ZERO.

Hans-Horst Konkolewsky, Generalsekretär der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) über die VISION ZERO Europe in Bochum

„Für die IVSS haben Veranstaltungen wie die VISION ZERO Europe einen hohen Stellenwert. Sie sind eine interessante Plattform zum Austausch mit den Mitgliedern. Konferenzen wie diese bieten zudem die Möglichkeit zum übergreifenden Austausch. Hier treffen Vertreter von Präventionsverwaltungen wie der BG RCI mit Verantwortlichen aus privaten und öffentlichen Unternehmen zusammen, um sich über konkrete Maßnahmen zu informieren und einander neue Anregungen zu geben. Die Sektion Bergbau ist innerhalb der IVSS eine wichtige Triebkraft für die Umsetzung des Ziels, die Zahl der Arbeitsunfälle weltweit in Richtung null zu bewegen. Deshalb freut es mich, dass die Teilnehmer nicht nur aus Europa kommen. Wir sehen, dass trotz unterschiedlicher Entwicklungsstadien im Bereich Prävention weltweit große Anstrengungen unternommen werden, die Arbeitsschutzsituation weiter zu verbessern, dass sich auch die internationalen Teilnehmer dazu verpflichten, ihren Beitrag dazu zu leisten.

Die VISION ZERO Europe hat gezeigt, mit wieviel Engagement die IVSS gemeinsam mit ihren Partnern eine qualitativ hochwertige Veranstaltung ausrichten kann. Hier ist man mit einem Quantum Herz dabei. Als Generalsekretär der IVSS beschäftige ich mich mit vielen Aufgabenfeldern, ursprünglich komme ich aber aus dem Bereich Prävention. Auch deshalb finde ich es sehr schön, hier in Bochum neue Impulse in der Prävention zu bekommen. Und noch aus einem anderen Grund freue ich mich, hier zu sein: Ich bin in Duisburg geboren. Wieder mal im Ruhrgebiet zu sein, ist wie nach Hause zu kommen.“

Hans-Horst Konkolewsky
Hans-Horst Konkolewsky
 
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