Technik

Foto-Streifzug über die weltgrößte Nutzfahrzeugmesse

Die Sparflamme lodert

… jedenfalls, was Verbrauch, Schadstoffausstoß und Betriebskosten der Lkw anging, die auf der diesjährigen IAA präsentiert wurden. Um so üppiger dafür der Entertainment-Faktor, mit dem vor allem die Großen der Branche ihre Technologieträger vorstellten, wie etwa der VW-Konzern seine neuen MAN-Modelle (s. Foto unten). Doch auch im Kleinen gab es viel Interessantes zu sehen – etwa zum Thema Sicherheit, was uns als BG-RCI-Vertreter natürlich immer besonders freut.

Messebesucher vor einem Lkw
// Alle Fotos dieses Beitrags: Markus Hofmann/BG RCI
Der Wert 6,35% in roten Buchstaben als Skulptur auf einem Messestand
Scania schrieb rote Zahlen – nicht beim Umsatz, sondern in puncto Kraftstoffersparnis seiner Diesel-Modelle.

Total Cost of Ownership, kurz TCO: Das war eine der viel beschworenen Zauberformeln der diesjährigen IAA Nutzfahrzeuge. Dabei geht es nicht nur um möglichst geringen Dieselverbrauch und hohe Effizienz im täglichen Einsatz. Beim Kauf eines neuen Nutzfahrzeugs – und das gilt für die Zugmaschine genauso wie für Trailer – sind neben der Anschaffung vor allem Betriebs- und Reparaturkosten sowie später der Restwert des Vehikels entscheidend. Es heißt also, bei der Kalkulation ökonomische und ökologische Aspekte zusammenzubringen und da hatten alle großen Hersteller ihre für sich sprechende Rechnung parat.

Lkw
Noch sparsamer und leise obendrein: der brandneue Lkw mit Euro-VI-Hybridantrieb, der vor allem innerstädtisch Ruhe auf die Straße bringt.
Renn-Lkw
Ein bisschen Spaß muss sein: Der 2.400 PS starke Renn-Lkw «Iron Knight» von Volvo war ein Publikumsmagnet.

Genügsam – nur nicht beim Image

Natürlich standen dabei aber Kraftstoffersparnis und Emissionsreduktion im Vordergrund – auch, weil sie sich so schön plakativ präsentieren lassen. So umkurvten etwa bei Scania die Besucher eine dicke rote Ziffernreihe „6,35%“. Iveco nennt eine neue Lkw-Baureihe „TCO₂-Champion“. Scania spricht bei seinen Hybridmodellen vollmundig von einer „Revolution“ und bei Mercedes-Benz hat man eine futuristische Design- und Technikstudie zum Thema Elektromobilität auf die Räder gestellt, die mehr wie ein Raumschiff wirkte als ein Kilometerfresser für Asphaltcowboys. Aber er wird kommen, der E-Antrieb, da ist man sich einig.

Bis es soweit ist, schreiben sich alle Euro VI auf die Fahnen, setzen ihre Brummer auf Diät und flanschen Schnittstellen zu Assistenzsystemen und Smartphone-Apps für mehr Komfort und Sicherheit an. DAF setzt noch eins drauf und erhebt die Lärmreduktion ebenfalls zu einem Entwicklungsziel – unsere Straßen und Städte sind ja schon laut genug. Und wenn dann noch das richtige Markenlabel auf der Haube blitzt, sollte nach vielen Einsatzjahren auch noch der Restwert stimmen. Perfekt für die TCO-Rechnung. Und bei alldem sagt der nachdenkliche, der vernünftige Kopf selbstverständlich: Gut gemacht, ohne das kommt ein effizient und nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen heute nicht mehr aus.

Aber irgendwie scheint es, als bräuchten Hersteller und geneigte Besucher auch noch was für Herz und Bauch. Volvo etwa zeigte voller Stolz seinen „Iron Knight“, die wohl stärkste und schnellste Sattelzugmaschine der Welt mit schlappen 2.400 PS und einem Drehmoment von 6.000 Nm. Renault geht auf Wüstenrallyes mit seinem „Mammoet“, einem martialischen Allradmonster, und auch Iveco demonstrierte Nähe zum Rennsport mit seiner Petronas-Designstudie. Da will ganz klar jemand seinen Spieltrieb ausleben, aber immerhin ist das Publikum begeistert. Ganz ohne Gefühl geht es eben auch bei Nutzfahrzeugen nicht – das Image eines kraft- und innovationsstrotzenden Herstellers zieht Kunden an. Da scheinen die Messebesucher dann auch gnädig über Abgasskandale hinwegzusehen.

Dreiseitenkipper
Dank I-Shift-Getriebe hat Volvos Dreiseitenkipper FMX 8x4 äußerst feinfühlige Kriechgänge an Bord, die das langsame Manövrieren unter Schwerlast deutlich erleichtern.
Lkw mit elektroantrieb von vorne
Nicht der neue Design-Bus der DFB-Elf, sondern eine Studie zum Thema Elektromobilität: Sieht so der Packesel der Zukunft aus? Reine E-Antriebe sind bisher selten anzutreffen.

Aktive Sicherheit, hoher Komfort: eingebaut und zum Nachrüsten

Uns interessiert naturgemäß vor allem, was die Fahrzeugbauer zur Sicherheit beitragen. Auch da hat sich einiges getan. Mercedes-Benz widmete einige Quadratmeter Standfläche einem Konzept-Lkw mit Fahrer-Assistenzsystemen, die tote Winkel und Frontalunfälle mit anderen Verkehrsteilnehmern verhindern. Der Trailerhersteller Fliegl schraubt – obwohl gesetzlich nicht vorgeschrieben – Rückfahrkameras serienmäßig an einige Kippermodelle. Auch die Zulieferer solcher Systeme wie Motec, Brigade und Mekratronics entwickeln unermüdlich immer neue Produkte zur lückenlosen Nahbereichsüberwachung. Weitere Elektronik-Anbieter präsentierten Hard- und Software, mit deren Hilfe die Flotte und Fahrzeugauslastung effizienter gesteuert und der einzelne Lkw komfortabler bedient werden kann. Einen Kipper von Schmitz-Cargobull etwa kann der Bediener in allen Funktionen per App aus seiner Kabine fernsteuern.

Lkw
Auch Lärm ist Umweltverschmutzung. Mit einem Geräuschpegel von nur 72 dB(A) gehört DAFs CF-Reihe zu den leisesten Diesel-Lkw.
Lautsprecher
Weißes Rauschen, das man immer hört: Brigade bietet neben Kamera- und Radarsystemen für Nfz-Fahrer auch auditive Anlagen, die bei Rückwärtsfahrten die Umgebung warnen.

Gegenüber soviel Hightech wirken Reifen schon fast langweilig. Aber auch da gibt es Fortschritte, siehe Continental, Hankook, Michelin oder Windpower/Bohnenkamp. Schließlich buhlen sie bei den Nfz-Bauern, die die neue Euro-VI-Norm einhalten müssen, um Erstausrüsterverträge. Oberste Entwicklungsziele sind daher geringer Rollwiderstand, sprich: Spritersparnis sowie leises Abrollgeräusch, ohne dabei Grip und Haltbarkeit aus dem Blick zu verlieren. Neue Profile und Gummimischungen waren daher ebenfalls ein Komponenten-Thema auf der IAA 2016.

Elektronischer Seiten-»Spiegel» von Mekratronics: In dem Horn (oben) sitzt das Kamera-Auge, dessen Bilder auf einem HD-Display erscheinen
Elektronischer Seiten-»Spiegel» von Mekratronics: In dem Horn (oben) sitzt das Kamera-Auge, dessen Bilder auf einem HD-Display erscheinen. Witterung und Blendung sollen kein Thema sein.
Mann im Sitz eines Fahrsimulators
Bei Michelin bekamen die Standbesucher in einem Simulator raues Offroad-Gelände zu spüren.So erhielten sie eine Ahnung, was Rallye- und Lastwagenfahrer mitmachen.

Unser Fazit: Das Nutzfahrzeug entwickelt sich immer mehr zu einer komplexen, ausdifferenzierten Produktwelt, die technologische, sicherheitsmäßige, gesetzliche und ökologische Ansprüche bedienen muss. Die IAA 2016 hat wieder gezeigt, wohin die Reise geht.

Markus Hofmann
Redaktion STEINE+ERDEN

Reifen
Wer die Euro-VI-Norm erfüllen will, braucht Reifen mit geringem Rollwiderstand. Windpower hat deshalb auch einigen Offroadmodellen den Leichtlauf beigebracht.
Kipper
Automatische Anfahrhilfe und Reifendruckkontrolle, Winkelassistenten in der Smartphone-App: Schmitz-Cargobulls neuer Kipper mit «S.KI Control».
Schautafel vor einem Lkw in der Ausstellung
Mercedes-Benz demonstrierte an einem Konzept-Lkw sein System für «Safer Urban Trucks», das Unfällen vorbeugen soll
Ladefläche eines Lkw
Leer in nur drei Minuten: Fliegl-Trailer mit neuer Entladetechnik im Leichtbau-Gewand, das den Spritverbrauch senkt