Sind wir gut?

Helmut Ehnes

Könnte man zunächst meinen. Kamen vor 100 Jahren noch etwa zehn schwere Unfälle mit Rentenzahlung auf 1.000 Beschäftigte jährlich, so liegt dieser Wert heute bei 0,3. Das entspricht einem Rückgang um 97 Prozent: fantastisch! Damit sind wir nahe an Null. Doch bei näherer Betrachtung stellen wir fest, dass im letzten Jahr noch immer 15.000 Personen schwere Verletzungen durch ihre Arbeit erlitten haben. 455 Menschen kehrten nicht mehr nach Hause zurück, weil sie bei der Arbeit tödlich verunglückt sind. In den letzten zehn Jahren gab es in Deutschland 6.060 tödliche Arbeitsunfälle, 4.800 Wegeunfälle endeten tödlich. Sind wir also wirklich gut? Ohne jetzt weitere statistische Kenngrößen zu bemühen oder die Zahlen der BG RCI vorzulegen, muss man aus meiner Sicht antworten: Nein, sind wir nicht. Mit solch einer Bilanz kann man einfach nicht zufrieden sein.

Im Licht der inspirierenden Ergebnisse des XX. Weltkongresses für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit in Frankfurt, an dem 4.000 Fachleute aus über 140 Ländern teilnahmen, wird eines deutlich: Es gibt in Deutschland keinen Mangel an Know-how und Expertise. Aber genau diese komfortable Situation ist in meiner Sicht auch ein Teil des Problems: Bei uns ist der Arbeitsschutz zu expertenlastig und zu kleinteilig. Und dies führt eben nicht zu besserer Umsetzung in den Betrieben. Klare Botschaften, eindeutige Rezepte sowie Unternehmer und Führungskräfte, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und die handeln – das brauchen wir.

Sicherlich, in den letzten Jahren hat es signifikante Fortschritte gegeben: Die Aufsichtsdienste von Unfallversicherung und Ländern arbeiten in der GDA jetzt besser zusammen. Nicht nur die EU hat erkannt, dass sich Vorschriften auch in kleinen Unternehmen umsetzen lassen müssen, und hat hierzu einen Schwerpunkt in ihrer neuen Strategie für Sicherheit am Arbeitsplatz gesetzt. In Deutschland ruhen jetzt viele Hoffnungen auf den neuen „Branchenregeln“, einem neuen Informations- und Regelprodukt der Unfallversicherung, in dem besonders für kleine Unternehmen alles Wichtige für ihre Branche übersichtlich und in klarer Sprache zusammengestellt wird, was sie wissen müssen.

Eine neue Erfolgsgeschichte werden wir aber nur dann gemeinsam schreiben können, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass es keinen Unfall gibt, der nicht durch die richtigen Maßnahmen hätte verhindert werden können und dass sich Prävention lohnt – für jeden! Sicheres Handeln und sicheres Verhalten muss uns allen in Fleisch und Blut übergehen! Für diese kulturelle Veränderung arbeiten wir. Gemeinsam mit Ihnen.

Herzlichst Ihr
Helmut Ehnes