Arbeitssicherheit

Grenzübergreifend voneinander lernen

Experten entwickeln Präventionsstrategien für Hochriskobetriebe in Vietnam

Mehr als 100 Teilnehmer, Führungskräfte und Praktiker aus vietnamesischen Unternehmen, diskutierten während des Workshops „Innovative Prävention in Hochrisiko-Unternehmen“ im vietnamesischen Quang Ninh mit internationalen Arbeitsschutzexperten.

Vietnam überarbeitet derzeit die Sozialgesetze einschließlich des nationalen Regelwerks für den Arbeitsschutz. Dabei sind die Verantwortlichen offen für Beispiele guter Praxis und nehmen erfolgreiche Lösungen aus anderen Ländern dankbar auf. Unterstützung erfährt Vietnam dabei auch aus Deutschland: die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat im August ein zweieinhalbjähriges Projekt mit dem vietnamesischen Arbeitsschutzministerium begonnen, das dem Ausbau des Sozialsystems dient.

Koonferenz
Experten und betriebliche Entscheider diskutierten Strategien und Methoden für den Arbeitsschutz in Hochrisikobetrieben.

Eine wichtige Rolle spielt dabei der unter- und übertägige Bergbau, der neben dem Baugewerbe die höchsten Unfallquoten aufweist. Um den Arbeitsschutz in diesem wichtigen Wirtschaftszweig zu verbessern, kooperiert das vietnamesische Arbeits- und Sozialministerium langfristig mit der Internationalen Sektion der IVSS für Prävention im Bergbau.

In der Sektion, die als Bestandteil der Internationalen Vereinigung für soziale Sicherheit (IVSS) in Genf den weltweiten Dialog zum Arbeitsschutz im Bergbau fördert, engagieren sich die heute in der BG RCI vereinigten Berufsgenossenschaften und Mitgliedsunternehmen wie die RAG seit Jahrzehnten.

Die international anerkannten deutschen Erfahrungen im Arbeitsschutz sind besonders nachgefragt; dies gilt insbesondere auch für den Bergbau, denn die Steinkohleförderung in Vietnam erfolgt zunehmend untertage.

Die jahrelange Kooperation mit der Sektion Bergbau trägt Früchte. Am 16. Juli 2012 trafen sich Unternehmensvertreter und hochrangige Entscheider aus Vietnam mit internationalen Arbeitsschutzexperten, um Modelle und Strategien für die Prävention in Industrien mit hoher Unfallquote zu diskutieren.

Der hohe Stellenwert der Zusammenarbeit für Vietnam wurde durch die hochrangige Eröffnung der Veranstaltung durch Nguyen Thanh Hoa, Vize-Minister für Arbeit und Soziales in Vietnam, unterstrichen.

Helmut Ehnes, Präventionsleiter der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) und Generalsekretär der IVSS-Sektion Bergbau, eröffnete die Diskussion mit einem Impulsvortrag, der die Risiken im Bergbau sowie die sozialen und wirtschaftlichen Folgen von Unfällen und Erkrankungen aufzeigte.

Sein Appell galt der „Vision Zero“ – der Vermeidung aller tödlichen und schweren Unfälle.

Dass dies ein realistisches Ziel ist und keine Illusion, verdeutlichte er unter anderem auch anhand der Entwicklung bei der deutschen RAG. Ehnes skizzierte sieben Regeln, mit denen der Arbeitsschutz auf dem Weg zu diesem Ziel systematisch und nachhaltig optimiert werden kann.


Ha Tat Thang, Generaldirektor Arbeitsschutz im Ministerium, berichtete, dass nach offiziellen Angaben in Vietnam – mit einer Bevölkerungsgröße ähnlich Deutschland – jährlich etwa 600 Arbeitnehmer durch einen Arbeitsunfall ums Leben kommen. Bedingt durch die geringe Meldequote ginge man von einer Dunkelziffer aus, die viermal höher liegt als die Zahl der bekannten Fälle.

Berichtet wird überwiegend durch große Unternehmen und solche mit ausländischen Investoren. Für den vietnamesischen Bergbau werden rund 30 tödliche Arbeitsunfälle je 100.000 Beschäftigte angegeben. Etwa jeder achte Arbeitsunfall in Vietnam entfalle auf den Bergbau, ungefähr jeder dritte auf das Baugewerbe.

Nach Einblicken in die Sicherheit bei Arbeiten an elektrischen Anlagen durch Dr. Jens Jühling, Präventionsmanager der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse und IVSS-Sektion Elektrizität, stellte Dieter Mantwill (RAG) Anforderungen an verantwortliche Personen und die Ausbildung von Führungskräften vor, wie sie im deutschen Steinkohlenbergbau Anwendung finden. Die erfolgreiche Arbeitsschutzorganisation bei der RAG traf auf hohes Interesse der Teilnehmer.

Die sichere Anlage von Steinbrüchen und Sicherheit bei Sprengarbeiten in der Natursteingewinnung thematisierte der Arbeitsschutzexperte Gerhard Czuck von der BG RCI. Peter Haß (Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik) behandelte den Explosionsschutz untertage.

Besonderes Interesse fand auch Dr.-Ing. Ulrich Palzer vom deutschen Institut für Angewandte Bauforschung in Weimar, der das an seinem Institut entwickelte „Demonstrationssystem und Auswahlhilfe“ zur Prävention von Lärmschwerhörigkeit vorstellte. Das innovative Instrument misst Lärm am Arbeitsplatz, unterstützt auf Basis der individuellen Ergebnisse bei der Auswahl des effizienten Gehörschutzes, und motiviert durch die eindrucksvolle Simulation  eines Hörverlustes durch Lärmeinwirkung zur konsequenten Anwendung von Gehörschutz.

Die Sicht eines vietnamesischen Unternehmens vermittelte ein Vertreter des Bergbauunternehmens Vinacomin. Im Bergwerk Mong Duong beträgt die für 2012 angestrebte Fördermenge 1,6 Millionen Tonnen Steinkohle; die Förderung erfolgt bis zu einer Teufe von 250 Meter, erschwert durch schwierige Lagerstätten und massive Wassereinbrüche. Aus der französischen Kolonialzeit stammen nicht erfasste Strebe. Das Unternehmen unternehme erhebliche Anstrengungen, um den Arbeitsschutz zu optimieren; dazu gehören Investitionen in sichere Technik, Schulung und Motivation sowie Sanktionen bei unsicherem Verhalten. So werden für Produktionszuwächse aufgrund unsicherer Handlungen keine Leistungen gezahlt.

„Der heutige Tag zeigte eindrucksvoll, dass wir das richtige Thema gewählt haben“, bilanzierte Helmut Ehnes am Ende des zehnstündigen Workshops. „Wir haben in den Vorträgen viele praktische Hinweise gehört und können mit unserem Austausch sehr zufrieden sein“.

Ehnes forderte, die Vision Zero-Strategie zur Vermeidung tödlicher und schwerer Unfälle als Maßstab des gemeinsamen Handelns zu definieren. Die Reformierung der gesetzlichen Arbeitsschutzgrundlagen in Verbindung mit wirksamer Überwachung und Vollzug bei Defiziten sei der richtige Weg; flankierende praxisgerechte Beratung und Unterstützung von Managern und betrieblichen Führungskräften sei für den Erfolg wesentlich. Ehnes dankte allen Teilnehmern für die sehr engagierte Arbeit und Diskussion. Dabei sei deutlich geworden, dass viele Handlungsfelder wie Arbeitsschutzmanagement und die Einbeziehung kleiner Unternehmen erhebliches Potential für wirksame zukünftige Kooperation bieten.

Richtige Ansätze zeigten sich im Anschluss an den Workshop: eine Werksbesichtigung beim Fliesenproduzenten Viglacera präsentierte Einblicke in ein auch aus Sicht des Arbeitsschutzes gut aufgestelltes Unternehmen.

Peter Schrandt, BG RCI

Fliesenwerk
Der Fliesenproduzent Viglacera zeigt, dass die Anstrengungen Vietnams zu verbessertem Arbeitsschutz Früchte tragen.