Industrienachrichten

Von Spekulationen kann keine Volkswirtschaft auf Dauer leben

Der Countdown zur wichtigsten Baumaschinen-Messe der Welt, der bauma 2013, läuft. Dr.-Ing. E.h. Martin Herrenknecht, Vorstandsvorsitzender der Herrenknecht AG, äußert sich im Interview mit dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau zu den globalen Aussichten des Bau- und Baustoffmaschinenmarktes. Der Gründer des Weltmarktführers in der Tunnelvortriebstechnik kritisiert fehlendes politisches Verständnis für die Hintergründe des globalen Wettbewerbs. Bedeutende Wachstumspotenziale kann er für sein Unternehmen im Infrastrukturbau, im Mininggeschäft sowie bei der Exploration von Öl-/Gas- und Erdwärme erkennen. Und er spricht sich für eine Förderung der Geothermie aus.

Martin Herrenknecht beim Durchstich des Gotthard-Basistunnels
Seine Maschinen kommen überall durch: Martin Herrenknecht beim Durchstich des Gotthard-Basistunnels.

 

Herr Dr. Herrenknecht, bis zur bauma 2013 sind es noch sechs Monate – welche Erwartungen haben Sie an die nächste bauma und was sehen Ihre Kunden dort Neues?

Dr. Herrenknecht: Die bauma in München ist ganz klar ein herausragendes Business-Event und für unsere Branche die globale Leitmesse überhaupt. Da wir auf der bauma die maßgeblichen Entscheider im Tunnelbau rund um den Globus antreffen, ist sie die richtige Plattform, um mit unseren Kunden gemeinsam neueste technische Entwicklungen zu besprechen und uns über die Trends im Projektgeschäft auszutauschen.

Während der bauma 2013 wird Herrenknecht seine Innovationskraft im Tunnelbau vorstellen − auch anhand neuester Maschinentechnik für Mining und Exploration, die für die Erschließung von unterirdischen Rohstoffvorkommen und Energievorkommen eingesetzt wird.

 

Welche Rolle spielt die bauma für Ihr Unternehmen?

Dr. Herrenknecht: Die bauma ist einerseits ein Gradmesser für die zukünftige Marktentwicklung. Sie ermöglicht einen interessanten Dialog, um abseits vom Tagesgeschäft mit Bauunternehmen, Planungsbüros und Bauherren über wichtige Trends im Projektgeschäft zu sprechen. Sie bietet unseren Ingenieuren die Gelegenheit, die Projektsicht unserer Auftraggeber genauer kennenzulernen. Wir erhalten damit eine sehr verlässliche Rückmeldung, ob wir mit unserer Technik und unserem Unternehmen strategisch richtig aufgestellt sind. Geschäftsabschlüsse stehen für uns während der bauma also nicht im Vordergrund. Wir peilen hier eher die Geschäfte der Zukunft an. 

 

Auf welchen Märkten sehen Sie Potenzial?

Dr. Herrenknecht:  Wir sind in einer Reihe von rasch aufstrebenden Regionen mit unseren Produkten und unserem Portfolio gut positioniert. Dazu zählen osteuropäische Staaten und die Region Südostasien. Südamerika ist ein interessanter Markt für uns, der eine gewisse Entwicklungszeit benötigt und wo das Geschäft langsam in Fahrt kommt. Mittelfristig sehr interessant ist der Mittlere und Nahe Osten. Neben unserem traditionellen Tunnelling-Markt sehe ich

bedeutende Wachstumspotenziale im Infrastrukturbau, im Mininggeschäft sowie bei der Exploration von Öl-/Gas- und Erdwärme. Hier versuchen wir mit gezielter Innovation in Nischenbereichen den Bohrunternehmen und Projekteignern Vorteile in Hinsicht auf Bauzeiten und Sicherheit anzubieten.

 

Was ist das interessanteste Projekt, an dem Sie gerade arbeiten?

Dr. Herrenknecht: Auch wenn es wie eine Floskel klingt, ist es doch wahr: Wir haben nur interessante Projekte, die immer auch eine Herausforderung in technischer, kaufmännischer oder unternehmerischer Hinsicht bieten. Wenn Sie nach Highlights in Hinsicht auf Größen-Dimensionen fragen, dann ist sicherlich der Bau eines Autotunnels in Sankt Petersburg bei einem Bohrdurchmesser von 19,25 Metern ein solches Highlight.  Einen solchen Giganten hat die russische Betreibergesellschaft NCC (Nevskaya Concession Company) bei Herrenknecht beauftragt.

Der Orlovskij-Tunnel soll die durch die Newa geteilte Stadt durchgängig verbinden. Das ist definitiv eine enorm große technische Herausforderung und bei Realisierung sicherlich ein deutsch-russisches Leuchtturmprojekt.

 

Haben Sie mit Facharbeitermangel zu kämpfen – oder ist das für eine Weltmarke wie Herrenknecht kein Problem?

Dr. Herrenknecht:  Klar, auch wir spüren, dass  bei den Ingenieuren eine sehr große Nachfrage besteht. Wir haben hier jedoch längerfristig vorgesorgt. Wir können auf ergiebige Kooperationen mit einschlägigen Hochschulen zurückgreifen.

Wir sind aktiv in der Region Offenburg und unterstützen das Karlsruher Institut für Technologie sowie die Fachhochschule Offenburg. Außerdem Universitäten wie in Aachen oder Braunschweig, die ihren Schwerpunkt im Maschinenbau oder sogar im Tunnelbau haben. Zum anderen bilden wir den Nachwuchs selbst aus, aktuell haben wir über 245 Azubis, die verschiedenste Berufe bei uns lernen. Daher macht uns insgesamt der Fachkräftemangel wenig Sorgen. Wir haben diese Herausforderung frühzeitig erkannt und uns entsprechend aufgestellt.

 

Tunnelbohrmaschinen von Herrenknecht kommen in vielen großen Infrastrukturprojekten in China zum Einsatz. Wie beurteilen Sie die Konkurrenz aus China und wie schützen Sie sich gegen Kopierer?

Dr. Herrenknecht: Einen gewissen Schutz können Sie dadurch erreichen, indem Sie direkte Kontakte zu den maßgeblichen politischen Entscheidern aufbauen und pflegen. Wir können dann deutlich machen, dass wir als familiengeführtes Unternehmen auf der Grundlage langfris­tiger Investitionen und echtem Know-how-Aufbau ein klares Bekenntnis zum Land und seinen Menschen abgeben.

Wir forcieren ein Win/Win für beide Seiten. Herrenknecht hat Schritt für Schritt in China an verschiedenen Standorten eigene Niederlassungen aufgestellt, wo heute über 950 Chinesinnen und Chinesen arbeiten.  Natürlich nimmt der technische Wettbewerb in China mitunter rasant zu, aber das ist in anderen Märkten von Herrenknecht nicht anders. Wir müssen eben immer schneller sein als unser Wettbewerb. Insgesamt gesehen können wir zuversichtlich sein, weil eine zunehmende Anzahl an Projektvorhaben in sehr komplexen Baugrundbedingungen, bei engen Zeitfenstern und Budgetvorgaben umgesetzt werden. Da haben wir aufgrund unserer führenden Spitzentechnik immer recht gute Aussichten, um zum Zug zu kommen.

 

Sie sichern mit Ihrer Produktion hierzulande den Produktionsstandort Deutschland im Europäischen Markt. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Dr. Herrenknecht: Wir müssen in Deutschland höllisch aufpassen, dass wir unsere traditionellen Stärken wie das außerordentlich hohe und effektive Innovations- und Qualitätsbewusstsein, unsere sehr gute Bildungsarbeit und das herausragende duale Ausbildungssystem nicht durch monströse bürokratische Auflagen in vielen Bereichen, durch fehlendes politisches Verständnis für die Hintergründe des globalen Wettbewerbs sowie eine nicht ganz ausgegorene Energiewende konterkarieren. Und heute muss man auch deutlich davor warnen, dass der Sozialstaat von der Effektivität der Wirtschaft lebt und nicht umgekehrt. Der Leistungsgedanke muss im Vordergrund bleiben und nicht die Verteilung der Früchte der Leistung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao
Bundeskanzlerin Angela Merkel und der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao besichtigten am 3. Februar 2012 das Herrenknecht-Werk (HTE) in Guangzhou.

 

Müssten wir hier in Deutschland mehr in Forschung und Entwicklung stecken und die Hochschulen anders ausstatten?

Dr. Herrenknecht: Da ist ja erfreulicherweise viel in Bewegung gekommen und Deutschland gewinnt wieder Land in Hinsicht auf echte Eliteanreize. Wir stehen hier ganz klar im Wettbewerb mit aufstrebenden Ländern wie China, wo man pro Jahr mehr als 400.000 Ingenieursabsolventen zählt. Ganz wichtig ist uns auch, Kinder und Jugendliche schon früh für Technik zu interessieren. Herrenknecht fördert beispielsweise das Max-Planck-Gymnasium in Lahr mit jährlich 35.000 Euro. Wir fördern gezielt Fachdisziplinen an den Universitäten, unterhalten beispielsweise in Karlsruhe eine Stiftungsprofessur im Bereich technische Petrophysik. Wichtig ist also, dass sich die Länder, der Staat und die Wirtschaft gemeinsam bewegen.  

 

In Europa gibt es seit mehr als einem Jahrzehnt eine Wachstumskrise. Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen hierfür?

Dr. Herrenknecht: Ein entscheidender Vorteil gegenüber anderen Ländern ist das duale Ausbildungswesen in Deutschland. Die fundierte und praxisnahe Lehre ist einer der Gründe, warum Deutschland aktuell international führend ist. Unsere ausgewogene Industriepolitik und die stark im internationalen Wettbewerb aufgestellten Familienunternehmen werden heute ebenso als beispielgebend angesehen und geben uns in Europa Bedeutung. Wir dürfen uns halt nicht darauf ausruhen. Jeder vernünftige Politiker und Wirtschaftsexperte dürfte heute erkannt haben, dass wir die Renditen von Morgen nicht auf der Grundlage  von virtuellen Finanzprodukten und wackeligen politischen Unionen erreichen können. Der Wert einer realen und innovativen Wirtschaft muss wieder in den Vordergrund kommen, von Spekulationen kann keine Volkswirtschaft auf Dauer leben. Wir in Deutschland brauchen auch wieder mehr Mut zu wirklich großen Infrastrukturvorhaben. Ein Chinese sagte einmal zu mir: „Wenn Du ein lebendes Museum sehen willst, musst Du nach Deutschland gehen.“ Zuerst habe ich mich geärgert, dann bin ich nachdenklich geworden. Wir müssen auch weiterhin wegweisende Projekte zügig umsetzen und uns nicht selbst blockieren. Und wir müssen unser Geld in reale Projekte investieren. Es wird lamentiert, wenn ein sinnvolles, ganz reales Infrastrukturprojekt zwei Milliarden Euro kostet, aber in die Bankenrettung und die Rettung Griechenlands wurde bereits unvorstellbar viel Geld gepumpt. Und ganz klar ist auch vor dem Hintergrund der Krise in Europa: Wir müssen neben einer zukunftsgerichteten politischen Union auf ein solides Finanz- und Steuersys­tem in Europa zurückgreifen können. Und da gibt es viel zu tun.

 

Ist Innovation nur eine Frage des Geldes?

Ganz wichtig ist, dass das Geld sinnvoll eingesetzt wird. Nehmen Sie beispielsweise die Energiewende. Für Photovoltaik oder Windkraft wurden bereits mehr als drei Milliarden Euro an Fördermitteln ausgegeben, für Geothermie 0,02 Milliarden. Dabei ist Geothermie grundlastfähig, immer verfügbar und liegt im Verhältnis der erzeugten zur installierten Leistung mit über 70 Prozent deutlich über allen regenerativen Formen der Energieerzeugung. Das ist ein gewaltiges Missverhältnis. Bei der Geothermie ist eine systematische Förderung notwendig, denn es gibt hier technische Herausforderungen, für deren Lösung Forschungsmittel notwendig sind. Das gilt natürlich auch für andere Bereiche. Ich wünsche mir, dass noch mehr deutsche Firmen technologisch weltweit führend werden und das eigene Land davon profitiert.

 

Wie sieht das in Ihrem Unternehmen aus – wie ist dort der Innovationsprozess gestaltet?

Dr. Herrenknecht: Bei uns gibt es zwei unterschiedliche Ansätze. Zum einen arbeiten wir kontinuierlich an Innovationen in der maschinellen Vortriebstechnik und deren Verfahren. Beispielsweise wurde das Direct-Pipe-Verfahren neu entwickelt. In einem Arbeitsschritt erfolgt sowohl der Bodenabbau als auch der Einzug der vorgefertigten Pipeline. Ein Verfahren, das inzwischen mehrfach weltweit prämiert ist. Ganz wichtig sind für uns zum anderen die Innovationen, die als Antwort auf die Herausforderungen einzelner Projekte entstehen. Unsere Kunden benötigen immer wieder spezielle Lösungen, um einen Tunnel bauen zu können. Die F+E-Mitarbeiter arbeiten hier immer mit den Spezialisten aus den anderen Fachbereichen zusammen. Meines Erachtens die effizienteste Konstellation: Bis zu einem bestimmten Termin muss eine Lösung gefunden sein. Und sie muss sich vor allem in der Praxis auszahlen.

Tunnelbohrmaschine
Eine Tunnelbohrmaschine von Herrenknecht hatte im November 2011 auf der Ostseite der Vogesen am Startportal bei Ernolsheim lès Saverne den Vortrieb der knapp vier Kilometer langen nördlichen Röhre für die TGV-Strecke Paris-Straßburg aufgenommen.