Arbeitsschutz und ausländische Arbeitnehmer: kanadisches Institut entwickelt Informationswerkzeug
Präventionsmedien müssen die Zielgruppe erreichen um zu wirken
Ausländische Arbeitnehmer sind einem höheren Unfallrisiko ausgesetzt. Wie kann zielgerichtete Prävention ermöglicht werden? Kanadische Forscher haben ein neues Instrument entwickelt, das hierbei unterstützt.
Ausländische Arbeitnehmer spielen eine wesentliche Rolle auf dem kanadischen Arbeitsmarkt. Jeder fünfte kanadische Arbeitnehmer hat einen Migrationshintergrund und man rechnet damit, dass der gesamte Zuwachs der Arbeitskräfte in Kanada bis Ende 2011 aus dieser Personengruppe stammen wird.
Gleichzeitig zeigen diese Arbeitnehmer die höchsten Unfallzahlen, wie eine Studie des kanadischen Expert Advisory Panel on Occupational Health and Safety zeigt, die dem Arbeitsminister Ontarios im Dezember vorgelegt wurde. Dieses Gremium wurde im letzten Jahr installiert, um den Arbeitsschutz in Ontario gezielt zu untersuchen. Auslöser hierfür war ein schwerer Arbeitsunfall am 24. Dezember 2009, bei dem eine hängende Arbeitsplattform 13 Stockwerke tief abstürzte und zum Tod von vier Bauarbeitern mit Migrationshintergrund führte. Ein weiterer Arbeitnehmer überlebte dieses Ereignis schwer verletzt.
Das Expertengremium kam zu dem Schluss, dass ausländische Arbeitnehmer aus verschiedenen Gründen häufiger bei der Arbeit verletzt werden: dazu zählt fehlende Kenntnis der Rechte als Beschäftigter, Arbeit ohne ausreichende Erfahrung oder gefährdungsspezifische Ausbildung und das Zögern bei der Meldung von Defiziten im Arbeitsschutz, da der Verlust des Arbeitsplatzes befürchtet wird.
Um den Kenntnisstand dieser und weiterer Zielgruppen mit erhöhter Gefährdung zu verbessern und das Bewusstsein für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz zu erweitern, empfiehlt das Gremium die Entwicklung von Medien in verschiedenen Sprachen und Formaten, die über verschiedene Kanäle verbreitet werden sollen.
Das kanadische Institut für Arbeit und Gesundheit (Institute for Work & Health/ IWH) nahm sich der Umsetzung sofort an. IWH-Wissenschaftlerin Dr. Agnieszka Kosny und ihr Team entwickeln auf Basis dieser Erkenntnisse Informations- und Trainingsmodule, die ausländischen Arbeitnehmern in Kanada ihre Rechte und Pflichten im Arbeitsschutz erläutern, Kenntnisse im Arbeitsschutz vermitteln und über die Entschädigung nach Arbeitsunfällen aufklären.
Barrieren für ausländische Arbeitnehmer nach Unfällen
Die Notwendigkeit für diese Art von Training und Information wurde für Kosny in einer Studie deutlich, die sie Ende letzten Jahres abschloss. Darin wurden 28 Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund interviewt, die kürzlich am Arbeitsplatz verletzt wurden. Ergänzend sprachen die Forscher mit Dienstleistern, die ausländische Arbeitnehmer betreuen. Die Erfahrung verletzter Immigranten unter-
schied sich nicht immer von der, die in Kanada geborene Arbeitnehmer machten; einige der aufgetretenen Probleme wurden jedoch durch den Status „neu angekommener“ verstärkt. Kosny kam zu folgenden Erkenntnissen:
- Viele der ausländischen Arbeitnehmer führten Arbeiten aus, die nicht ihrer Erfahrung und Qualifikation im Heimatland entsprachen. Überwiegend führten sie in Kanada Arbeiten aus, die manuelle, schwere und monotone Tätigkeiten beinhalteten, bei gleichzeitig geringen Kenntnissen zu Gefährdungen und den am Arbeitsplatz eingesetzten Maschinen, Anlagen und Werkzeugen.
- Aufgrund der besonderen Situation im neuen Land (wie die Notwendigkeit der Existenzgründung und Zahlungen an Familienangehörige in der Heimat) kombiniert mit dem Bewusstsein der schwachen Position auf dem Arbeitsmarkt häufig nach Monaten der Arbeitssuche, wurde der Druck, den Arbeitsplatz zu behalten, als sehr hoch beschrieben.
- Gleichwohl berichteten ausländische Arbeitnehmer ihrem Arbeitgeber oder Krankenversicherer häufig über ihre Verletzung bei der Arbeit, teils auch informell. Dabei kam es vor, dass diese Institutionen die gesetzlich vorgeschriebene Unfallmeldung nicht oder nur verspätet abgaben. Sie gingen davon aus, dass ausländische Arbeitnehmer keinen ausreichenden Kenntnisstand über das kanadische Meldesystem haben und ihrerseits keine entsprechenden Schritte einleiten.
- Die häufig unzureichenden Kenntnisse der englischen Sprache ausländischer Arbeitnehmer führten zu Problemen bei der Bearbeitung von Entschädigungsansprüchen. Das Verständnis von Formularen, Entscheidungen und erforderlichen Voraussetzungen erwies sich als schwierig und führte zu Missverständnissen mit Arbeitgebern, Krankenversicherern und Ombudsmännern. Die daraus resultierende Frustration aller beteiligten Parteien führte in einigen Fällen zum Vorwurf fehlender Kooperationsbereitschaft.
Neben weiteren wichtigen Erkenntnissen erkannte Kosny, dass ausländische Arbeitnehmer häufig über geringe Kenntnisse über ihre Rechte und Pflichten verfügen. „Obwohl viele Arbeitnehmer Sprachkurse belegten, an Seminaren zur Arbeitsplatzsuche teilnahmen und Informationsmaterial für Neubürger erhalten hatten, berichteten sie regelmäßig, dass sie keinerlei Informationen über Arbeitsstandards, ihre Rechte und Pflichten im Arbeitsschutz oder das Kompensationssystem nach Arbeitsunfällen erhalten haben“, berichtet Kosny.
Kosny empfiehlt ebenso wie das Expertengremium, diese Informationen in die Unterlagen einzuarbeiten, die Arbeitnehmer vor oder kurz nach ihrer Ankunft in Kanada erhalten, und auch in Sprachkurse und Bewerbungstrainings zu integrieren.
Pilotprojekt: Zielgerichtete Informationen
Zur Umsetzung dieser Forderung wurden Ressourcen zum Arbeitsschutz untersucht, die neu angekommenen ausländischen Arbeitnehmern in Kanada zur Verfügung stehen. Dabei wurden 224 Quellen identifiziert, die sich überwiegend mit Beschäftigungsstandards befassten, selten mit der Kompensation nach Arbeitsunfällen. Die Ergebnisse wurden im März vorgestellt und zeigen auch Modelle guter Praxis wie den „Cultural Navigator“ der Progressive Intercultural Community Services of British Columbia, der Informationen zu Unfallmeldung und zur Rückkehr an den Arbeitsplatz vermittelt und ein Informa-tionscenter anbietet, in dem Arbeitnehmer auf Online- und DVD-Medien zugreifen können.
Das Forschungsteam des IWH entwi-ckelte zwei neue Trainings- und Informationsmodule für neu angekommene Arbeitnehmer in Ontario, die Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz sowie Kompensationsmöglichkeiten nach Arbeitsunfällen behandeln und die in die bestehenden Kanäle für Arbeitssuchende integriert werden sollen .
