Die Dinos im Steinbruch - Von der Rohstoffgewinnung zum Wissenschaftspark

Sind die Riesenspuren von gestern – oder vor Jahrmillionen entstanden? Wer im Gegenlicht der Morgensonne die Abbausohle des Sandsteinbruchs im niedersächsischen Münchehagen betritt, den überkommt ein Schaudern. Unter den Füßen wellt sich die Oberfläche sanft, Rippelmarken wie an Sandstränden zeichnen sich ab, als ob sich das Wasser nur kurz zurückgezogen und den Blick auf die 40 Zentimeter langen Spuren eines urzeitlichen Allosaurus freigegeben hätte.

Furchteinflößend realistisch: Ein Tyrannosaurus bricht durchs Gebüsch
Furchteinflößend realistisch: Ein Tyrannosaurus bricht durchs Gebüsch

Im August 2009 entdeckten Arbeiter der Ferdinand Wesling GmbH in ihrem neuen Steinbruch gleich neben dem Dinopark Münchehagen Trittspuren von Fleisch fressenden Dinosauriern. Seitdem werden fast täglich neue Fährten freigelegt und konserviert – und das ein Novum: im laufenden Betrieb.

Nils Knötschke, wissenschaftlicher Leiter des Dinosaurier-Freilichtmuseums, freut sich darauf, dass die Arbeiter bald einen Großteil des an dieser Stelle rund 80 Zentimeter mächtigen Sandsteins abgebaut haben, um ihm eventuell einen vorzeitlichen Kampfplatz freizulegen. Er weist auf eine kleinere Spur am Boden: „Dahinten muss sich die Spur mit der eines fliehenden kleineren Sauriers kreuzen.“ Knötschke und seine Kollegen vom Landesmuseum Hannover und den Universitäten Göttingen und Bremen profitieren an dieser Fundstätte von einer beispielhaften Zusammenarbeit. „Wo sonst nach einem paläontologischen Sensationsfund dieser Güte dem Gelände quasi eine Glasglocke aus Vorschriften und Eigeninteressen übergestülpt wird, geht hier die Arbeit zum gegenseitigen Nutzen weiter.“

1980 hatten Steinbruchsmitarbeiter und interessierte Bürger auf dem Gelände des Steinbruchs Bodenvertiefungen entdeckt, die sich als Trittsiegel riesiger Saurier entpuppten. Bis 1989 wurden die Funde dokumentiert, die im Eigentum des Klosters Loccum stehende Fläche als Naturdenkmal unter Schutz gestellt. Doch wie sollten diese 140 Millionen Jahre alten Funde dauerhaft geschützt werden?

Damals kamen der Betreiber des Steinbruchs, Ferdinand Wesling sen., und der Freizeitpark- und Figurenspezialist Bernd Wolter auf eine wegweisende Idee. In Absprache mit dem Landkreis Nienburg und mit Hilfe wissenschaftlicher Mitarbeiter entstand ein pädagogisches Konzept für ein Freilichtmuseum, den „Dinopark Münchehagen“. Mittlerweile ist der erdgeschichtliche Lehrpfad mit seinen lebensechten Modellen ein bekanntes Ziel für Familienausflüge und Touristen. Selbst Fachthemen wie Gesteinsentstehung und Deutung des Ablagerungsraumes sind publikumswirksam inszeniert.

Wesling-Geschäftsführer Horst Heumann und Nils Knötschke, Wissenschaftlicher Leiter des Dinoparks, betrachten die jüngst entdeckten Spuren
Wesling-Geschäftsführer Horst Heumann und Nils Knötschke, Wissenschaftlicher Leiter des Dinoparks, betrachten die jüngst entdeckten Spuren

„Anfang September kamen mehr als 800 Besucher zu einer Schaupräpäration“, berichtet Wesling-Geschäftsführer Horst Heumann. Die Gäste hätten selbst bei regnerischem Wetter unter fachkundiger Anleitung nach Fährten gesucht. In Münchehagen gehen Ökonomie und Wissenschaft eine fruchtbare Symbiose ein, deren Ergebnisse rund um den Globus gefragt sind. „Der jüngste Kontakt kam aus Portugal vom Museum GEAL in Lourinha“ berichtet Nils Knötschke. Im Harz stehen die Wissenschaftler um Knötschke mit den Rohstoffbetrieben Oker in Kontakt. Dort helfen sie bei der Sicherung von Sprengfunden aus der Zeit des Oberjura. Am  Steinbruch  Langenberg ist die Arbeit wesentlicher schwieriger, da die Gesteinsschichten dort fast senkrecht stehen. Aus diesem Projekt nahe Goslar sind bereits spektakuläre Funde wie das Skelett des Zwergdinos Europasaurus hervorgegangen. „Nun leisten wir Überzeugungsarbeit, damit die Relikte möglichst in Bezug zur Fundstätte präsentiert werden können.“ In der Unternehmensgruppe Wesling sind mittlerweile vom Chef bis zum Arbeiter alle sensibilisiert für die Spuren der Vorzeit. So holte ein Schwimmbagger im Kieswerk Windheim nahe der Weser Mammutknochen aus dem Untergrund, die ins Museum gebracht wurden. Seniorchef Ferdinand Wesling kann mit der Medienpräsenz für seine Natursteinprodukte und Dinos zufrieden sein. Aktuell zeigt SuperRTL die in Münchehagen gedrehte achtteilige Serie „Die fantastische Dino-Expedition“, Die ARD war mit „W wie Wissen“ schon da, „stern TV“ berichtete. Etwas wünscht sich Wesling jedoch noch: „Wir würden gerne weitere Präparatoren engagieren“, sagt er. „Als privates Museum haben wir die staatliche Anerkennung, aber es ist schwieriger, Fördermittel für unsere Arbeit zu bekommen.“

Mehr Infos unter www.dinopark.de

Im Natursteinbruch werden die Steine vorsichtig von den Spuren gehoben
Im Natursteinbruch werden die Steine vorsichtig von den Spuren gehoben