Der Morgenlauf

Der Mensch läuft. Und zwar frühmorgens. Zumindest der zielstrebige, erfolgreiche, dynamische. So lernt man es heutzutage bei allen Päpsten, die uns das Leben von Persönlichkeitsentwicklung bis Krisenmanagement neu beizubringen versuchen.

Mir scheint, dass der so bevormundete Zeitgenosse ein eher schwacher Mensch sein muss. Denn nun darf er sich nicht einmal mehr aussuchen, wann er seinem Lieblingshobby frönen will. Wir müssen morgens raus, alle – auch die sog. Abendmenschen, zu denen wir uns während Discozeiten oder Studium ja alle einmal entwickelt haben. Wissen Sie noch, diese langen Nächte...

Als ich am vergangenen Sonntag meinen Nachbarn traf (auch Akademiker), beschrieb er mit schwärmerischen Worten und leuchtenden Augen sein Glück, wenn er morgens gegen 05:15 h seine Laufrunde durch unser Städtchen dreht. Sein Studium liegt schon ein paar Jahrzehnte zurück. Meine ungläubige Frage, ob es denn wirklich so erstrebenswert sei, zu dieser nachtschlafenden Zeit sein Training zu absolvieren, parierte er voller Elan mit der Gegenfrage, was man um diese Zeit denn sonst tun solle.

Mein Nachbar ist also Überzeugungstäter. Vermutlich ist Schlafen für ihn nur Zeitvergeudung, und vermutlich würde er ansonsten wirklich nur ruhelos im Bett liegen und darauf warten, dass ihn der Wecker endlich von den Wartequalen erlöst.

Es gibt aber auch Menschen anderer Sorte. Zum Beispiel solche, die durchaus nicht an seniler Bettflucht leiden, sondern sich ganz bewusst morgens aus den Federn quälen, beseelt von der Überzeugung, etwas ganz besonders Gesundes zu tun, wenn sie vor der Morgendämmerung joggen gehen. Denn, so lautet der Ratschluss, der beste Lauf ist der Nüchternlauf. Nein, nicht der Lauf, um nach einer heftig durchfeierten Nacht nüchtern zu werden (jetzt denken Sie wieder an die Studentenzeit). Sondern der Lauf, der nach mehrstündigem (nächtlichen) Fasten besonders wirksam sei, wenn man Gewicht abnehmen will.

Der Gedanke dahinter ist auf den ersten Blick bestechend. Wenn die letzte Nahrungsaufnahme bereits ein paar Stunden zurückliegt, wird der Körper dazu gezwungen, schneller auf seine Fettdepots zurückzugreifen. Also nichts wie raus aus den Federn und los geht’s – und binnen kurzem sind die Pfunde weg!

Theoretisch stimmt das Konzept. Praktisch hat es einige Haken. Erstens ist der erzielte Nutzen gegenüber dem Nachmittags- oder Abendlauf so gering, dass man ihn auch dadurch erzielen könnte, später am Tage wenige Minuten länger zu laufen. Zweitens sind viele Menschen in aller Herrgottsfrühe einfach noch nicht so leistungsfähig wie beispielsweise gegen 11:00 h, 17:00 h oder 20:00 h. Und deshalb macht ihnen das schlaftrunkene Laufen erheblich weniger Spaß. Wie mir zum Beispiel.

Also werde ich meinen netten Nachbarn morgens weiterhin allein laufen lassen und freue mich auf die späteren Stunden des Tages, in denen ich schneller bin, leichtfüßiger laufe und ebenfalls abnehme. Ganz in dem Bewusstsein, mir noch einige wenige Grade der Entscheidungsfreiheit bewahrt zu haben – und sei es nur in bezug auf meine Trainingszeiten. Wie damals als Student...

Thomas Wessinghage

Thomas Wessinghage
Dr. Thomas Wessinghage