Forum protecT spezial:

5 Jahre Gütesiegel „Sicher mit System“: Großes Interesse am Erfahrungstausch

protecT-Logo

Um sich über das Gütesiegel „Sicher mit System“ zu informieren und Erfahrungen auszutauschen, kamen am 16. und 17. September 2008 mehr als 200 Teilnehmer zum Forum protecT spezial – 5 Jahre Gütesiegel „Sicher mit System“ nach Bad Kissingen.

Insbesondere bei Unternehmern und Führungskräften aus kleinen und mittelständischen Betrieben bestand ein reges Interesse am Verfahren zum Erwerb des Gütesiegels. Die Erfahrungsberichte aus den Unternehmen, die erfolgreich ein Arbeitsschutzmanagementsystem in die Prozessstruktur integriert haben, machten deutlich, dass sich der Mehraufwand sowohl wirtschaftlich als auch organisatorisch lohnt.

Die Vorteile aus rechtlicher Sicht zeigte Rechtsanwalt Martin Davidsohn von der Dr. Adams Managementberatung GmbH in Duisburg eindrucksvoll auf. In seinem Vortrag erläuterte er auch für juristische Laien verständlich, welche Konsequenzen ein Arbeitsunfall – tödlich oder nicht – für ein Unternehmen mit und ohne Arbeitsschutzmanagementsystem hat. „Ihre Rechtsschutzversicherung übernimmt in einem solchen Fall zwar die Prozesskosten,“ so Davidsohn, „aber die haben niemanden in petto, der für Sie Ihre Haftstrafe antritt.“

Arbeitsschutz in Unternehmensprozesse integrieren

Josef Merdian, Regionalleiter der Berufsgenossenschaft Narungsmittel und Gaststätten (BGN) und Fachauditor für Qualitäts- und Arbeitsschutzmanagementsysteme, führte den Teilnehmern vor Augen, dass Arbeitssicherheit am effektivsten wirkt, wenn sie in die Unternehmensstruktur integriert wird. „Mit einem integrierten Managementsystem ist der Betrieb in der Lage, den Arbeitsschutz strukturiert nach Kennzahlen zu steuern. Der Arbeitsschutz wird systematisch angelegt und als integrativer Teil der betrieblichen Prozesse verstanden. Damit sind alle betrieblichen Akteure und umfassend alle Organisationseinheiten in das Führungssystem eingebunden und operieren zielorientiert“, erläuterte Merdian.

Bei dem Unterfangen, den Arbeitsschutz in die Unternehmensprozesse einzubinden, stehen Unternehmen nicht allein da. Sie werden aktiv von den Gütesiegelberatern und -begutachtern der BBG.StBG. unterstützt. Dies betonte Christian Claus, Leiter der Prüf- und Zertifizierungsstelle der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft, in seinem Vortrag. Aus der Erfolgsbilanz, die er zum Gütesiegel „Sicher mit System“ aufstellte, ging hervor, dass in den vergangenen fünf Jahren gerade kleine und mittelständische Unternehmen von dieser Unterstützung profitierten, um ein Arbeitsschutzmanagementsystem auf Basis des Gütesiegels in ihre betrieblichen Abläufe zu integrieren.

Ebenso wurde deutlich, dass Betriebe mit einem Arbeitsschutzmanagement deutlich weniger Arbeitsunfälle und Ausfalltage aufweisen als Unternehmen ohne entsprechende Strukturen. Dieser Faktor wirkt sich auch auf das Finanzierungssystem der Berufsgenossenschaften aus.

Mit viel Herzblut berichtete Jürgen Bauhahn, Leiter Arbeitssicherheit, Umweltschutz und Qualität, von den positiven Erfahrungen, die bei der Saint-Gobain Rigips GmbH mit der Einführung und konsequenten Umsetzung des Gütesiegels gemacht wurden. Die Mitarbeiter scheuen sich nicht vor den Audits der Gütesiegelbegutachter, sondern begrüßen die Zusammenarbeit. In der Kostenaufstellung verbucht das Unternehmen für das Gütesiegel keine roten, sondern schwarze Zahlen. „Arbeitsschutz und Wirtschaftlichkeit lassen sich gegenüberstellen“, resümierte Bauhahn.

Beispiele aus der alltäglichen Praxis

Diese Eindrücke bestätigte auch Helmut Braick, Bereichsleiter Abbau Bergwerk West der RAG AG. Bei der Umsetzung eines Arbeitsschutzmanagementsystems, wie dem Gütesiegel, sei es unerlässlich, die Mitarbeiter mit einzubinden. Sie sind den Gefahren täglich ausgesetzt und kennen die Schwachstellen ihres Arbeitsplatzes. Nur mit deren Unterstützung kann in einem Unternehmen der Arbeitsschutz systematisch aufgebaut und gelebt werden.

Jens-Christian Voss, Experte für Beratung, Schulung, Gutachten im Arbeits- und Brandschutz, warf einen Blick über den Tellerrand. In seinem Vortrag wurde deutlich, welche Möglichkeiten es gibt, Arbeitsschutz in den Unternehmen umzusetzen.

Der Abend des ersten Vortragstages stand unter dem Motto „Gütesiegel im Dialog“. Bei einem deftigen Buffet konnten sich die Teilnehmer von den Gütesiegelberatern und -begutachtern der Bergbau- und Steinbruchs-Berufsgenossenschaft zum Verfahren beraten lassen und sich über ihre Erfahrungen austauschen. Diese Möglichkeit fand großen Anklang und es wurde bis spät in den Abend intensiv diskutiert.

Dr. Ralf Pieper, Leiter des Fachgebiets Sicherheits- und Qualitätsrecht, Sicherheitstechnik an der Bergischen Universität Wuppertal, nahm den Faden des Vortages wieder auf und berichtete branchenübergreifend von seinen Erfahrungen mit der Einführung von Arbeitsschutzmanagementsystemen. Unter diesem Gesichtspunkt diskutierte Dr. Pieper die Frage, ob eine internationale Norm vielleicht doch mehr Vorteile als Nachteile hat.

Michael Haccius von der Thyssen Schachtbau GmbH bestätigte die vorherigen Erfahrungsberichte aus den Unternehmen. Die Führungskräfte müssen bei Begehungen bzw. Befahrungen ihre Beobachtungen dokumentieren und mit den Mitarbeitern besprechen. Wichtigster Faktor bei der Umsetzung eines Arbeitsschutzmanagements ist der Mitarbeiter selbst.

Sicherheit sichert Erfolg

Dr. Werner Schuhbauer, Leiter QHSE bei der RWE Dea AG, rief zu dem unternehmerischen Bekenntnis auf, dass Sicherheit im Zweifel Vorrang gegenüber geschäftlichem Erfolg haben solle. Dieses Bekenntnis sichere dauerhaft wirtschaftlichen Erfolg. Auch wenn Managementsysteme dazu verleiteten, zu abstrahieren und den Faktor Mensch außer Acht zu lassen, sei die Einbindung der einzelnen Mitarbeiter wichtig, unterstrich Dr. Schuhbauer. Das betreffe die eigenen Mitarbeiter, aber auch die von Fremdfirmen. Schließlich, so bestätigte Dr. Schuhbauer, sei ein im wahrsten Sinne des Wortes sicherer Arbeitsplatz in Zeiten von Fachkräftemangel ein Argument für ein Unternehmen.

Auch Nicole Jansen, Referentin für Arbeits- und Organisationspsychologie der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft, betonte, dass die Mitarbeiter eines Unternehmens der wichtigste Wettbewerbsvorteil seien. Mit Arbeitsschutzmanagementsystemen rücke nicht nur Arbeitssicherheit, sondern auch der Gesundheitsschutz in den Mittelpunkt. Das Projekt NeuPrAG (Neue Präventionsallianzen für mehr Gesundheit in kleinen und mittleren Unternehmen der Baustoffindustrie), das Jansen vorstellte, biete Netzwerke, um kleine und mittelständische Betriebe der Baustoffindustrie in der Gesundheitsvorsorge zu unterstützen.

Karl-Heinz Bender, AFR Process Audit Manager von Holcim Group Support Ltd., erläuterte den Ansatz seines Unternehmens, um die firmeninternen Anforderungen an den Arbeitsschutz an den verschiedenen internationalen Standorten seines Unternehmens gerecht zu werden. Für Holcim ist es dabei entscheidend, nicht nur eigene und Fremdfirmenmit-arbeiter einzubinden, sondern auch Kunden und Lieferanten, folglich den gesamten Prozess zu betrachten.

Arbeitsschutz auch in kleineren Betrieben praktizierbar

Unter den Teilnehmern entbrannte an dieser Stelle eine Diskussion, inwiefern die Erfahrungen und Berichte aus den großen, international agierenden Unternehmen für kleinere und mittelständische Betriebe anwendbar und umsetzbar seien. Entscheidender Faktor – so bestätigten mehrere Stimmen aus dem Publikum – sind die Gütesiegelberater, die das Arbeitsschutzmanagementsystem auf den Betrieb passend zuschneiden. Die Beispiele aus den großen Unternehmen zeigen aber, dass sich der Aufbau eines Arbeitsschutzmanagementsystems in jeder Hinsicht lohnt – auch wirtschaftlich!

Thomas Siekmann, Hauptsicherheitsingenieur der Hella KGaA Hueck & Co., bekräftigte mit seinem Vortrag diese Meinungen: Die positiven Aspekte für die Einführung eines Arbeitsschutzmanagementsystems überwiegen. Das Gütesiegel „Sicher mit System“ biete die optimale Lösung, da es alle Anforderungen nationaler und internationaler Zertifizierungssysteme abdeckt.

In seinen Abschlussworten rief Helmut Ehnes, Leiter des gemeinsamen Geschäftsbereiches Prävention von Bergbau- und Steinbruchs-BG, dazu auf, beim Gütesiegelverfahren mitzumachen und die Präventionsangebote der Berufsgenossenschaften in Anspruch zu nehmen. „Es ist möglich, ohne Unfälle und den daraus resultierenden Kosten zu produzieren, und daran sollten wir alle arbeiten“, appellierte er an das Publikum.

Annett Brenner, StBG

Josef Merdian, Regionalleiter der BG Narungsmittel und Gaststätten
Josef Merdian, Regionalleiter der BG Narungsmittel und Gaststätten
Jürgen Bauhahn, Saint-Gobain Rigips GmbH, im Interview mit Moderatorin Loeb
Jürgen Bauhahn, Saint-Gobain Rigips GmbH, im Interview mit Moderatorin Loeb
Diskussion
Arbeitsschutzmanagement – ein Thema, das auf den Nägeln brennt. Das zeigten die Diskussionen, die sich zu den Vorträgen entspannten
Christian Claus
Christian Claus, Leiter der Prüf- und Zertifizierungsstelle der Steinbruchs-BG, hob die vielfältigen Unterstützungsangebote der Berufsgenossenschaft hervor