Interview: Den toten Winkel nicht aus den Augen verlieren

Die unzureichende Sicht bei der Rückwärtsfahrt mit schweren Baumaschinen birgt ein großes Unfallrisiko. Immer wieder werden Bauarbeiter oder Passanten durch zurücksetzende Radlader, Bagger oder Walzen erfasst und getötet. Rudi Clemens, Betriebsratvorsitzender und Fachkraft für Arbeitssicherheit, hat im Rahmen des Projektes Gesunde Bauarbeit die Aktion „Man sieht sich“ ins Leben gerufen. Als Geprüfter Baumaschinenführer und Geprüfter Polier, Projektleiter bei INQA-Bauen und Mitglied im Bundesarbeitskreis Sicherheit und Gesundheit in der Arbeitsumwelt bei der IG BAU kennt Rudi Clemens nicht nur die Umstände am Bau aus erster Hand. Er informiert aktiv Hersteller, Betreiber, Berufsgenossenschaften und Maschinisten. Dabei geht es ihm nicht nur um das dringend erforderliche Nachrüsten von Rückfahrkameras.

Herr Clemens, seit wann laufen Ihre Bemühungen, auf die besonderen Gefahren hinzuweisen, die durch die unzureichende Sicht bei der Rückwärtsfahrt von großen Baumaschinen bestehen?

Rudi Clemens: Ich sammele bereits seit mehreren Jahren Berichte über Unfälle, um daraus Schlüsse zu ziehen, was und wem etwas passiert. Da waren schon in 2006 und 2007 viele Unfälle mit rückwärtsfahrenden Maschinen. Ich habe das Thema im letzten Jahr zur Priorität meiner beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeit gemacht, weil es mich auch sehr stark berührt.

Ich habe selbst sehr viele Jahre diese Maschinen gefahren und war dann als Polier für das Maschinenpersonal verantwortlich. Mir sind alle sicherheitsrelevanten Probleme beim Umsetzen auf Baustellen bekannt.

Was haben Sie sich gedacht, als Sie auf diese Risiken zum ersten Mal gestoßen sind? Waren Sie verwundert, verärgert?

Rudi Clemens: Ich bin mehr als verärgert, wenn ich sehe, dass Verantwortliche nicht ihre Arbeit machen, aus welchen Gründen auch immer. Das letzte Glied in der Kette ist der Bauarbeiter. Er zahlt die Zeche mit seiner Gesundheit und seinem Leben, weil sich gerade in letzter Zeit unter dem Deckmantel Deregulierung einige aus der Verantwortung stehlen und alles dem Arbeitgeber in die Schuhe schieben.

Der ist damit hoffnungslos überfordert, gerade auch wegen der übergroßen Mehrheit der Kleinbetriebe in der Bauwirtschaft. Sie haben mehr Arbeit, mehr Verantwortung und brauchen mehr Fachwissen. Unter Deregulierung hatten die etwas anderes verstanden.

Was fordern Sie konkret von den Maschinenherstellern?

Rudi Clemens: Die Maschinenhersteller müssen endlich ihrer öffentlich-rechtlichen Verantwortung aus dem Geräte- und Produktsicherheitsgesetz (GPSG) nachkommen, nur sichere Maschinen auf den Markt zu bringen.

Die Hersteller müssen für die Einhaltung der Maschinenrichtlinie sorgen, die besagt, dass die Sicht vom Fahrerplatz aus so gut sein muss, dass der Fahrer die Maschine und ihre Werkzeuge unter den vorgesehenen Einsatzbedingungen ohne jede Gefahr für sich und andere Personen handhaben kann. Gefahren durch unzureichende Direktsicht muss erforderlichenfalls durch geeignete Hilfs-Vorrichtungen begegnet werden.

Sie haben mehrere Hersteller deswegen kontaktiert. Haben Sie bereits eine Resonanz erhalten?

Rudi Clemens: Einer der größten Hersteller von Baumaschinen hat mir mitgeteilt, dass er ab 1. Oktober diesen Jahres alle Radlader mit Rückfahrkameras standardmäßig ausstattet. Zudem wurden mir Zusammenarbeit und weitere Gespräche angeboten.

Aber warum reagieren die Hersteller erst jetzt?

Rudi Clemens: Das kann ich nicht sagen. Richtig ist, dass sie auch eine Gefährdungsanalyse durchführen müssen. Die Gefahr ist ihnen seit Jahren bekannt. Die Berufsgenossenschaften berichten ja auch in ihren Fachzeitschriften ständig über solche Unfälle. Auch die BauA veröffentlicht Statistiken. Die Hersteller arbeiten auch teilweise mit der BG zusammen.

In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass die Steinbruchs-BG hier Vorreiter ist und Pionierarbeit leistet. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Es wurde eine freiwillige Rahmenvereinbarung mit Maschinenherstellern unterschrieben, und beim Umrüsten erstattet die Steinbruchs-BG den Betreibern 30 Prozent der Kosten.

Was erwarten Sie von Seiten der Berufsgenossenschaften und von den benannten Stellen?

Rudi Clemens: Ich erwarte eigentlich Aufklärung zum Thema, in verständlicher Sprache, insbesondere für die Betreiber, die Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Sicherheitsbeauftragten und auch für die Betriebsräte.

Wenn verhindert werden soll, dass Personen von Erdbaumaschinen überfahren werden, weil sie sich, zum Teil plötzlich und für den Maschinenführer unerwartet, in den Gefahrbereich der Maschine begeben, dann müssen neben einer technischen Verbesserung des Sichtfeldes unbedingt weitere Maßnahmen ergriffen werden. Und natürlich muss auch die Umsetzung dieser Maßnahmen vor Ort auf den Baustellen kontrolliert werden.

Zu nennen sind in diesem Zusammenhang zum Beispiel die betriebliche Organisation und die Anwendung sicherer Arbeitsweisen. Um den Maschinenfüh-rern sichere Arbeitsweisen zu vermitteln, müssen sie besser qualifiziert werden.
Diese weiteren Maßnahmen sind mindestens ebenso wichtig wie die technischen Maßnahmen zur Verbesserung der Sicht an der Maschine.

Im Projekt Gesunde Bauarbeit haben wir spezielle Seminare angeboten wie das Baumaschinenführer-Update. Hier werden Maschinisten, die jahrelange Praxis haben, an Wochenenden sicherheitstechnisch auf den neuesten Stand gebracht.

Welche Reaktion erhalten Sie bislang von den Berufsgenossenschaften?

Rudi Clemens: Zurzeit haben mir einige Führungsleute aus den Berufsgenossenschaften, vom Arbeitsministerium und von Normungsgremien ihre Unterstützung zugesagt. Hier wird aber immer wieder auf die Norm verwiesen, die zur Zeit überarbeitet wird. Dies ist mir aber zu wenig. Das dauert alles Jahre. Die Maschinen, die heute das Werk verlassen, sind über zehn bis 20 Jahre noch gefährlich, wenn sie nicht nachgerüstet werden.

Die BG ist es ja auch nicht alleine. Der staatliche Arbeitsschutz ist ebenso gefordert, die Arbeitgeber als Betreiber, die Fachkräfte für Arbeitssicherheit, die Maschinisten und viele andere mehr.

Für technische Arbeitsmittel und Verbraucherprodukte, von denen bei bestimmungsgemäßer Verwendung eine Gefahr für Leben und Gesundheit droht, können die zuständigen Marktüberwachungsbehörden – in der Regel das Gewerbeaufsichtsamt oder das Amt für Arbeitsschutz – dem Hersteller, Importeur oder Händler das Inverkehrbringen untersagen.

Diese Stellen können auch den Rückruf bereits ausgelieferter Arbeitsmittel anordnen sowie bei Gefahr im Verzug die Öffentlichkeit vor der Verwendung gefährlicher Arbeitsmittel warnen.

Was empfehlen Sie denn den Maschinenbetreibern?

Rudi Clemens: Die Betreiber sollten sich unbedingt beraten lassen. Das heißt, sie sollten die Fachkräfte für Arbeitssicherheit beim Kauf neuer Maschinen einbeziehen, wie es auch im Arbeits-
sicherheitsgesetz gefordert ist.

Auch die BG und staatliche Stellen sollten zur Beratung aufgefordert werden. Die Betreiber gehen davon aus, dass, wenn sie eine Maschine kaufen, diese auf dem neuesten technischen Stand ist, auch im Hinblick auf Arbeitsicherheit. Leider ist das nicht der Fall. Der Betreiber ist aber nach Betriebssicherheitsverordnung und Arbeitsschutzgesetz verpflichtet, den „Stand der Technik“ einzuhalten.

Der Betreiber geht davon aus, dass die neue Maschine mit CE Kennzeichnung, die er gekauft hat, von TÜV und BG geprüft ist. Er meint, er muss nichts mehr machen.

Ein schwerer Irrtum! Im Falle eines Unfalles wird er sich wegen fahrlässiger Körperverletzung oder Tötung vor Gericht verantworten müssen, wenn er keine Gefährdungsbeurteilung, Maßnahmen und Unterweisungen nachweisen kann.

Ich empfehle den Betreibern, beim Kauf neuer Maschinen im Kaufvertrag zu fordern, dass diese der neuen Sichtfeldnorm entsprechen. Ich werde einen entsprechenden Vordruck formulieren und an die Verbände der Bauwirtschaft ZDB und HOB senden. Zusätzlich sollten die Betreiber Schulungen und Unterweisungen für alle Betroffenen organisieren.

Und was machen Sie konkret in Ihrem Betrieb?

Rudi Clemens: Zu dem Thema, über das wir sprechen: Sichere Maschinen kaufen, andere nachrüsten und Mitarbeiter sensibilisieren und schulen. Wir tauschen zur Zeit fast alle Bagger gegen neue aus, die alle mit Rückfahrkamera serienmäßig oder als Zubehör bestellt sind.

An dieser Stelle möchte ich auch einmal sagen, dass meine Aktivitäten nicht daher rühren, dass in der Firma, in der ich arbeite, besondere Mängel vorhanden sind. Das Gegenteil ist der Fall. Diese Firma muss man schon als mustergültig bezeichnen. Wir hatten in der mehr als einhundertjährigen Firmengeschichte nicht einen schweren Arbeitsunfall. Da hat noch niemand einen Finger verloren oder einen sonstigen bleibenden Schaden davongetragen. Und wir tun alles erdenkliche, damit es so bleibt.

Mit dem ersten geförderten INQA-Projekt haben wir im europäischen Wettbewerb den nationalen Preis für Deutschland geholt. Ziel war es, in Arbeitssicherheit und Gesundheit mit externen Partnern Maßnahmen zu entwickeln, die auf die gesamte Baubranche übertragbar sind. Das setzt sich in meiner Initiative mit dem Projekt Gesunde Bauarbeit fort.

Wir von Frauenrath sind bereit, einen Beitrag auch für die Branche zu leisten, um die Arbeitsbedingungen in der Bauwirtschaft und deren Image nachhaltig zu verbessern.

Welche weiteren Schritte planen Sie in Ihrer Aktion „Man sieht sich“? Und wie können unsere Leser dabei helfen?

Rudi Clemens: Nicht nur Hersteller, Betreiber, BG und Staat, es sind viele gefordert mitzuarbeiten, so dass keine Menschen mehr von schweren Baumaschinen zerquetscht werden. Es müssen von allen Beteiligten Maßnahmen ergriffen werden, getreu dem INQA-Motto „Jeder in seiner Verantwortung“.

Ich werde zu dem Thema eine konzertierte Aktion ins Leben rufen und alle Beteiligten an einen Tisch bringen. Nur konzentriert, mit einem festen Ziel und einem festen Zeitfenster ist es möglich, schnell etwas zu verändern.

Weiterhin werde ich große branchenfremde Firmen, bei denen die Arbeitssicherheit einen anderen Stellenwert hat, informieren, und sie bitten, in der Ausschreibung für Arbeiten in ihren Werken von den Fremdfirmen zu verlangen, dass die Maschinen entsprechend den Vorschriften mit technischen Maßnahmen zur Verbesserung des Sichtfeldes ausgerüstet sein müssen. Hier aktiv zu werden, wäre sicherlich eine gute Hilfe Ihrer Leser, die ja auch in solchen Betrieben als Fachkräfte tätig sind.

Die Fragen stellte Oliver Schonschek, Fachjournalist

(Nachdruck aus dem Internetportal „www.sifatipp.de“ mit freundlicher Genehmigung der Weka Media GmbH & Co. KG)

Rudi Clemens, Betriebsratsvorsitzender und Fachkraft für Arbeitssicherheit, Projektleiter bei INQA-Bauen
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