Der Tod droht beim Abkippen

Beim Abkippen von Baustoffen und Rohmaterialien an Steinbruch- und Deponiehalden sind Fahrzeugführer gefährdet.

Die Unfallversicherungsträger und die Staatlichen Arbeitsschutzbehörden stellen seit Jahren eine konstante Gefährdung an Kippstellen fest. Statistisch gesehen ereignen sich im Jahresdurchschnitt bundesweit durchschnittlich fünf tödliche Absturzunfälle. Fahrer, die einen Absturz überlebt haben, sind durch die schweren Verletzungsfolgen ein Leben lang gezeichnet. Nicht selten sind irreversible Verletzungen an der Wirbelsäule der Beginn eines Lebens im Rollstuhl. Darüber hinaus werden durch die Wiedereingliederung der Mitarbeiter in den Arbeitsprozess sehr hohe Kosten verursacht. Das menschliche Leid lässt sich nicht ermessen. Die Unfallursachen sind immer die gleichen und ziehen sich wie ein roter Faden durch das Unfallgeschehen. Kürzlich ereigneten sich sogar an einem Tag in drei sauerländischen Steinbruchbetrieben verhängnisvolle Unfälle mit Muldenkippern.

Absturzunfälle in Steinbrüchen
Absturzunfälle in Steinbrüchen

Eine typische Unfallsituation

In einem Kalksteinbruch wurde eine 0/2-Sandhalde angelegt. Die von oben befahrbare Halde hat eine Höhe von ca. 20 m. Diese wurde gleichzeitig von unten weggeladen, so dass ein steiler Böschungswinkel entstand. Beim Abkippen einer Sandladung mittels SKW fuhr der Fahrer zu nah an die Kippkante; diese gab nach und der SKW rutschte entlang des Haldenhangs nach unten und überschlug sich dabei zweimal. Der nicht angeschnallte Fahrer erlitt schwere Rippenbrüche. Der Umstand, dass das Fahrzeug nicht im freien Fall abstürzte, bewahrte den Fahrer vor schlimmeren Unfallfolgen.

Fahrzeugabsturz mit hohen Entschädigungskosten

Ein ähnlich gelagerter Unfall ereignete sich in einem Basaltsteinbruch. Ein 46 Jahre alter Mitarbeiter war seit vier Jahren im Unternehmen als Muldenfahrer. Am Unfalltag hatte er die Aufgabe, Überschusskörnung aus den Silos zur 0/32-Halde auszufahren. Arbeitstäglich wurden zwischen der 1200 m entfernten  Siloanlage und der Materialhalde 800 t transportiert und von oben verkippt. Der Fahrer hatte ausreichend Platz  zu wenden und das Material in einem sicheren Abstand von der Kante zur Halde abzuladen.

Bei der Zufahrt zur Halde konnte er sowohl den Haldenfuß beobachten, um zu überprüfen, ob Material weggeladen worden war, als auch die Entladestelle von oben einsehen. Beim Abkippen fuhr der Mitarbeiter mit seinem SKW über den Sicherheitsabstand hinaus. Die Haldenkante brach ein und die Mulde stürzte ab.

Der nicht angeschnallte Fahrer erlitt beim Absturz schwere Verletzungen am Kopf und eine Lungenquetschung. Er wurde mit einem Rettungshubschrauber in eine Universitätsklinik geflogen, wo er lange Zeit im künstlichen Koma lag.

Zwischenzeitlich wurde die Wohnung des Verletzten im Auftrag des Unfallversicherers schwerstbehindertengerecht umgebaut. Dazu wurden Zimmer für das Pflegepersonal eingerichtet, da eine dreischichtige Pflege erforderlich wurde. Täglich fallen für diese Pflegeleistung Kosten von 19.500 Euro an. Bislang sind bei diesem Unfall für den Versicherungsträger – nach drei Jahren – Aufwendungen von 1 Million Euro entstanden. Diese müssen von der Solidargemeinschaft, hier den Mitgliedsunternehmen der StBG, getragen werden.

Blick auf die Kippstelle: An der Absturzstelle gibt es keinen Kippwall
Blick auf die Kippstelle: An der Absturzstelle gibt es keinen Kippwall
Blick auf die Kippstelle: An der Absturzstelle gibt es keinen Kippwall

Aktion gegen Absturz

Die massive Häufung von Fahrzeugabstürzen in der letzten Zeit hat die Arbeits-schutzbehörden des Regierungsbezirkes Arnsberg (ehemaliges StAfA Siegen, Dortmund und Arnsberg) sowie die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft auf den Plan gerufen.

Als Ergebnis entstand ein Rundschreiben, das an sämtliche Natursteinbetriebe sowie Kies- und Sandgruben als auch an Deponiebetriebe versandt wurde. Die Betriebe sind verpflichtet, eine verantwortliche Person eines Betriebs zu bestellen.

Diese muss sich um das sach- und fachgerechte Anlegen von festen und ortsveränderlichen Entladestellen (Kippstellen) ebenso kümmern wie das sichere Anlegen von Verkehrswegen. Von besonderer Bedeutung sind auch die Arbeitsschutzorganisation, die Beurteilung der Arbeitsbedingungen, Betriebsanweisungen und Unterweisungen des Personals. Dies gilt auch für Mitarbeiter, die ihre Tätigkeiten im Auftrag von Fremdfirmen durchführen.

Die Betriebsanweisung muss konkrete Angaben zu folgenden Punkten machen:

Die hier von der Bezirksregierung Arnsberg und der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft formulierten Anforderungen sind gesetzlich festgeschrieben und werden im Folgenden genauer erläutert.

Rechtlicher Hintergrund

Nach dem Arbeitsschutzgesetz (ArbschG) bzw. dem Bundesberggesetz (BBergG) ist der Unternehmer für den Arbeitsschutz in seinem Betrieb verantwortlich. Zu seinen Pflichten gehören u. a. die Beurteilung der Arbeitsbedingungen, die Festlegung der sich daraus ergebenden technischen, organisatorischen und personenbezogenen Maßnahmen, die Durchführung der Maßnahmen selbst und eine Wirkungskontrolle.

Im Geltungsbereich der Unfallverhütungsvorschriften wird der Betrieb von Halden in der Berufsgenossenschaftlichen Vorschrift für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit, Unfallverhütungsvorschrift „Steinbrüche, Gräbereien und Halden“ vom 1. April 1998 (BGV C11) geregelt. So hat der Unternehmer die Wahl, entweder die Kippstellen durch feste mit dem Untergrund verankerte Anschläge zu sichern oder, wenn er darauf verzichtet, dafür zu sorgen, dass ein Sicherheitsabstand zwischen Absturzkante und Abkippstelle von mindestens 5 m eingehalten wird. In diesem Fall wird das abgekippte Material z. B. mittels einer Raupe über die Böschungskante geschoben. Voraussetzung für beide Fälle ist natürlich, dass der Untergrund selbst ausreichend stabil ist.

In keinem Fall ist es jedoch erlaubt, dass gleichzeitig unterhalb der Abkippstelle Arbeiten durchgeführt werden (Materialentnahme, Aufenthalt von Personen, ...). Im Geltungsbereich des Bundesberggesetzes ergeben sich ähnliche Forderungen aus der allgemeinen Bundesbergverordnung (ABBergV). Demnach muss der Unternehmer das Böschungssystem nach Höhe und Neigung der Standfestigkeit der Gebirgs-schichten sowie dem Abbauverfahren anpassen. Zudem dürfen Abraum- oder Gewinnungsstöße sowie Kippen nicht unterhöhlt werden, es sei denn, dass die Standfestigkeit nicht beeinträchtigt ist.

Straßen- und Verkehrswege müssen eine Tragfähigkeit aufweisen, die für die eingesetzten Arbeitsmittel angemessen ist. Insbesondere müssen sie so angelegt und unterhalten werden, dass ein sicheres Fahren von Maschinen, Geräten und Fahrzeugen gegeben ist.

In der Bergverordnung für Erzbergwerke, Steinsalzbergwerke und für die Steine- und Erden-Betriebe (BVOESSE) des Landes Nordrhein-Westfalen finden sich in Teil III Zusatzbestimmungen für Tagebaue und Tagebetriebe. Hier wird insbesondere darauf hingewiesen, dass an Böschungen die zuständige verantwortliche Person den Abstand festzulegen hat, die die Kraftfahrzeuge und ihre Anhänger beim Kippen an der Böschungskante einhalten müssen. Natürlich muss der Fahrzeugführer diesen Abstand auch einhalten. Der Fahrzeugführer muss an Gefahrenstellen, z. B. Böschungen, oder dort, wo Personen durch das Fahrzeug gefährdet werden können, eingewiesen werden.

Zusammenfassung

Der Unternehmer, der Kippstellen betreibt, ist für deren sicheren Betrieb verantwortlich. Im Geltungsbereich der UVV „Steinbrüche, Gräbereien und Halden (BGV C11)“ werden klare und einfach zu verwirklichende Maßnahmen vorgeschlagen. Die bergrechtlichen Bestimmungen fordern letztlich die Festlegung des erforderlichen Abstands durch die jeweilige verantwortliche Person sowie zusätzlich einen Einweiser an der Kippstelle. Im Falle eines Fahrzeugabsturzes wird im Geltungsbereich der UVV „Steinbrüche, Gräbereien und Halden“ zum Beispiel die Einhaltung der dort aufgestellten Forderungen geprüft. Im Geltungsbereich des Bergrechts wird geprüft, auf welcher Grundlage die verantwortliche Person den Abstand zwischen Kippstelle und Absturzkante festgelegt hat und ob ein Einweiser vorhanden war.

Heinz Bösel, StBG
Dr. Reinhard Kulozik, StBG

Abgestürztes Fahrzeug hat sich zweimal überschlagen. Der Fahrer erlitt schwere Rippenbrüche.
Abgestürztes Fahrzeug hat sich zweimal überschlagen. Der Fahrer erlitt schwere Rippenbrüche.