Lärmschwerhörigkeit

Ein aktuelles Urteil des Sozialgerichts Berlin vom 6. Juli 2006 bietet Gelegenheit, die Frage zu betrachten, wann die Voraussetzungen für die Anerkennung und Entschädigung einer Berufskrankheit nach Nr. 2301 (Lärmschwerhörigkeit) der Anlage zur Berufskrankheiten-Verordnung gegeben sind.

Dem Urteil lag folgender Sachverhalt zu Grunde: Der 1947 geborene Kläger war von 1968 an als Maurer, Betonarbeiter und Zimmermann beschäftigt. In der ärztlichen Anzeige über eine Berufskrankheit teilte der behandelnde HNO-Arzt des Klägers das Bestehen einer Hörverschlechterung sowie einer beidseitigen geringgradigen Schwerhörigkeit mit Hochtonabfall mit und fügte Audiogramme bei.

Arbeitstechnische Voraussetzungen (haftungsbegründende Kausalität)

Wie bei jeder Berufskrankheitenanzeige wurden von Seiten der StBG verschiedene Audiogramme, insbesondere auch die des Arbeitsmedizinischen Dienstes aus den Vorsorgeuntersuchungen, beigezogen. Der Technische Aufsichtsdienst der StBG und der Technische Aufsichtsdienst anderer Berufsgenossenschaften, in deren Mitgliedsunternehmen der Kläger beschäftigt war, wurden befragt, ob die arbeitstechnischen Voraussetzungen einer Lärmschwerhörigkeit vorliegen.

Dem liegt zu Grunde, dass sich eine Lärmschwerhörigkeit nur entwickeln kann, wenn eine ausreichend hohe und lange Lärmbelastung vorgelegen hat, oder anders gesagt, der Versicherte viele Jahre bzw. Jahrzehnte gehörschädigendem Lärm - ungeschützt- ausgesetzt war. Maßgebend für die Beurteilung der beruflichen Lärmexposition ist der auf 8 Stunden täglich bezogene äquivalente Dauerschallpegel.

Der Technische Aufsichtsdienst hat hier die den tatsächlichen Begebenheiten entsprechende Lärmbelastung unter Angabe der Messergebnisse und ggf. der Impulshaltigkeit zu ermitteln. Nur wenn der Beurteilungspegel über viele Jahre 90 dB(A) überschritten hat, ist die Entstehung einer berufsbedingten Lärmschwerhörigkeit möglich. Lag er unter 90 dB(A), aber über 85 dB(A), ist die Entstehung einer (leichten) Lärmschwerhörigkeit erst nach mehreren Jahrzehnten denkbar. Unterhalb dieses Beurteilungspegels von 85 dB(A) ist die Entwicklung einer berufsbedingten Lärmschwerhörigkeit unwahrscheinlich (vgl. Brusis, „Berufliche Lärmschwerhörigkeit" in: Trauma und Berufskrankheit 2006, S. 65, 68).

Der Technische Aufsichtsdienst erstellt daher einen Lärmmessbericht, sofern der Arbeitsplatz noch vorhanden ist; er kann aber auch aufgrund von Messungen an vergleichbaren Arbeitsplätzen seine Kenntnisse und Erfahrungswerte einbringen.

Da die Entwicklung einer ausgeprägten Innenohrschwerhörigkeit bzw. Lärmschwerhörigkeit um so wahrscheinlicher ist, je höher und länger die Lärmbelastung war (Dosis-Wirkungs-Prinzip), ist eine Stellungnahme des Technischen Aufsichtsdienstes eine unverzichtbare Bedingung. Nur hieraus kann dann der später gehörte medizinische Gutachter Rückschlüsse ziehen. Im zu entscheidenden Fall des Sozialgerichts Berlin bestätigten die Technischen Aufsichtsdienste eine Lärmbelastung des Klägers über Jahre bzw. Jahrzehnte hinweg von über85dB(A).

Medizinische Voraussetzungen (haftungsausfüllende Kausalität)

Liegen die arbeitstechnischen Voraussetzungen vor, sind die medizinischen Voraussetzungen für die Anerkennung einer beruflichen Lärmschwerhörigkeit zu prüfen. Nicht jeder, der beruflich gehörschädigendem Lärm ausgesetzt war, erleidet eine Lärmschwerhörigkeit.

Obwohl es in Deutschland etwa 4 Millionen lärmintensive Arbeitsplätze mit Beurteilungspegeln von mehr als 85 dB(A) gibt, entwickelt sich bei den meisten Lärmarbeitern trotz jahrelanger hoher Lärmbelastung keine entsprechende Innenohrschädigung. Nur etwa bei 1 bis 2 Prozent der Lärmarbeiter entsteht eine beruflich bedingte Lärmschwerhörigkeit. Trotzdem nimmt die berufliche Lärmschwerhörigkeit bei der StBG in der Rangfolge der häufigsten BK-Renten Platz 2 nach der Silikose ein (vgl. Pichl, Steine + Erden 4/2006, S. 44).

Sicherlich wichtig und nötig ist, dass versucht wird, an Arbeitsplätzen die Lärmexposition durch technische Maßnahmen, aber auch durch persönlichen Gehörschutz zu reduzieren. Oft jedoch wird ungeeigneter oder zu schwacher Gehörschutz verwendet, z. B. wenn ein Gehörschutzstöpsel nicht optimal angepasst ist und damit eine Verbindung zwischen dem Trommelfell und der Lärmquelle bestehen bleibt. Dann kann der Schall ungeschützt auf das Trommelfell wirken.

Von der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft und vom Sozialgericht Berlin war daher im zu entscheidenden Fall zu prüfen, ob das medizinische Bild dem einer beruflichen Lärmschwerhörigkeit entspricht.

Eine beruflich bedingte Lärmschwerhörigkeit stellt sich als Schallempfindungsstörung dar. Der „Sitz" der Lärmschwerhörigkeit ist das Innenohr, genauer gesagt die Hörschnecke bzw. das in der Schnecke gelegene Corti-Organ. Deshalb handelt es sich bei der Lärmschwerhörigkeit stets um eine Innenohrschwerhörigkeit.

Zu Beginn einer Lärmschwerhörigkeit kommt es zu einem Hörverlust, der sich in einem Audiogramm graphisch als Senke darstellt, der sogenannten C5-Senke.

Nach länger dauernder Lärmbelastung kann sich diese vertiefen und verbreitern. Meist besteht oberhalb 2000 Hz oder nach weiterem Fortschreiten oberhalb 1000 Hz ein Steilabfall. Der max. Hörverlust im Hochtonbereich beträgt oft nicht mehr als 60 dB.

Ein Hochtonschrägabfall ist nie typisch für eine Lärmschwerhörigkeit, eher für einen aus anderen Gründen entstandenen Innenohrschaden. Ferner ist ein deutlicher Hörverlust im Tieftonbereich für die Lärmschwerhörigkeit nicht charakteristisch und erfolgt erst im zweiten und dritten Jahrzehnt der Lärmexposition. Hier müssen sehr lange Lärmexpositionen mit Lärmeinwirkungen meist über 95 dB (A) bzw. extrem hohe Schallpegel gegeben sein. Auch werden aufgrund der gleichmäßigen Ausbreitung des Schalls am Arbeitsplatz in der Regel beide Ohren gleich belastet und gleich geschädigt. Das Bild im Audiogramm zeigt daher grundsätzlich ein symmetrisches Bild. Seitendifferenzen sind zwar möglich, in der Regel jedoch ein Hinweis auf außerberufliche Ursachen (z. B. Hörsturz).

Bei der gutachterlichen Untersuchung wird insbesondere der SISI-Test durchgeführt, bei dem ein über Kopfhörer angebotener Testton stufenweise angehoben wird.

Neben dem SISI-Test gibt es noch weitere audiometrische Untersuchungsverfahren, um zwischen Innenohrschwerhörigkeit und Hörnervenschwerhörigkeit zu unterscheiden. Bei diesen ist jedoch ebenfalls eine kooperative Mitarbeit erforderlich.

Ein Haarzellschaden kann heute besser und sicherer durch objektive Tests nachgewiesen werden, z. B. durch die Messung akustischer Emission oder durch die Hirnstamm- bzw. BERA-Audiometrie. Ergeben sich Hinweise, dass es sich um einen Hörnervenschaden und nicht um eine Innenohrschwerhörigkeit handelt, ist eine berufliche Lärmschwerhörigkeit in der Regel ausgeschlossen.

Der Gutachter muss sich also mit der Frage befassen, ob eine beruflich bedingte Innenohrschwerhörigkeit besteht oder ob differenzialdiagnostisch andere HNO-Erkrankungen vorliegen. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ist eine Verschlechterung der beruflich bedingten Lärmschwerhörigkeit ausgeschlossen, wenn der Versicherte nicht mehr im Lärmbereich tätig ist. Daher schreitet die Lärmschwerhörigkeit dann nicht mehr fort und es ist auf den Befund abzustellen, der dem Ende der Lärmarbeit zeitlich am nächsten liegt.

Im Fall des Sozialgerichts Berlin konnte nicht bewiesen werden, dass die Innenohrschwerhörigkeit des Klägers allein cochleären Ursprungs ist. Liegt eine Schallempfindungsschwerhörigkeit vor, gilt es festzustellen, ob es sich um einen Haarzellschaden (Schwerhörigkeit mit labyrinthärem Sitz = cochleäre Schwerhörigkeit = Innenohrschwerhörigkeit) oder um einen Hörnervschaden (Schwerhörigkeit mit retrolaby-rinthärem Sitz = retrocochleäre Schwerhörigkeit = Nervenschwerhörigkeit) handelt.

Letzteres war hier der Fall und deshalb war die Schwerhörigkeit nicht lärmbedingt. Die audiologischen Befunde ließen eine Lärmschwerhörigkeit nicht plausibel erscheinen. Aufgrund mangelnder „Motivation" kam es zu unterschiedlichsten Messergebnissen. Insbesondere sprachen die Ergebnisse des Sprachaudiogramms gegen eine Lärmschwerhörigkeit.

Wichtiges Merkmal ist dort der Abstand zwischen den Kurven für die Verständlichkeit der Zahlwörter und Einsilber, den man am besten mit den jeweiligen Werten für 50 %iges Verstehen bestimmt. Für ein normales Gehör liegt er bei 20 dB, bei einer Lärmschwerhörigkeit deutlich darüber.

Derartige Werte konnten beim Kläger nicht festgestellt werden, so dass das Sozialgericht zu der Überzeugung kam, dass der Kläger nicht an einer beruflich bedingten Lärmschwerhörigkeit (BK 2301) erkrankt war.

Schnitt durch das menschliche Ohr
Schnitt durch das menschliche Ohr
Audiogramm einer Lärmschwerhörigkeit, C5-Senke
Audiogramm einer Lärmschwerhörigkeit, C5-Senke - aus Triebig, Rentner, Schiele "Arbeitsmedizin", erschienen im Gentner-Verlag

Dr. Ulrich Grolik, StBG