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[Die Industrie der Steine + Erden]






Drachen im Wind

Für mich als Stadtmenschen gibt es keine schöneren Geräusche als die des Meeres und des Windes. Ich lag rücklings auf einer Düne (ja, ja: der Mann in der Bierreklame), Wolken zogen am blauen Himmel rasch dahin, es war der richtige Tag, um ein wenig die Seele baumeln zu lassen. So stellt man sich einen arbeitsfreien Herbsttag an der See vor.
In dieses Rauschen mischte sich ein Knattern, als würde eine Zeltbahn im Wind schlagen. Ich schaute hoch und erspähte einen Drachen im Seewind taumeln. Ein junger Mann steuerte den Flieger an zwei straffen Fäden; besser gesagt, er versuchte, den immer wieder nach unten jagenden Drachen vor dem Absturz zu bewahren. Er musste sich mit ganzer Kraft gegen den Zug stemmen.
Der Kampf mit dem Wind schien ihm Spaß zu bereiten, denn er lachte einer jungen Frau zu, die ein wenig abseits im Sand saß.
Sie winkte zurück. Drachen im Herbst - meine Gedanken schweiften zurück in meine Kindheit. Herbstferien, das hieß ab mit den Freunden, die Drachen unter die Arme geklemmt, ging es in die "Heide". Wir bauten die Drachen selbst nach Anleitungen, die wir von älteren Jungen oder großen Brüdern erhielten. Die Holzleisten
erbettelten wir vom Tischler, das dünne Papier mussten wir im Handel kaufen, Schnur und etwas Kleber ließen sich irgendwo auftreiben. Für den Schwanz benötigten wir Zeitungspapier, das in lange, dünne Streifen geschnitten und mit einem besonderen Knoten verbunden wurde.
Das Schwierigste war nicht das Verbinden des Gestells oder das Bespannen mit Papier, sondern das Herausfinden der richtigen Spannung, die kurze Verbindung zwischen Drachen und Drachenschnur. Sie war bei verschiedenen Drachenformen unterschiedlich und ein gewisses Markenzeichen. Sie musste genau austariert und der Größe des Fliegers angepasst werden.
Ziel dieser Bemühungen war es nämlich, ein möglichst ruhiges Steigen des Drachens zu erreichen.
Das höchste Lob war, wenn jemand sagte: "Der steht aber gut", weil Drachen und Schwanz eine lange, ruhig im Wind "stehende" Linie bildeten.
Der junge Mann "kämpfte" immer noch mit seinem wilden Lenkdrachen, der zwischendurch immer wieder einmal im Sand landete. Eine andere Drachengeneration, dachte ich, dynamischer, sportlicher.
Es erinnerte mich stark an die Kite-Drachen, von denen sich Surfer auf kurzen Brettern schleppen, ja sogar in die Luft ziehen lassen. Bewegung pur, Kräfte und Geschicklichkeit messen, nur kein Stillstand, nur kein Mittelmaß. Wie der Lebensstil vieler jungen Leute: No risk, no fun.
Heute werden große Sprünge unter dem Drachen gewagt; uns reichte damals ein Stück Papier als Drachenpost. Sie wurde vom Wind die Schnur hinaufgetrieben, als Gruß an unseren Flieger. Auch wir hatten viel Spaß.

Hans-Jürgen Bahr

Drachen





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