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[Die Industrie der Steine + Erden]






Importierte Gefahren aus Fernost (I):

Natursteinindustrie vor neuem Arbeitsschutzproblem

Der Kostendruck macht sich auch bei den Bearbeitern von Natursteinen bemerkbar. Deshalb werden vermehrt Natursteinprodukte in fertiger und halbfertiger Form aus Fernost eingekauft und hier weitervermarktet.
Dem Käufer ist es nahezu gleichgültig, ob die zu Pflasterstein bearbeitete Grauwacke aus dem bergischen Lindlar oder China kommt, oder der Sauerländische Dachschieferstein aus Indien importiert wird.
Viele Firmen haben mittlerweile ihre Produktion im Steinbruch reduziert oder sogar teilweise eingestellt. Im Vordergrund steht jetzt die Verarbeitung und Vermarktung der Handelsware, vornehmlich aus China und Indien.



Der Übersee-Container auf dem Hof und jetzt?

Um Kosten zu sparen, wird die bestellte Ware im Container vom Schiff direkt auf das Betriebsgelände des Natursteinunternehmens geliefert. In der Regel wird erst hier die Plombe geöffnet. Jetzt beginnen die Probleme:
Der Container muss in einer knapp kalkulierten Verweilzeit entladen werden, doch dazu stehen dem Auftraggeber häufig nicht die geeigneten Entnahmeeinrichtungen zur Verfügung. Diese Situation erzeugt bei den Mitarbeitern Stress und bestärkt sie zu improvisieren. Ein Unfall ist somit vorprogrammiert.
Mit welchen Gefahren muss der Importeur also rechnen? Die Containerentladung lässt sich nur gefahrlos durchführen, wenn die Arbeitsabläufe koordiniert sind - und wenn das Natursteinprodukt "entladefreundlich" verpackt ist.
Doch die Realität sieht anders aus, wie die nachfolgenden Beispiele und Fotos eindrucksvoll dokumentieren.



Einsatz improvisierter Entnahmeeinrichtungen

Natursteinplatten werden im Herstellerland vielfach von Hand verladen und aus Transportsicherungsgründen mehrfach ineinander verkeilt. Der Zugriff zu den Platten erfordert einen nicht zu unterschätzenden zeitlichen Aufwand. Erst einmal muss die aus Holzverkeilungen bestehende Transportsicherung mit einer Kettensäge beseitigt werden. Daraufhin werden Seile und Ketten zusammengesucht, um die Ware aus dem Container heraus zu ziehen und abzutransportieren.
Die gesamte Entlade- und Transportzeit mit zu klein dimensionierten Entnahmegeräten kann bis zu fünf Mannschichten für einen Container betragen. Die erhofften Kosteneinsparungen lassen sich im Hinblick auf das erhöhte Unfallrisiko und die zu erwartenden Folgekosten für Personen- und Sachschäden, Ausfallzeiten, Auftragsverlust hier nicht mehr realisieren (Abb.1).



Arbeitssicherheit à la Fernost auch in Deutschland?

In einem kleinen Familienunternehmen mit vier Mitarbeitern sollten in Holzverschlägen verpackte und übereinander gestapelte Rohsteinplatten mit dem Gabelstapler entladen werden. Der Container befand sich noch auf dem Chassis des Fahrzeuges.
Um die Last zu entnehmen, wurde der Gabelstapler von den Mitarbeitern mit einem nachträglich erhöhten Kontergewicht zusätzlich belastet (Abb. 2). Da die Gabelzinken für die gesamte Aufnahme der Holzpaletten zu kurz waren, drohte der Palettenboden an der Gabelspitze durchzubrechen.
Um ein Abkippen der Last zu verhindern, wurde sie zusätzlich mit einem Spanngurt "gesichert" (Abb. 3). Durch diese Handlungsweise ist der Unfall vorprogrammiert.



Gefahren durch zu Bruch gegangene Ladung

Es kann immer einmal vorkommen: Beim Verladen oder auf der langen Reise aus Übersee ist ein Teil der Ladung beschädigt worden. Eine derartige Entladung stellt die Mitarbeiter vor nicht kalkulierbare Probleme.
Die zerstörten Steintafeln müssen in filigraner Arbeit aus dem Container entnommen werden. Da es für diese Fälle keine standardisierten Entnahmeausrüstungen gibt, wird zwangsläufig improvisiert und das Unfallrisiko nimmt zu (Abb. 4).
Die mit Holzverschlägen verpackten und mit zusätzlichen Streben gegen Umfallen gesicherten Steintafeln werden nach der Entladung auf Freiflächen serienweise gelagert. Vielfach ist zu beobachten, dass die Holzverschalung sich allmählich deformiert, auseinander bricht und schließlich in eine gefährliche Schieflage gerät (Abb. 5).
Die Einzelentnahme von Steintafeln aus einem freistehenden Holzverschlag ohne zusätzliche Sicherung muss in jedem Fall verhindert werden. Hier haben sich in jüngster Zeit Unfälle mit schweren Verletzungsfolgen ereignet. Eine gefahrlose Entnahme von Einzelplatten ist nur dann möglich, wenn das komplette Steinpaket gegen Umfallen gesichert ist. Dies wäre z.B. in einem Rungenlager oder in einem A-Bock-Lager möglich. Auch das Versetzen eines kompletten Verschlages kann nur mit geeigneten Gabelstaplern erfolgen (s. Abb. 6).



Welche Entnahme- und Transporttechniken sind sicher?

Der Umgang mit großflächigen Steintafeln ist grundsätzlich gefährlich, auch dann, wenn modernste Entnahmesysteme angewendet werden. Die Ursache liegt darin, dass sich ein Mitarbeiter in den Container begeben und verschiedene Arbeitsvorgänge ausführen muss: Wegnahme der Transportsicherung mittels Kettensäge, Lösen vernagelter Verschalungen mittels Brecheisen, Einführen von Zugseilen, etc.
Zur gefahrlosen Entnahme von Steinpaketen müssen die Entnahmegeräte auf das zu entladende Gut abgestimmt werden.
Eine gute Lösung wird z.B. durch eine sogenannte "Open-Top-Entladung" erreicht:
Hierbei können die Steinpakete mit einem Kran durch das Dach des Containers entnommen werden. Diese Arbeitsweise setzt eine ausreichende Kranhöhe voraus. Leider sind entsprechende Containertypen nicht so häufig auf dem Markt vertreten, weil sie etwas teuerer sind - zusätzlich 600 Euro (Abb. 7).
Eine elegante und wirtschaftlich sinnvolle Lösung ist die Entladung über eine tiefgesetzte Rampe. Der Container bleibt auf dem Chassis und die Ladung kann professionell mit Gabelstapler und Hubbalken entnommen werden. Ein automatischer Höhenausgleich garantiert während der Entladung konstante Entnahmebedingungen; eine Schieflage des Transportfahrzeuges wird verhindert und das Umkipprisiko der ungesicherten Ware reduziert. Dieses Verfahren ermöglicht Entladezeiten von 50 Minuten mit drei Personen (Abb. 8).
Entladevorgänge dürfen nicht dem Zufall überlassen werden. Aus diesem Grunde ist hier unternehmerisches Handeln zwingend erforderlich. Auf der Grundlage einer Gefährdungsbeurteilung hat die verantwortliche Person im Betrieb technische und organisatorische Maßnahmen festzulegen, um eine sichere, gefahrlose Entladung der Container zu gewährleisten.
Das Entnahmeverfahren aus dem Container und das spätere Handling im Betrieb muss mit den Mitarbeitern hinreichend besprochen werden. Kurze und prägnante Betriebsanweisungen am Arbeitsplatz sollen den Mitarbeitern vor Augen halten, welchen Gefährdungen sie ausgesetzt sind und wie die Arbeiten durchzuführen sind.



Entnahmetechnik planen und vorbereiten

Bereits bei der Bestellung der Ware im Ausland sind Vorgaben über Größe, Gewicht und Art der Verpackung zu machen, so dass mit den betriebseigenen Entnahmegeräten eine sichere Entladung möglich ist. Verfügt das Unternehmen nicht über eigene geeignete Entnahmegeräte, können diese auch angemietet werden. Alternativ besteht die Möglichkeit, den Container von einer Fachfirma entladen zu lassen und die Anlieferung konventionell durchzuführen.
Der verantwortungsvolle Unternehmer stellt sich diesen neuen Aufgaben und überlässt nichts dem Zufall.

Dipl.-Ing. Heinz Bösel, StBG


Weiterführende Informationen: Gesundheitsrisiko durch begaste Transportcontainer


Abb. 1: Natursteinplatten gegen Umfallen gesichert. Wie soll mit kleinem Gerät entladen werden? Abb. 2: Kontergewicht am Gabelstapler unzulässig erhöht Abb. 3: Last notdürftig mit Hilfe von Transportbändern gegen Abrutschen gesichert
Abb. 1: Natursteinplatten gegen Umfallen gesichert. Wie soll mit kleinem Gerät entladen werden? Abb. 2: Kontergewicht am Gabelstapler unzulässig erhöht Abb. 3: Last notdürftig mit Hilfe von Transportbändern gegen Abrutschen gesichert


Abb. 4: Entnahmerisiko zu Bruch gegangene Ladung Abb. 5: auseinandergebrochene Holzverschalung Abb. 6: Das ist sicher: paketweises Einlagern in einem A-Bock-Lager
Abb. 4: Entnahmerisiko zu Bruch gegangene Ladung Abb. 5: auseinandergebrochene Holzverschalung Abb. 6: Das ist sicher: paketweises Einlagern in einem A-Bock-Lager


Abb. 7: Entladung aus einem Open-Top-Container mittels Brückenkran Abb. 8: Professionelle Entladung: tiefgelegte Rampe, großer Stapler mit Ausleger
Abb. 7: Entladung aus einem Open-Top-Container mittels Brückenkran Abb. 8: Professionelle Entladung: tiefgelegte Rampe, großer Stapler mit Ausleger





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