www.steine-und-erden.net > 2003 > Ausgabe 5/03 > Jeder vermiedene Arbeitsunfall ist ein Gewinn!

[Die Industrie der Steine + Erden]






Arbeitssicherheits-Wettbewerbe der Kalk- und Naturstein-Industrie

Jeder vermiedene Arbeitsunfall ist ein Gewinn!

Der traditionelle Arbeitsschutz hat durch die Verringerung von Arbeitsunfällen und die Prävention von Berufskrankheiten entscheidend zur Verbesserung des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz beigetragen. Dennoch reichen seine Mittel oftmals nicht aus, um dem breiten Spektrum der auf die sich ändernde Arbeitswelt einwirkenden Faktoren zu begegnen: Zu nennen sind hier beispielsweise moderne Technologien, Automatisierung, veränderte Produktionsverfahren auf der einen Seite, Kostendruck, bessere Ausnutzung der Maschinenlaufzeiten und das Erfordernis ständiger Weiterbildung auf der anderen Seite. Damit werden hohe Anforderungen an die fachliche, zeitliche und örtliche Flexibilität der Beschäftigten gestellt. Der Unternehmer kann hierbei seine Beschäftigten mit effektiven Motivationsmaßnahmen - auch im Bereich der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes - unterstützen.


Wettbewerbe motivieren!

Aspekte der Leistungsverdichtung, Über- und Unterforderung und Isolation am Arbeitsplatz sind weitere Beispiele für neue Belastungsprofile, die gesundheitliche Risiken mit sich bringen können. Hinzu kommt eine verbreitete Unsicherheit über die eigene berufliche Zukunft und Angst vor Arbeitsplatzverlust durch zunehmende Rationalisierungsmöglichkeiten. Diese für die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz negativen Faktoren lassen sich jedoch mit motivierten Mitarbeitern meistern. Motivationsmaßnahmen zahlen sich für das Unternehmen aus, denn zwischen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz im Betrieb einerseits und der Wirtschaftlichkeit des Unternehmens andererseits besteht ein enger Zusammenhang: "Je gesünder die Mitarbeiter, desto gesünder das Unternehmen".
Die Verbände der Kalk- und Naturstein-Industrie unterstützen ihre Mitgliedsunternehmen bei ihren Bemühungen im Arbeits- und Gesundheitsschutz. Sie befassen sich eingehend mit aktuellen Fragestellungen zu diesen Bereichen, wobei auch Motivationsmaßnahmen diskutiert und bewertet werden. Arbeitssicherheitswettbewerbe zählen in erster Linie zu diesen Maßnahmen, die insbesondere die Mitarbeiter in den Unternehmen zu einem sicheren Verhalten am Arbeitsplatz bewegen sollen. Eine Teilnahme an den Wettbewerben stärkt das "Wir-Gefühl" der Belegschaft, regt zum Nachdenken über die "eigene Sicherheit" an, führt zur Verhaltensänderung und stellt somit einen Ansporn zur Verbesserung der Sicherheit dar. Die "kollektive" Bewertung der gesamten Mitarbeiter führt schließlich auch dazu, dass die Mitarbeiter bei arbeitssicherheitlichem Fehlverhalten ihrer Kollegen korrigierend eingreifen, um im Wettbewerb besonders erfolgreich zu sein.
Der Bundesverband der Deutschen Kalkindustrie (BVK) hat bereits im Jahre 1982 den Arbeitssicherheitswettbewerb ins Leben gerufen, der auf den Unfallkennzahlen der Mitgliedsunternehmen beruht. Seit 1996 erfasst auch der Bundesverband Naturstein-Industrie (BVNI) auf freiwilliger Basis das Unfallgeschehen seiner Mitgliedsunternehmen und führt darauf aufbauend einen Arbeitssicherheitswettbewerb durch. Die Wettbewerbe werden aufgrund der unterschiedlichen Unternehmensstruktur und Datenbasis getrennt durchgeführt. Alle weiteren Aufgaben im Bereich der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes werden von BVK und BVNI jedoch gemeinsam unter dem Dach des Deutschen Gesteinsverbandes e.V. (DGV) im Ausschuss "Arbeitssicherheit" bearbeitet.
Am Arbeitssicherheitswettbewerb des BVK haben sich in diesem Jahr insgesamt 63 Mitgliedswerke (Vorjahr: 77) beteiligt. Wiederum nahmen auch Werke aus Österreich und der Schweiz teil.
Die Zahl der erfassten Unfälle reduzierte sich von 124 auf 113. Auch die Anzahl der Ausfalltage je Unfall ist erfreulicherweise von 31,6 auf 25,9 gesunken. Demgegenüber hat jedoch die Unfallhäufigkeit, das ist die Anzahl der Unfälle bezogen auf 1 Million geleisteter Arbeitsstunden, von 23,5 auf 24,4 leicht zugenommen.
Von den teilnehmenden Werken waren 23 unfallfrei (Vorjahr: 26). Gemessen an der Gesamtzahl der teilnehmenden Werke hat sich der Anteil der unfallfreien Werke damit von 33,7 Prozent auf 36,5 Prozent erhöht. Die Summe der aufgelaufenen unfallfreien Arbeitsstunden, die von den 23 unfallfrei gebliebenen Werken erreicht wurde, beläuft sich auf 2.554.789 h. Im Vorjahr wurden von 26 unfallfreien Werken nur 1.880.099 h aufsummiert.
Nach mehren Jahren kontinuierlicher Steigerung ist der durchschnittliche Sicherheitsindex (SI) gegenüber dem Vorjahr (42,49) mit 41,04 Punkten auf einem (relativ) gleichhohen Niveau geblieben (Abbildung 1).

Graph
Abb. 1: Der Sicherheitsindex als Maßstab
für das Unfallgeschehen; je höher
je besser


Am diesjährigen Wettbewerb des Bundesverbandes Naturstein-Industrie nahmen 81 Werke der Mitgliedsunternehmen teil. Das sind rund 30 Prozent weniger als im Vorjahr (117).
Die erfassten Unfälle in 2002 reduzierten sich jedoch überproportional um 53,3 Prozent auf 63 (2001: 135). Leider sind die Ausfalltage je Unfall von 16,7 auf 25,9 gestiegen, was als eine Zunahme der Unfallschwere gedeutet werden kann. Demgegenüber ist die Unfallhäufigkeit (Unfälle je 1 Million geleisteter Arbeitsstunden) von 38,3 auf 30,3 gesunken.
Im Vergleich zur Gesamtzahl der teilnehmenden Werke waren in 2002 34,6 Prozent der Werke unfallfrei (28 von 81), im Vorjahr waren es noch 43,6 Prozent (51 von 117). Das entspricht einem Rückgang um 43,1 Prozent. Die Summe der aufgelaufenen unfallfreien Arbeitsstunden, die von den 28 unfallfrei gebliebenen Werken erreicht wurde, beläuft sich auf 1.296.532 h, was einem Rückgang gegenüber dem Vorjahr um nur rd. 15 Prozent entspricht (2001: 1.526.972 h).
Der durchschnittliche Sicherheitsindex hat sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich von 26,1 auf 33,0 erhöht (Abbildung 1).


Berechnungs- und Auswertungsmodus

Zu Beginn eines Jahres erhalten die Mitgliedsunternehmen von ihren Verbänden entsprechende Vordrucke. Hierin müssen die wichtigen Firmendaten eingetragen werden: Anzahl der gewerblichen Mitarbeiter und der Angestellten, im Unternehmen tatsächlich geleistete Arbeitstunden, Anzahl der Unfälle und der Wegeunfälle, Ausfalltage. Diese Angaben werden benötigt, um die Unfallstatistik zu erstellen.
Relevant für die Arbeitssicherheitswettbewerbe der Verbände ist der Sicherheitsindex (SI), der die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden gewerblicher Arbeitnehmer (dividiert durch 1000) bezogen auf die Zahl der Arbeitsunfälle (gewerblich) wiedergibt. Sofern der Betrieb unfallfrei war, werden auch die im Vorjahr bzw. in den Vorjahren aufgelaufenen unfallfreien Stunden berücksichtigt, dem Betrieb also gutgeschrieben. Dieses "Guthaben" wird nicht mehr fortgeschrieben - also nicht mehr in die Bewertung einbezogen - wenn erstmals wieder ein Arbeitsunfall eintritt. Durch diese Kumulation besteht auch für kleinere Mitgliedswerke die Möglichkeit, den Sicherheitsindex kontinuierlich zu erhöhen, um so in die Prämierung einbezogen zu werden. Dies war in den vergangenen Jahren häufig der Fall. So sind zwei Preisträger des Bundesverbandes der Deutschen Kalkindustrie bereits seit sieben Jahren unfallfrei!
Ein tödlicher Arbeitsunfall führt zu einem Sicherheitsindex von 0. Zudem wird im Arbeitssicherheitswettbewerb ausschließlich danach beurteilt, ob ein meldepflichtiger Unfall mit vier oder mehr Ausfalltagen vorgekommen ist oder nicht. Die Schwere des Unfalls, z.B. die Zahl der Ausfalltage, geht in die Berechnung für den Sicherheitswettbewerb nicht ein.


Betriebsdaten sinnvoll nutzen

Als Auswertung erhält jedes teilnehmende Werk Angaben zur Rangfolge im Arbeitssicherheitswettbewerb, weitere betriebsspezifische Berechnungen, sowie die Möglichkeit des direkten Vergleichs mit allen teilnehmenden Werken anhand folgender Parameter:
Die Unfallhäufigkeit ist der Quotient aus der Anzahl der Unfälle je eine Million Arbeitsstunden. Er stellt gewissermaßen einen reziproken Wert des Sicherheitsindexes dar, allerdings bezogen auf eine Million Arbeitsstunden und nicht auf die tatsächlich geleisteten Arbeitstunden.
Der Jahresleistungsausfall wird berechnet aus der Anzahl der gesamten unfallbedingten Ausfalltage bezogen auf einen gewerblichen Arbeitnehmer. Er stellt damit einen näherungsweisen Parameter der Schwere der vorgekommenen Unfälle dar, ähnlich wie die Ausfalltage je Unfall.
Die 100-Mann-Quote errechnet sich aus der Anzahl der Unfälle, dividiert durch die Zahl der gewerblichen Arbeitnehmer, dividiert durch 100.


Abb. 2: Unfallstatistikdaten der Kalk- und Naturstein-Industrie (teilnehmende Werke insgesamt)
  Betriebe der
Kalk-Industrie
Betriebe der
Naturstein-Industrie
Sicherheitsindex (SI)

41,0

33,0

Ø-SI der sechs Erstplatzierten

290,0

80,0

Ø-Anzahl der gewerblichen MA

44

14

Unfallhäufigkeit

24,4

30,3

Ausfalltage

22,6

25,9



Der Abbildung 2 ist zu entnehmen, dass der durchschnittliche Sicherheitsindex der Kalkunternehmen gegenüber dem der Natursteinunternehmen höher liegt (Ø-BVK: 41; Ø-BVNI: 33). Der Sicherheitsindex der sechs Erstplazierten der Kalk-Industrie erreichte im Erhebungsjahr 2002 einen Ø6-Wert von 290 und liegt gegenüber der Naturstein-Industrie um den Faktor 3,6 höher (Ø6-Wert = 80). Zurückgeführt werden kann dies u.a. auf die Betriebsgröße der teilnehmenden Werke (Kalkwerke durchschnittlich 44 gewerbliche Arbeitnehmer/Werk; Natursteinwerke durchschnittlich 14 gewerbliche Arbeitnehmer/Werk), was einem Faktor von 3,2 entspricht. Die wissenschaftlich basierte Erkenntnis, dass in größeren Betriebseinheiten - prozentual gesehen - das Unfallaufkommen geringer ist, spiegelt sich auch am Vergleich der Unfallhäufigkeit der teilnehmenden Werke wider: Die Unfallhäufigkeit der Kalkunternehmen ist mit einem Wert von 24,4 (Unfällen je 1 Million geleisteter Arbeitsstunden) geringer als bei den Natursteinunternehmen (30,3). Ausschlaggebend hierfür kann u.a. sein, dass größere Betriebe hinsichtlich der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes in der Regel besser strukturiert sind und/oder betriebs- oder konzerneigenes Sicherheitspersonal wie Fachkräfte für Arbeitssicherheit und/oder Sicherheitsingenieure beschäftigen.
Die am Arbeitssicherheitswettbewerb der Deutschen Kalkindustrie teilnehmenden Werke brennen den gewonnenen Kalkstein und/oder bereiten ihn zu Kalksteinkörnungen auf.
Betrachtet man jedoch nur die Kalksteinkörnung produzierenden Unternehmen, die in der Regel über einen Steinbruch und Betriebsanlagen zum Mahlen, Brechen und Klassieren verfügen, ist eine bessere Vergleichbarkeit mit den Unternehmen der Naturstein-Industrie gegeben (s. Abb. 3). Dieser Vergleich führt zum Ergebnis, dass das Unfallgeschehen in beiden Industriezweigen bei gleichartigen Produktionsprozessen fast identisch bewertet werden kann, auch vor dem Hintergrund der gegenüber den Brenn-Betrieben im Durchschnitt geringeren Mitarbeiterzahl in Nicht-Brenn-Betrieben der Kalkindustrie.

Abb. 3: Unfallstatistikdaten der Kalk- und Naturstein-Industrie (getrennt nach Produktionsprozess)
  Betriebe der
Naturstein-Industrie
Betriebe der
Kalk-Industrie
Brenn-Betriebe der
Kalk-Industrie
Sicherheitsindex

33,0

32,9

45,2

Unfallhäufigkeit

30,3

30,4

22,1

Ausfalltage

25,9

22,6

27,5





Fazit

Motivierte Mitarbeiter sind auch den Arbeitsschutzbelangen positiv gegenüber eingestellt. Deshalb bieten die Arbeitssicherheitswettbewerbe der Bundesverbände Kalk- und Naturstein-Industrie - durch Verleihung von Urkunden bei vorbildlichem Arbeitssicherheitsverhalten - einen hervorragenden Ansatz, um das Leben am Arbeitsplatz auch ohne neue Vorschriften sicherer zu machen. Die ausgewerteten Daten der Arbeitssicherheitswettbewerbe können von den Unternehmen gleichzeitig genutzt werden, um die gesundheitliche Gesamtsituation des Betriebes statistisch zu erfassen. Weiterhin wird ihnen die Möglichkeit zum Vergleich gegeben, wie es denn z.B. der "Nachbarbetrieb" macht.
Mit einer Teilnahme am Wettbewerb sind im Unternehmen Grundlage und Ausgangspunkt geschaffen, um das Unternehmensziel "mehr Arbeitssicherheit - weniger Unfälle" näher zu konkretisieren.
Dem Unternehmer bleibt es überlassen, welche motivierenden Anreize er seinen Mitarbeitern zur Verbesserung des Unfallgeschehens bzw. des betrieblichen Sicherheitsindexes zusätzlich anbietet.
Viele Unternehmen der Kalk- und Naturstein-Industrie nutzen bereits heute die Arbeitssicherheitswettbewerbe für ein innerbetriebliches "Ranking" und haben Prämiensysteme auf der Basis der Wettbewerbe entwickelt.
Ass. d. Bergf. Walter Nelles


  Description   Description    
  Die Preisträger des BVK mit ihrem Laudator v.l.:
Quirin Oellinger (Werk Saal der Fels-Werke GmbH), Gerd Gaspar (Werk Oberrohn der Fels-Werke GmbH), Hans-Martin Lucius (Werk Hornberg der Fels-Werke GmbH), Manfred Weisweiler (Werk Hönnetal der Rheinkalk GmbH), Dr. Klaus Bock, Hans-Georg Tilgner (Werk Schraplau der Fels-Werke GmbH) und Ingo Stolzheise (Werk Flandersbach der Rheinkalk GmbH)
  Die Preisträger der Naturstein-Industrie v.l.:
Axel Diedenhofen, Natursteinindustrie Hessen und Thüringen e.V. (für die J. Nickel GmbH & Co. KG und für die A. u. W. Schrimpf GmbH), Günther Krumke (Werk Diethensdorf der Westsächsischen Steinwerke GmbH), Hans-Jochen Günther (Werk Dietrichsberg der Rhönbasalt Vacha GmbH), Jürgen Neck (Lausitzer Grauwacke GmbH) und Klaus Heiß (Hartsteinwerke Heiß & Söhne GmbH & Co. KG)
 






Inhaltsverzeichnis Ausgabe 5/03 | Zurück zu unserer Homepage