www.steine-und-erden.net > 2002 > Ausgabe 5/02 > Falsche Anwendung von PSA gegen Absturz: Haltegurte sind lebensgefährlich

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Falsche Anwendung von PSA gegen Absturz: Haltegurte sind lebensgefährlich

Im Berufsleben treten immer wieder Arbeitssituationen auf, bei denen an absturzgefährdeten Plätzen gearbeitet werden muss. Grundsätzlich sind bei solchen Arbeitsbedingungen technische Schutzmaßnahmen, wie Geländer vorzusehen, um zu verhindern, dass Personen abstürzen können. In der Praxis können diese Schutzmaßnahmen aber nicht immer angewendet werden, z. B. bei Montagearbeiten auf Baustellen, oder wenn der technische Aufwand sehr hoch, die Arbeiten in absturzgefährdeten Bereich aber selten und zeitlich nur sehr kurz ausgeführt werden, z. B. beim Auswechseln von Dachziegeln nach einem Sturm. Bei diesen Arbeiten sind dann persönliche Schutzausrüstungen (PSA) gegen Absturz einzusetzen. Hierbei wurden und werden aber noch immer entscheidende Fehler gemacht.
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass, wenn PSA gegen Absturz zum Einsatz kommen, die entsprechende Person, die den PSA trägt, auch abstürzen kann. Deshalb ist sicherzustellen, dass diese Person, wenn sie abstürzt, frei von gesundheitlichen Schäden aufgefangen und unverzüglich gerettet wird.
Ein sicheres Auffangen einer abstürzenden Person ist nur gewährleistet wenn diese Person einen Auffanggurt (früher und teilweise auch heute noch "Sicherheitsgeschirr" genannt) angelegt hat. Sicheres Auffangen bedeutet, dass im Moment des Auffangens die Wirbelsäule und die inneren Organe des Abstürzenden nur sehr gering belastet werden und keine Körperschäden eintreten. Zum sicheren Auffangen gehört aber auch, dass nach dem Absturz der Abgestürzte eine Position einnimmt, in der er eine gewisse Zeit bis zu seiner Rettung ohne Gesundheitsschäden verharren kann. Bei Auffanggurten nimmt der Abgestürzte eine sitzende oder sitzähnliche Position ein. Einzelheiten, wie diese Auffanggurte einzusetzen sind, damit es nicht zu Gesundheitsschäden kommt, sind in der BG-Regel - "Einsatz von persönlichen Schutzausrüstungen gegen Absturz" - BGR 198 ausführlich dargelegt.
Lebensgefährlich ist es, wenn Haltegurte als Absturzsicherung verwendet werden. Dieser Gurt umschließt nur die Taille der "zu schützenden" Person und bei einem Absturz kann es zu einer starken Beanspruchung und Verletzung der Wirbelsäule und der inneren Organe kommen, bleibende Körperschäden sind nicht auszuschließen. An einem Unfallbeispiel soll dies verdeutlicht werden:
Ein Versicherter war gegen Absturz mit einem Haltegurt und einem 1 m langen Verbindungsseil an einem Befestigungspunkt gesichert. Der Versicherte rutschte bei seiner Tätigkeit von seinem Standplatz ab und fiel senkrecht herunter, Unglücklicher Weise brach der Befestigungspunkt, als das Verbindungsseil straff wurde, und der Versicherte stürzte weitere Meter in die Tiefe, fiel auf eine Betonfläche und verstarb. Obwohl der Tod durch das Auftreffen auf die Betonfläche verursacht wurde, verursachte aber auch das Hineinstürzen des Versicherten in den Haltegurt, bevor der Befestigungspunkt brach, schwere innere Verletzungen. In der Stellungnahme des Instituts für Gerichtsmedizin und Kriminalistik der Karl-Marx-Universität in Leipzig aus dem Jahr 1984 zu diesem Unfall hieß es: "Die beschriebene, 10 cm breite, quergestellt und u-förmige Unterblutung der Muskulatur und die sog. Taschenbildung in einem Ausmaß von 10 zu 20 cm, die Unterblutung der rechten Niere am Gefäßpol, die Zerrungsblutung der Darmaufhängung und die 0,5 cm messende Lebereinreißung i. B. der Gefäßabgänge sind als Folge des Absturzes in die Sicherheitsvorrichtung zu werten. Je nachdem, wie fest der Sicherheitsgurt am Körper des R. befestigt war bzw. wie weit er beim Sturz u. U. nach fußwärts rutschen konnte, können auch die Dornfortsatzabbrüche des 4.und 5. Lendenwirbelkörpers noch als Folge des Sturzes in den Gurt angesehen werden."
Diese Beschreibung zeigt, wie gefährlich es sein kann, wenn Haltegurte als Sicherheitsmittel gegen Absturz verwendet werden. Zur Sicherung von Personen gegen Absturz dürfen daher ausschließlich Auffanggurte eingesetzt werden. Dabei sind die Gebrauchsanleitung des Herstellers, die Betriebsanweisung des Unternehmers und die o.g. BG-Regel BGR 198 unbedingt einzuhalten.
Haltegurte dürfen nur dort eingesetzt werden, wo es nicht zu einem freien Fall kommen kann. Besser ist es aber, auch hier nur Auffanggurte zu verwenden. Alle Haltegurte sollten sofort der weiteren Benutzung entzogen und durch Auffanggurte mit entsprechender CE-Kennzeichnung und Konformitätserklärung ersetzt werden. Dabei empfiehlt es sich, die alten Haltegurte nicht nur "wegzuschließen" oder in den "Abfall" zu werfen, sondern unbrauchbar zu machen, d. h. Zerschneiden der Gurte oder Zerstören der Befestigungsösen.
In den Abfall verbrachte Haltegurte sind erfahrungsgemäß am nächsten Tag am alten Aufbewahrungsort wieder anzutreffen.
Der Bergung Abgestürzter, aber im Auffanggurt aufgefangener Personen, wird bisher noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Sie sollte aber Bestandteil jeder Ausbildung, jeder Unterweisung und jeder Vorbereitung für den Einsatz von PSA gegen Absturz sein.
Wenn Versicherte bei Tätigkeiten durch Auffanggurte gegen Absturz gesichert werden, ist immer davon auszugehen, dass der Absturzunfall auch eintreten kann. Eine schnelle und sichere Bergung des Abgestürzten ist zwingend notwendig.
Auch durch längeres Hängen im Auffanggurt können Gesundheitsschäden auftreten. Man muss sich dabei in die Lage einer abgestürzten Person versetzen, die 1 bis 2 Meter unter dem ehemaligen Standplatz, aber mehrere Meter - 10 m, 20 m oder mehr - über dem Erdboden in einem Auffanggurt hängend auf Rettung wartet. Zur sofortigen und sicheren Bergung des Abgestürzten gehört auch, dass sich die Bergenden selbst nicht in Gefahr bringen. Bei der Vorbereitung von Arbeiten zur Anwendung von PSA gegen Absturz ist dieser Umstand immer mit zu berücksichtigen.
Bereits seit Mitte der 80er Jahre sind entsprechende Veröffentlichungen bekannt, wie z. B. in der BG-Regel 198 "Einsatz von persönlichen Schutzausrüstungen gegen Absturz", aktualisierte Fassung 2000.
Die vorbereitenden Maßnahmen zur Bergung Abgestürzter sind in der Praxis sehr unterschiedlich und müssen den tatsächlichen Arbeitsbedingungen angepasst werden. Grundsätzlich ist aber immer folgendes zu beachten:
  1. Die Rettungsmaßnahmen sind so zu organisieren, dass Abgestürzte nicht länger als 20 Minuten im Auffanggurt hängen.
  2. Der Abgestürzte darf nach dem Bergen nicht sofort hingelegt werden, sondern ist in eine Kauerstellung zu bringen. Die Überführung in eine flache Lage darf nur allmählich geschehen, möglichst erst nach Eintreffen eines Arztes. Bei längerem Hängen im Auffanggurt besteht die Gefahr des Hängetraumas (orthostatischer Schock). Durch plötzliche Flachlagerung besteht akute Lebensgefahr infolge Herzüberlastung bzw. Nierenversagen.
  3. Jeder Abgestürzte ist unmittelbar nach der Bergung zu untersuchen.
  4. Es ist davon auszugehen, dass der Abgestürzte ohnmächtig ist und nichts zu seiner Bergung beitragen kann.
  5. Mit dem Abgestürzten ist, soweit möglich, ständiger Sprechkontakt zu halten.
  6. Dem Abgestürzten sollte bis zur Bergung ein zweites Seil mit Trittschlaufe, zur Erhöhung seines Sicherheitsgefühls und zur körperlichen Entlastung herabgelassen werden.
  7. Die Bergenden müssen selbst gegen Absturz gesichert sein.


Dipl.-Ing. Eberhard Grieger, StBG

Haltegurte dieser Art sollten sofort aus dem Verkehr gezogen werden Sicherer Auffanggurt Der Unterschied: links der Fall in einem Auffanggurt, rechts der lebensgefährliche Absturz im Haltegurt
Haltegurte dieser Art
sollten sofort aus dem
Verkehr gezogen werden
Sicherer
Auffanggurt
Der Unterschied: links der Fall
in einem Auffanggurt, rechts der
lebensgefährliche Absturz im
Haltegurt




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