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[Die Industrie der Steine + Erden]






Weinlese

Tage der offenen Tür können manchmal richtig nachhaltig wirken. Können jemanden auf neue Pfade leiten und neue Horizonte eröffnen. Einem Bekannten erging es so, nachdem er zu einem Besuch einer Weinkelterei mitgenommen wurde. Mitten im Württembergischen versuchte man ihm, dem norddeutschen Biertrinker, das Geheimnis eines guten Weines zu vermitteln. Weltoffen, wie der Hannoveraner sich gerne gibt, vertraute sich mein Bekannter der Führung und den Erklärungen eines Kellermeisters an.
Wie üblich begann man mit einem leichten Wein und einigen Ausführungen über Rebsorte, Pflege des Weinstockes und dem Vorgang des Kelterns. Der angebotene Wein war leicht und frisch, die Erläuterungen informativ und doch kurzweilig.
Kurzum, nach einigen weiteren Proben machte sich bei meinem Bekannten eine wohlige Stimmung breit, die er sonst erst nach einigen Pils kannte. Er hatte nun im Laufe der Proben schon einen Kerner, Müller-Thurgau und Muskateller kennen gelernt. Über die Qualitätssteigerungen von QbA bis zum Eiswein hatte er gehört.
Aber dann wurde es typisch für eine württembergische Kelter; man wandte sich dem Roten zu. Das Nationalgetränk, der Trollinger, wurde verkostet (geschlotzt). Jetzt war der Kellermeister nicht mehr zu halten: Der Trollinger, Rebsorte Vernatsch, sei im 17. Jahrhundert aus Südtirol nach Württemberg gekommen. Er sei fruchtig und kernigherzhaft, wodurch er zum Charakter der Württemberger passe.
Der Kellermeister kredenzte alsdann den Schillerwein, eine echte württembergische Spezialität, die aus verschiedenen Rebsorten gewonnen (verschnitten) wird. Danach den weniger bekannten Clevner, einen Frühburgunder, der keine große Verbreitung gefunden hat. Anschließend funkelte der schwere, dunkle Lemberger im Glas. Sein Geschmack erinnert an reife Brombeeren.
Auch französische Trauben werden am Neckar und seinen sieben Nebenflüssen gepflegt. Aus der Familie der Burgunder stammt der Schwarzriesling, der mit der weißen Rieslingsrebe so gar nichts gemein hat. Voll im Geschmack und dunkelrot im Glas ist er ein Gaumen- und Augenschmaus.
Auch wenn zwischen den einzelnen Weinsorten Graubrot zur Geschmacksneutralisierung gereicht wurde, waren Zunge und Kopf von diesem riesigen Angebot überwältigt. Wer soll sich all die Namen und Geschmacksrichtungen merken? Käse übrigens, so der Kellermeister, gehört nicht zu einer Weinprobe.
Warm ums Herz, leicht im Kopf, aber schwer in den Beinen, beendete mein Bekannter seine Lehrstunde in Sachen Wein. Selbstverständlich wurde im Überschwang der Gefühle reichlich geordert, wovon auch ich heute noch gelegentlich profitiere. Wenn wir dann bei einem Glas Trollinger zusammen sitzen, kommt uns häufig ein Sohn unserer Heimatstadt ins Gedächtnis, Wilhelm Busch. Der hatte einst gereimt: "Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben." Recht so, und wohl bekomms!

Bei der Weinprobe


Hans-Jürgen Bahr




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