www.steine-und-erden.net > 2001 > Ausgabe 5/01 > Unfallkosten und die Folgen - Bumerang für die Unternehmen

[Die Industrie der Steine + Erden]






Unfallkosten und die Folgen - Bumerang für die Unternehmen


„Sicherheit am Arbeitsplatz ist ein untrennbarer Bestandteil des Arbeits- und Produktionsprozesses. Den Führungskräften fällt die wichtige und unerläßliche Aufgabe zu, bei jeder Arbeit in ihrem Verantwortungsbereich um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter bemüht zu sein. Dies bedeutet, dass Ergebnisse, die von Führungskräften auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit erzielt werden, ebenso als Qualifikationsmerkmal für sie gelten müssen, wie andere Beurteilungskriterien“.

Diese Aussage zum Arbeitsschutz traf die Geschäftsführung der Rheinischen Kalksteinwerke bereits in den fünfziger Jahren in einem Vorwort zum Sicherheitsprogramm dieses Unternehmens. In heutiger Zeit werden solche Bekenntnisse zum Arbeitsschutz immer häufiger abgegeben, allerdings unter Einbindung des Umweltschutzes und auch der Qualitätssicherung als zweite bzw. dritte Säule einer erfolgreichen Unternehmensstrategie. Sie sind Ausdruck der Überzeugung, dass der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens vom Wissen, den Fähigkeiten und dem Einsatzwillen der Mitarbeiter abhängt. Eine gesunde, qualifizierte und motivierte Belegschaft ist eine der Voraussetzungen für ein erfolgreiches Bestehen am Markt. In einer Zeit, wo aufgrund eines immer stärker werdenden globalen Wettbewerbs ein hoher Leistungs- und Qualitätsstandard angestrebt wird, gilt dies ganz besonders.
Wenn nachfolgend die wirtschaftlichen Auswirkungen von Arbeitsunfällen behandelt werden, soll das nicht heißen, dass die humanitären und sozialen Aspekte der Arbeitssicherheit unberücksichtigt bleiben. Je mehr die Arbeitssicherheit jedoch an Bedeutung gewinnt, um so stärker wird sie unter Kostengesichtspunkten betrachtet. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Unfallgeschehens sind daher zu analysieren, um eine zusätzliche Motivierung der Verantwortlichen für Arbeitssicherheit zu erreichen. In diesem Zusammenhang ist nicht daran gedacht, über die Effizienz des Arbeitsschutzes anhand der Kennzahl „Arbeitsschutzkosten je ungestörte Arbeitsstunde“ (KNA) und auch nicht über die Kosten einer bestimmten Arbeitsschutzmaßnahme und die sich daraus ergebende Wirksamkeit bezogen auf den Arbeitsschutz (KWA), zu reden. Diese Controllingverfahren stecken noch in den Kinderschuhen. Hier und heute geht es ausschließlich um Kosten von Unfällen.


Unfallursachen
Unfallursachen





Unfallkosten

Die Erfolge, die die Unternehmen in der Bundesrepublik Deutschland auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit bisher erreicht haben, können sich sehen lassen. Hätten wir heute noch das Arbeits-
unfallhäufigkeitsniveau des Jahres 1960, dann müsste unter sonst gleichen Bedingungen anstatt bisher 24 Milliarden DM rund 20 Milliarden DM mehr, also 44 Milliarden DM pro Jahr für die Unfallversicherung ausgegeben werden. Aus Sicht der Betriebe wären diese zusätzlichen Kosten nicht mehr zu finanzieren. Einen weiteren Vergleich möchte ich nicht verschweigen, weil dieser für die folgenden Ausführungen wichtig ist.
Die Unternehmen, die in der Steinbruchs-BG versichert sind, liegen bei etwa 50 Unfälle je 1 Million geleisteter Arbeitsstunden. Dagegen hat das Werk Flandersbach der Rheinischen Kalksteinwerke eine Unfallhäufigkeit von nur 10 - 15 Unfälle je 1 Million geleisteter Arbeitsstunden aufzuweisen. Dass die jahrelangen Bemühungen der Unfallverhütung erfolgreich waren, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Nicht nur menschliches Leid, sondern auch wirtschaftliche Folgen wurden somit verringert. Maßnahmen, die zu diesem Ziel führen, kosten nicht nur Geld. Im Gegenteil – dem finanziellen Aufwand steht auch erhebliches Einsparpotenzial gegenüber, wie das folgende Beispiel verdeutlichen soll.


Unfälle je 1 Million geleisteter Arbeitsstunden der gewerblichen Mitarbeiter
Unfälle je 1 Million geleisteter
Arbeitsstunden der gewerblichen Mitarbeiter





Becherwerkskette abgesprungen

Der Kettenstrang eines Becherwerkes war im laufenden Betrieb vom unteren Kettenstern abgesprungen und zwischen Bordwand und Stern eingeklemmt. Der verletzte Mitarbeiter – als Handwerker mit solchen Arbeiten vertraut und unterwiesen – rüttelte an dem Kettenstrang, während ein weiterer Mitarbeiter mittels Brechstange versuchte, die Kette auf den Stern zu hebeln. Im Verlaufe dieser Arbeiten rutschte der mit Material gefüllte Strang nach unten. Dadurch wurde der Unterarm zwischen Becher und Gehäusewand eingeklemmt. Die Unfallfolgen waren die Quetschung und Fraktur des Unterarmes. Zurück blieb eine gutachterlich festgestellte dauernde Erwerbsminderung. Geht man davon aus, dass für diesen 42jährigen verheirateten Schlosser mit einer wahrscheinlichen Lebenserwartung von ungefähr 79 Jahren 37 Jahre eine Rente zu zahlen ist, so fallen für den beschriebenen Arbeitsunfall unter Berücksichtigung der jährlichen Rentenanpassungen Kosten in Höhe von rund 550.000,00 DM an.
Bei den Unfallkosten handelt es sich nur um Aufwendungen des Leistungserbringers; also der Steinbruchs-BG – oder, wie im weiteren noch zu erklären ist – der Haftpflichtversicherung des Unternehmens. Weder die StBG noch irgendeine andere Versicherung zahlen diese Kosten aus der Portokasse. Sie werden umgelegt und belasten die Mitgliedsfirmen, die bereits erwähnten 37 Jahre lang. Hiermit aber nicht genug. Diesen ausserbetrieblichen Kosten – es handelt sich hierbei um Fixkosten – müssen die betrieblichen Unfallkosten, in diesem Fall die variablen Kosten, zugerechnet werden.

Unter betrieblichen Unfallkosten sind diejenigen Kosten zu verstehen, die als Folge eines Arbeitsunfalles im Betrieb entstehen. Dazu zählen insbesondere die Kosten
  • für den zeitlichen Ausfall und die Lohnfortzahlung des Verletzten
  • für eine Ersatzkraft
  • für Produktionsausfall und Lieferverzögerung
  • für Erste Hilfe, medizinische Versorgung, Verletztentransport
  • der Unfallsachbearbeitung
  • für die Beseitigung von Sachschäden
  • für Prämienverluste oder Nachzahlungen an die Berufsgenossenschaft beziehungsweise Haftpflicht- oder Sachversicherer;


Untersuchungen haben gezeigt, dass je nach Art und Typ des Arbeitsunfalls pro Ausfalltag 1.000,00 bis 1.500,00 DM an Kosten für das Unternehmen entstehen. Bei dem vorgestellten Beispiel „Unfall an einem Becherwerk“ der für den verletzten Schlosser eine Arbeitsunfähigkeit von 238 Tagen aufgrund der schweren Quetschung und Fraktur zur Folge hatte, sind somit zusätzliche betriebliche Unfallkosten in Höhe von 238.000 DM entstanden.
Folglich ergeben die Unfallkosten einen Gesamtbetrag von 787.000 DM.



Betriebliche Unfallkosten in Wahrheit

Dieser durch den Unfall entstandene monetäre Verlust ist hoch und wird meistens unterschätzt. Bezogen auf die Industrie liegen die Kosten für einen Arbeitsunfall mit einer durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeit von 15 Tagen bei etwa 15.000,00 DM. Ein Beispiel unter Einbeziehung der Daten Kalk Wülfrath, der Sparte Kalk + Dolomit, ergibt für 1997 Kosten in Höhe von neun Millionen DM.
Gesteht man diesem Unternehmen eine Gewinnspanne von 10 Prozent zu, so muss der Umsatz um neun Millionen gesteigert werden, um die Kosten aufgrund eingetretener Unfälle auszugleichen. Dieses Ergebnis zeigt mit aller Deutlichkeit, dass Handlungsbedarf besteht. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen sind sich oftmals nicht bewusst, wie Defizite in der Arbeitssicherheit und im Gesundheitsschutz auch das gesamtwirtschaftliche Ergebnis des Unternehmens beeinflussen. Vielfach werden die Unfälle als notwendiges Übel oder deren Verringerung als unlösbare Aufgabe betrachtet. Dass es möglich ist, das Unfallrisiko weiter zu reduzieren, kann nicht nur am Beispiel des Werkes Flandersbach bewiesen werden.

Arbeitsunfall
-Aufwendungen-
Ambulante und stationäre
Behandlung, Verletztengeld

49.000 DM

Verletztenrente

500.000 DM

Kosten des Unfalls (Leistungsbringer)

549.000 DM


Unfallkosten
-Betrieblich-
Anzahl der Unfälle

36

Kosten je Unfall

25.000 DM

Gesamtkosten

900.000 DM

Gewinnspanne

10%

Umsatz, um die Unfall-
kosten auszugleichen

9.000.000 DM



Unfälle – unvermeidbar?

So konnte die Unfallhäufigkeit dieses Werkes in der Zeit zwischen 1960 und 1997 um den Faktor 3 gesenkt werden. Wie eingangs schon erwähnt, liegt sie heute bei 10-15 Unfällen je 1 Millionen geleisteter Arbeitsstunden. Dieser gravierende Rückgang der Unfallhäufigkeit ist bei näherer Betrachtung der letzten Jahre deutlich langsamer geworden. Man muss deshalb darüber nachdenken, ob es in Zukunft noch richtig ist, mit wilder Entschlossenheit weiter auf die Sicherheitstechnik zu setzen. Ausgehend davon, dass sicherheitstechnische Ausrüstungen, so modern und fortschrittlich sie auch sein mögen, ihre natürlichen Grenzen haben, ist in der jüngsten Zeit erkannt worden, dass der Durchbruch zur weiteren Reduzierung der Unfallrate nur über die stärkere Einbindung der Mitarbeiter in den Arbeitsschutz möglich ist.
Diese Forderung ist das Ergebnis von Unfalluntersuchungen. Demnach sind 90 Prozent der Unfälle auf unsichere Handlungen und nur 10 Prozent auf unsichere Bedingungen zurückzuführen.
Bei dem zuvor geschilderten Unfall – auch diesem liegt eine unsichere Handlung zugrunde – konnte der gefüllte Becherwerksstrang nur deshalb zurücklaufen, weil an dem Antrieb des Becherwerkes eine Rückhalteeinrichtung (Bremseinrichtung) fehlte. Diese Einrichtung war bei der ersten Inbetriebnahme des Fördermittels jedoch vorhanden. Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt muss sie demontiert worden sein.
Für die nach dem Unfallereignis nochmals realisierte Sicherheitsmaßnahme wurde ein Betrag von rund 3000,00 DM aufgewendet. Gegenüber den Gesamt-Unfallkosten von round about 790.000,00 DM sind das bildlich gesprochen „Peanuts“. Der Vollständigkeit halber soll nicht verschwiegen werden, dass die zuständige Berufsgenossenschaft sich an der Haftpflichtversicherung des Unternehmens schadlos hält. Der Unfall zeigt auch mit aller Deutlichkeit ein weiteres Problem. Es ist das Verhalten einiger Führungskräfte, die immer noch nicht davon überzeugt sind, dass die Arbeitssicherheit im Betrieb eine Führungsaufgabe ist. Eine alte Erfahrung ist, die Treppe wird von oben nach unten gekehrt oder, was der Betriebsleiter, Meister zulässt, wird zur Norm.
Es wurde bereits festgestellt: Sicherheitstechnik um jeden Preis bringt nicht mehr Sicherheit. Unter Berücksichtigung von Sicherungsaufwand und Nutzen gibt es einen optimalen Punkt. Wenn dieser Punkt nun durch zusätzliche Arbeitsschutzmaßnahmen überschritten wird, steigt der Aufwand erheblich an, ohne jedoch den Nutzen im gleichen Verhältnis zu erhöhen. Das folgende Bild soll das verdeutlichen.

Die Erhöhung des Sicherungsaufwandes ist nur bis zu einem 'optimalen Punkt' wirtschaftlich
Die Erhöhung des Sicherungsaufwandes ist nur
bis zu einem 'optimalen Punkt' wirtschaftlich.
Danach steigt der Nutzen nicht mehr im gleichen Verhältnis.


Daher ist es erforderlich und lukrativ, die Mitarbeiter mit ihren Ideen, die ja ihren Ursprung aus der Arbeitsplatz- und Betriebsnähe haben, für eine Mitwirkung im Arbeitsschutz zu gewinnen. Denn hier können noch ungeahnte Potenziale – ohne große Kostenwirkung – freigesetzt werden. Das Interesse eines Unternehmens muss also darin liegen, die Unfallhäufigkeit zu reduzieren, da Aufwendungen für Unfälle den Ertrag des Unternehmens schmälern.
Die Unfallkosten in Höhe von mindestens 1.000,00 DM je Ausfalltag sind Anlass zum Handeln und dürfen nicht vernachlässigt werden, wenn ein Unternehmen keinen Schaden erleiden will.
Arbeitsschutz und Wirtschaftlichkeit sind keine Gegensätze, sondern sie stehen in direktem Bezug zueinander; aber beide hängen von weiteren Faktoren ab, nämlich der Führungsqualität, der Unternehmenskultur sowie der Motivation von Führung und Mitarbeitern und ergänzen sich zu dem gemeinsamen Ziel, die Zukunft des Unternehmens zu sichern. So gesehen ist die Reduzierung der Unfallkosten kein Bumerang für die Unternehmen, sondern ein Gebot der Stunde.
„Wir können dem Wind nicht gebieten, aber wir können die Segel neu setzen und die Richtung ändern“.

Arthur Binkowski,
Wülfrather Gruppe, Rheinische Kalksteinwerke, Wülfrath




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