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Was heißt eigentlich Stress?

„Ich bin wieder ‘mal total gestresst“ oder „Ich bin im Stress“ – wer hat einen solchen Stoßseufzer nicht schon einmal ausgestoßen beziehungsweise von Kolleginnen und Kollegen gehört? Aber was heißt das eigentlich genau? Ist Stress gesund oder macht er krank?

Stress Der Begriff „stress“ kommt aus dem Englischen und bedeutet Beanspruchung, Druck, Anstrengung. Er wurde beispielsweise in der Materialprüfung benutzt und bezeichnet hier die Kraft oder Belastung, die auf ein Material einwirkt. Die Reaktion im geprüften Material, beispielsweise eine Verbiegung, heißt im Englischen „strain“ und entspricht im Belastungs / Beanspruchungsmodell der „Beanspruchung“.
Wer an einem der Unternehmer-Seminare der StBG teilgenommen hat, weiß: Eine Belastung wirkt auf einen Menschen von außen ein und kann bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Reaktionen hervorrufen, die wir als Beanspruchung bezeichnen.
In der Alltagssprache wird das Wort „Stress“ einmal als Stoßseufzer für den Auslöser – „Ich stehe unter Stress.“ – und dann wieder für die Reaktion in uns benutzt – „Ich bin gestresst.“ Um zu verdeutlichen, was gemeint ist, wird für den Auslöser eines Stressprozesses der Begriff Stressor benutzt und das, was im Individuum passiert, umschreibt man mit dem Wort Stressreaktion.
Beispiel: Der Stressor Lärm führt bei vielen Menschen langfristig zu einer Beanspruchung im Organismus, die sich in Form einer Schwerhörigkeit äußern kann. Aber auch Schlaflosigkeit, Blutdruckerhöhung, Magen-Darmstörungen können Stressreaktionen auf Lärm sein.
Was spielt sich bei einer Stressreaktion im Organismus ab?
Die Puls- und Atemfrequenz sowie der Blutdruck steigen an, der Körper nimmt mehr Sauerstoff zum Verbrennen auf. Der Blutspiegel verschiedener Hormone wird erhöht ebenso wie die Zucker- und Fettkonzentration im Blut. Die Hautdurchblutung wie auch Magen- und Darmaktivität verändert sich. Die Pupillen werden weit, die Augen stellen die Sehschärfe auf Ferne.
Das sind nur einige Beispiele, die den komplizierten Ablauf illustrieren sollen, der sich im Körper unter einer Stress-Situation abspielt. Dieser Ablauf ist leider vom Willen grundsätzlich nicht beeinflussbar und spielt sich unter einer Stresseinwirkung immer so ab, egal, ob die freigesetzten Energiereserven benötigt werden oder nicht.
Als die Menschen noch auf der Suche nach Essbarem zu Fuß durch Wald und Steppe zogen, waren solche Stressreaktionen häufig lebensrettend: Wenn der Urmensch sich plötzlich einem wilden Tier oder dem Angriff eines feindlichen Stammes gegenüber sah, war er in der Lage, die schnell mobilisierten Fett- und Zuckerreserven zur schnellen Flucht zu nutzen oder im nötigen Kampf zu verbrennen. In unserer Zeit laufen Stress-Situationen oft folgendermaßen ab: Herr M. ist Angestellter im Außendienst und hat einen wichtigen Termin um 10 Uhr. Bis 9 Uhr hat er eine halbe Stunde auf der Autobahn im Stau gestanden und wertvolle Zeit verloren. Noch 30 Minuten bis zu der Verabredung mit dem Kunden, von deren Erfolg so viel für seine erwartete Beförderung abhängt – und noch 35 km auf der Bundesstraße zu fahren! Dieser blöde Lkw, der die ganze Zeit mit 50 km/h vor ihm hertuckert – wider besseres Wissen setzt er vor einem Berg zum Überholen an – und nun kommt plötzlich dieser Sattelzug entgegen...
Oder eine andere Geschichte: Frau M. schreibt jetzt schon die dritte Version dieses wichtigen Briefes, den der Chef diktiert hat. Immer wieder hat er etwas auszusetzen und zu mäkeln. Ausgerechnet heute wollte sie etwas früher gehen – gestern die Auseinandersetzung mit ihrem Freund, der sich von ihr schlecht behandelt fühlt. Heute wollten sie nach langer Zeit wieder einmal zusammen ins Kino und anschließend gut essen gehen, sie will sich besonders heute noch etwas zurecht machen. Sie könnte vor Wut über die ungerechte Behandlung des Chefs platzen...
Es könnten noch viele Beispiele angefügt werden, alle haben etwas gemeinsam: Wie bei unseren Vorfahren in der Steppe werden unter dem Druck der Ereignisse unwillentlich Energiereserven frei gesetzt, die damals schnell verbrannt werden konnten und möglicherweise lebensrettend waren. Heute sitzen wir im Auto, auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch oder im Sessel vor dem Fernsehgerät, wenn die Stress-Situation uns überfällt.
Die bereitgestellten Energiereserven im Blut werden nicht verbrannt, wenn wir beim Überholmanöver vorm Berg die Hände um das Lenkrad klammern, die Kupplung treten, zurückschalten und aus unserem Wagen die letzten Reserven herausholen. Genauso wenig verbrauchen wir die bereitgestellten Zucker- und Fettreserven im Blut, wenn wir zornig die Zähne aufeinander beißen, weil wir uns über Chef oder Lebenspartner ärgern oder wenn wir voller Wut aus dem Sessel vor dem Fernseher hochspringen und zornig die Hand voller Kartoffelchips auf einmal herunterschlucken, weil der Schiedsrichter schon wieder ein Foul an unserem Verein übersehen hat.
Wenn nun auf solche Situationen keine längeren Erholungsphasen, sondern weitere Phasen höchster Anspannung folgen, verkehrt sich dieser von der Natur als Schutzmechanismus eingerichtete Prozess in einen Zerstörungsmechanismus für den Organismus. Die mobilisierten Fett- und Zuckerreserven werden in die Wände der Blutgefäße eingebaut. Die Gefäße verengen sich, die Wände werden starr und unflexibel. Der Blutkreislauf wird überlastet, es kann zu einer dauerhaften Erhöhung des Blutdruckes kommen. Verdauungssystem und Stoffwechsel werden belastet, das Immunsystem wird beeinträchtigt, die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheitserreger (Infektionen, Krebs) wird geschwächt.
Die möglichen Folgen sind: Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenerkrankungen, Magen- und Darmgeschwüre, Zuckerkrankheit.
Mitunter erkennt der Einzelne negative Stress-Situationen nicht oder schätzt sie nicht richtig ein. Er hat sich daran gewöhnt und glaubt damit leben zu müssen und zu können, sie gehören für ihn zum Alltag. Das kann eine folgenschwere Fehleinschätzung sein, denn die Körperreaktionen erfolgen weiter. Wir wissen es aus dem Beispiel Lärm: Nicht die Einstellung zur Musik verhindert eine mögliche Schwerhörigkeit, sondern allenfalls die passende Lautstärke!!

Eine ständige Überbeanspruchung des Organismus (Dauerstress) in der beschriebenen Weise führt schließlich zu Übermüdung, Erschöpfung und anderen Befindlichkeitsstörungen.
Weitere Hinweise für Dauerstress können sein:

  • Schlafstörungen
  • Spannungsgefühl, Kopfschmerzen
  • Oberbauchschmerzen, Verdauungsstörungen
  • Häufige Erkältungs- und Infektionskrankheiten
  • Schnelle Reizbarkeit
  • Konzentrationsschwäche
  • Depressionen

Häufig wird auch ein Gefühl des „Ausgebranntseins“, das Burn-out-Syndrom beschrieben.
Üblicherweise versucht der gestresste moderne Mensch die Stressreaktion zu mildern, indem er zur Zigarette greift und abends – oder gar schon tagsüber – mit Alkohol „die Nerven beruhigt“. Das verschärft die Situation, wie inzwischen hinreichend bekannt ist: Tabak greift die Gefäßwände ebenfalls an und verändert sie wie oben beschrieben. Alkohol wird zwar immer wieder nachgesagt, dass er sich in sehr geringen Mengen positiv auf die Gesundheit auswirken soll, in den heute meist üblichen Trinkmengen unterstützt er jedoch eindeutig die negativen Einflüsse des Stressgeschehens auf den Organismus.
Zusätzlicher Missbrauch von Kaffee oder gar Medikamenten wie Beruhigungs- und Schmerzmittel runden das Ganze ab und bringen uns dem Grab schnell näher.
Stressoren lassen sich zur besseren Übersicht in physische (körperlich spürbare) und psychische (seelisch belastende) einteilen.

psychische Stressfaktoren physische Stressfaktoren
  • zu viel oder zu wenig Verantwortung
  • Zeit- und Leistungsdruck
  • Angst um den Arbeitsplatz
  • zu wenig Anerkennung durch
    Vorgesetzte oder Kollegen
  • Mobbing
  • Lärm
  • Beleuchtung (zu wenig, zu viel)
  • Stäube
  • Gefahrstoffe
  • Heben und Tragen schwerer Lasten
  • Schichtarbeit
  • Klima (Kälte, Hitze, Nässe, Zugluft)

In der Arbeitswelt gewinnen in den letzten Jahren zunehmend die psychischen Stressoren an Bedeutung. Die Stresszustände entstehen als Folge der Auseinandersetzung der Betroffenen mit Stressoren unter bestimmten sozialen Verhältnissen.
Wir stellen uns folgende Konstellation vor: Von einem Mitarbeiter wird ein großes Arbeitspensum in sehr kurzer Zeit verlangt. Der Betroffene vergleicht nun unwillkürlich das (zu) große Arbeitspensum mit der ihm zur Verfügung stehenden (zu kurzen) Zeit. Er kommt gedanklich zu dem Ergebnis, dass er „es nicht schafft“ und spürt jetzt schon die negativen Folgen (Vorwürfe, Einkommenseinbußen, Arbeitsplatzverlust). Es kommt zu einer Stressreaktion, die umso größer ist, je schlimmer die vorgestellten Folgen sind.


Stressreiz und Stressreaktionen
Stressreiz und Stressreaktionen


Nun haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Menschen ganz ohne Stress, im Sinne von Herausforderung, auch nicht glücklich sind. Die meisten von uns kennen die Situation: Ich habe eine bestimme Aufgabe zu erfüllen und fühle mich auch grundsätzlich dazu in der Lage. Was ich brauche, um anzufangen, ist ein bisschen Druck und schon läuft es. Was für ein angenehmes Gefühl, wenn ich dann das Problem gelöst habe. Ich fühle mich zufrieden, vielleicht bin ich auch stolz auf meine Leistung. Der genannte „Druck“ ist nichts anderes als ein Stressor, aber kein negativer, sondern ein letztlich positiv empfundener Stressor. Hans Selye, ein Forscher, der sich schon in den 30er Jahren mit dem Phänomen Stress beschäftigte, setzte die Begriffe „Eustress“ für positiv und „Disstress“ für negativ empfundenen Stress ein.

Eustress Disstress
positiver Stress
leistungssteigernd
motivierend
negativer Stress
führt zu Überforderung
Auslösefaktor gesundheitlicher Probleme

Wir wissen es, gleiche Belastungen können bei unterschiedlichen Menschen verschiedene Beanspruchungen zur Folge haben. Es hängt also offenbar auch vom Einzelnen ab, ob ein Stressor positiv oder negativ und ob er überhaupt als Stressor empfunden wird!
Nicht alleine vom Stressor hängt die Stressreaktion ab, sondern auch von unserer Einstellung, die wir zu ihm haben. Wir erkennen, dass gleiche Stressoren von verschiedenen Menschen unterschiedlich empfunden werden können. So wie laute Musik vom einen als (allenfalls organisierter) Lärm und vom anderen als Ohrenschmaus empfunden wird. Arbeitsbedingungen, die regelmäßig zu negativen Stresszuständen führen, können nicht als menschengerecht bezeichnet werden. Menschen in Stress-Situationen neigen zu Fehlreaktionen in gefährlichen Situationen und können somit eine Quelle von Unfällen im Betrieb darstellen. Maßnahmen zur Vermeidung und Verringerung der Entstehung von Stresszuständen gehören deshalb genau so wie die technische Maßnahmen zur Unfallprävention im Betrieb.

Dr. Gerhard Ambrosius, StBG





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