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Interview mit einem erfahrenen Sicherheitsingenieur
„Man braucht viel Geduld bei der Sicherheitsarbeit“
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Seit 1988 war Siegfried Richter (59) als hauptamtlicher Sicherheitsingenieur in Heusenstamm zuständig für
den gesamten „Braas-Bereich“ der heute zu Lafarge gehörenden Braas Dachsysteme GmbH. Richter, seit 31 Jahren
im Unternehmen, geht jetzt in den Ruhestand. Als erfahrene „SiFa“ stand er uns Rede und Antwort zu seiner Arbeit
und der Zukunft der Arbeitssicherheit.
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StBG: Herr Richter, warum und wodurch sind Sie damals Sicherheitsfachkraft geworden?
Richter: Ich wurde überrumpelt, weil der Vorgänger in den Ruhestand ging. Habe dann aber freudig zugegriffen.
Allerdings musste ich sehr schnell lernen, dass es häufig schwierig ist, alle Vorschriften umzusetzen.
StBG: Würden Sie diesen Job heute noch `mal machen?
Richter: Ja, mich reizt vor allem die Freizügigkeit dieser Aufgabe. Außerdem: Arbeitssicherheit braucht
nach wie vor mehr Aufmerksamkeit, man ist ständig beratend gefordert nach oben wie nach unten. Ich fühle
mich dabei als Bindeglied zwischen Praxis und Berufsgenossenschaften.
StBG: Wie ist bei Braas die Sicherheitsarbeit organisiert? Wieviele hauptamtliche, wieviel Teilzeit-SiFas gibt
es?
Richter: Die hauptamtliche Stabsstelle ist in Heusenstamm, in jedem Braas-Werk ist dann eine Teilzeit-SiFa, ein
Meister, tätig.
StBG: Was würden Sie in der Rückschau als Ihren größten Erfolg bezeichnen?
Richter: Als es ums Thema Unterweisung ging, habe ich die Unterweisungsunterlagen erstellt, abgestimmt für
die Produktionsbetriebe. Diese Unterlagen existieren heute noch.
StBG: Und wo gab es die meisten Hindernisse zu überwinden?
Richter: Sicherheitsarbeit ist sehr zäh. Man braucht viel Geduld. Man muss mit viel Ausdauer dagegen halten,
dass habe ich dabei gelernt. Und dann: Man spricht immer von „Kosten eines Unfalls“. Damit kann ich im eigenen
Unternehmen aber nicht argumentieren. Denn es ist doch so: Wenn ein Mitarbeiter wegen eines Unfalls ausfällt,
muss die Arbeit trotzdem gemacht werden. Und dafür wird bestimmt kein neuer Mann eingestellt, das wird auf
dem Rücken der Kollegen ausgetragen. Also so eindeutig sind in der Produktion direkt keine Unfallkosten messbar.
StBG: An welchen Stellen sind Ihrer Meinung nach dringend Änderungen erforderlich, damit die Arbeit der
SiFas effektiver werden kann, beziehungsweise sich der Sicherheitsstandard in den Betrieben weiter verbessert?
Richter: Der Sicherheitsstandard ist bei uns heutzutage auf einem akzeptablen Niveau. Von der Technik her haben
wir das im Griff. Auf der anderen Seite müssen wir die Mitarbeiter sicherheitsbewusster machen. Die Vorgesetzten
müssen ebenfalls sensibler für die Arbeitssicherheit werden und über ihre Pflichten als Vorgesetzte
noch viel intensiver informiert werden. Da ist noch viel Nachholbedarf. Die Führungskräfte dürfen
nicht erst aufwachen, wenn ein Unfall passiert ist.
StBG: Welche aktuellen Themen beschäftigen die SiFas in den einzelnen Betriebsstätten bei Braas?
Richter: Drei Themen: ein akzeptables Rückhaltesystem für Gabelstaplerfahrer zu finden, Aufklärung
über Stolperunfälle, die schon etwa 33 Prozent aller Unfälle ausmachen, und die Vorgesetztenschulung.
StBG: Es gibt verschiedene „Sicherheitsmentalitäten“. In Deutschland wird, grob gesagt, angestrebt, Maschinen,
Geräte und Produktionsanlagen so sicher zu machen, dass Unfallquellen möglichst ausgeschlossen sind.
Der Einzelne wird dadurch weitgehend der Eigenverantwortlichkeit enthoben.
Andere Länder wollen die Mitarbeiter befähigen, in einer eher unsicheren Umgebung sich richtig zu verhalten.
Halten Sie es für möglich, dass durch globale Einflüsse in dieser Richtung das sicherheitstechnische
Niveau in deutschen Unternehmen sinkt?
Richter: Ich vergleiche die Arbeitssicherheit gern mit dem Straßenverkehr: Wenn alle Verkehrsteilnehmer sich
immer korrekt an die Verkehrsregeln halten, dürfte eigentlich nie irgendwas passieren. Aber sobald wir es
mit Menschen zu tun haben, kommen immer unterschiedliche Verhaltensweisen hinzu. Unfallfreiheit erreicht man erst,
wenn die Menschen motiviert und dadurch aufmerksam sind.

StBG: Worauf sollten SiFas auf der einen Seite und Unternehmer auf der anderen in diesem Zusammenhang achten?
Richter: Ab einer bestimmten Anzahl an Arbeitsstunden, die regelmäßig für die SiFa-Arbeit aufgewendet
werden müssen, ist das „nebenamtlich“ nicht mehr machbar. Dann sollte eine hauptamtliche Stabsstelle geschaffen
werden.
StBG: Wie beurteilen Sie den Stellenwert der betrieblichen Sicherheitsfachkraft in einem global tätigen
Konzern für die Zukunft?
Richter: Der Stellenwert der Arbeitssicherheit lebt mit dem Willen des Unternehmers. Ich befürchte, dass die
Arbeitssicherheit in Zukunft wohl nicht dorthin angehoben wird, wo ich sie gerne sehen würde, nämlich
direkt bei der Geschäftsleitung.
StBG: Wie werden sich die Aufgaben verändern?
Richter: Große Veränderungen in der Arbeit wird es wohl nicht geben. Sicherheitsarbeit ist hauptsächlich
„Vor-Ort-Engagement“, vordringlich gilt es, hier die Standards umzusetzen. Ich halte es aber für richtig und
wichtig, dass die Ausbildung der Sicherheitsfachkräfte verbessert wird. Bisher musste man sich vieles selber
ohne Anleitungsmaterial erarbeiten.
StBG: Wie stehen Sie zur Installation von Arbeitsschutz-Managementsystemen?
Richter: Ob eine Arbeitsschutz-Zertifizierung vom Unternehmen angenommen beziehungsweise angestrebt wird, ist allein
abhängig von den Kosten. Der Nutzen für das Marketing oder für die Auftragsvergabe ist begrenzt
und wird sich wie bei QMS oder UMS nivellieren, wenn alle es haben.
StBG: Für Sie als erfahrene Sicherheitsfachkraft: Was wäre Ihre Vision? Wie sollte die Arbeitssicherheit
in 30 Jahren aussehen, wenn es nur nach Ihren Wünschen gehen würde?
Richter: Mein Hauptwunsch wäre, dass es gelänge, das Sicherheitsbewusstsein jedes Mitarbeiters und jeder
Mitarbeiterin zu stärken, so dass er beziehungsweise sie die Arbeitssicherheit selber mit Priorität sieht
und sich damit identifiziert.
StBG: Auf EU-Ebene ist die Harmonisierung der betrieblichen Unfallversicherungen weiter Thema. Wären Sie
dafür, das deutsche BG-System – mit öffentlich-rechtlicher Struktur, Selbstverwaltung und Zwangsmitgliedschaft
– beizubehalten?
Richter: Die Behörden, zum Beispiel das Gewerbeaufsichtsamt, ziehen sich mehr und mehr auf ihre Aufsichtspflicht
zurück, Beratung findet kaum noch statt. Für die Arbeitssicherheit und Unfallverhütung ist aber
Präventionsarbeit ein besonders wichtiger Faktor. Und dafür ist meiner Meinung nach das deutsche BG-System
optimal. Bei Aufhebung der Zwangsmitgliedschaft für die Unternehmen und einem sich dann etablierenden Wettbewerb
der Unfallversicherer, ginge die Versicherung der Mitarbeiter über den günstigsten Preis. Bei den Versicherungsunternehmen
würde das wahrscheinlich zu Lasten der Prävention gehen.
StBG: Halten Sie es für empfehlenswert für die anderen EU-Staaten? Wenn ja, wie beurteilen Sie die
Chancen für eine entsprechende Entwicklung?
Richter: Menschliches Verhalten ist überall ziemlich gleich. Warum sollten die anderen Länder nicht dieser
Argumentation folgen können, dass durch effektive Präventionsarbeit ein ungehinderter Betriebsablauf
gefördert wird?
StBG: Ein letztes Thema: Welchen Eindruck haben Sie rückblickend über Ihre Zusammenarbeit mit der
StBG?
Richter: Einen positiven. Jede meiner Kontaktpersonen hatte natürlich einen eigenen Schwerpunkt, aber die
Beratung war eigentlich immer kompetent. Aus meiner Sicht gibt es allerdings viel zu viele Vorschriften und Gesetze,
die sich zum Teil auch noch widersprechen, zum Beispiel die Bauordnung mit der Arbeitsstättenverordnung. Ob
und wann man welche davon beachtet, ist manchmal eine Gratwanderung zwischen Vorschrift und gesundem Menschenverstand.
StBG: Wie schätzen Sie die Angebote der StBG ein?
Richter: Das Regelwerk der BG ist quasi das „Handbuch für den Praktiker vor Ort“. Von den anderen Medien
schätze ich vor allem auch die Videos. Mehrfach eingesetzt habe ich beispielsweise den Film „Sicherheit am
laufenden Band“, um durch die drastischen Unfallbilder die Führungskräfte auf Seminaren wieder für
die Arbeitssicherheit zu sensibilisieren, nach dem Motto: Dort ist das schon passiert, also lasst uns in unserem
Betrieb vorsorgen, dass wir nicht den gleichen Unfall erleben.
StBG: Was sollte die Steinbruchs-BG in der Präventionsarbeit stärker berücksichtigen?
Richter: Könnte man nicht insgesamt die neuen Kommunikationsmedien stärker nutzen? Zum Beispiel die Unfall-
anzeigen, die bei uns ja schon digital vorliegen, über Datenkanäle schicken statt mit der alten Post?
Ich könnte mir auch vorstellen, über Änderungen in den Vorschriften vorab im Mitteilungsblatt als
„Neuheiten-Abstracts“ – Was hat sich verändert – kurz zu informieren.
StBG: Vielen Dank, Herr Richter, für dieses aufschlussreiche Gespräch. Und alles Gute für Ihre
Zukunft.

Als Anerkennung für seine langjährige Arbeit
als Sicherheitsingenieur erhielt Siegfried Richter vom
Technischen Aufsichtsbeamten Dipl.-Ing. Andreas Erles, StBG,
einen Bildband überreicht

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