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Berufliche Wiedereingliederung nach einer schweren Unfallverletzung

Berufsfördernde Leistungen sind ein wichtiger Teil des Leistungsspektrums der Unfallversicherung. Die grundsätzliche Regelung des Gesetzgebers dazu findet sich in 26 Abs. 2 Nr. 2 Sozialgesetzbuch VII. Dort heißt es: "Der Unfallversicherungsträger hat mit allen geeigneten Mitteln möglichst frühzeitig die Versicherten nach ihrer Leistungsfähigkeit und unter Berücksichtigung ihrer Eignung, Neigung und bisherigen Tätigkeit möglichst auf Dauer beruflich einzugliedern."

Bei schweren Verletzungen durch Arbeitsunfälle kann häufig infolge der gesundheitlichen Einschränkungen der bisherige Beruf nicht mehr ausgeübt werden. Für die Verletzten tritt deshalb nach der Akutbehandlung die Sorge um die Grundlage des künftigen Lebensunterhaltes mehr und mehr in den Vordergrund. Die Berufshelfer der Berufsgenossenschaft, Experten mit besonderen Kenntnissen und Erfahrungen auf dem Gebiet der beruflichen Rehabilitation, begleiten, beraten und unterstützen die Verletzten in dieser wichtigen Phase. Der nachfolgende Fall aus der Praxis zeigt, dass in besonderen Lagen auch verschiedene Maßnahmen getestet werden müssen, um ans Ziel zu gelangen. Motivation, Geduld und Beharrlichkeit sind dabei gleichermaßen unverzichtbare Faktoren.

 

Ekkehard Meth Auf dem Betriebsgelände eines Betonwerks ereignete sich im Herbst 1994 ein schwerer Arbeitsunfall. Herr Ekkehard Meth, ein 39-jähriger Maschinist, wurde bei Reinigungsarbeiten an einer Grube, die sich neben Bahnschienen befand, von hinten von einem Waggon erfasst. Dadurch geriet sein linkes Bein unter den Waggon und der Unterschenkel wurde abgetrennt. Innerhalb kürzester Zeit konnte der Schwerverletzte in die nächstgelegene Uni-Klinik gebracht werden. Dort wurde eine totale Unterschenkelamputation des linken Beines festgestellt. Eine Operation im Kniegelenksbereich war erforderlich. Mit der Verordnung und Anpassung der ersten Prothese nach Abschluss der Wundbehandlung war die Akutbehandlung zunächst beendet. Nun musste Herr Meth den Umgang mit der Prothese und das richtige Gehen erlernen und einüben. Dieses Training erfolgte in einer Fachklinik. Noch während dieser stationären Nachbehandlungsphase besuchte der Berufshelfer der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft Herrn Meth und führte das erste Gespräch im Hinblick auf eine künftige berufliche Beschäftigung. Zunächst wurde ein Profil der bisherigen Tätigkeit erstellt. Danach war man sich einig, dass die ausschließlich im Stehen auszuübende Arbeit als Maschinist, verbunden mit dem Heben und Tragen schwerer Lasten, nicht mehr verrichtet werden konnte. Ein den gesundheitlichen Einschränkungen des Versicherten gerecht werdender Arbeitsplatz stand im Betrieb leider nicht zur Verfügung; denn nach der sozialmedizinischen Beurteilung war davon auszugehen, dass nur noch leichte Arbeiten überwiegend im Sitzen ausgeführt werden können. Auch die Wiederaufnahme einer Tätigkeit im Ausbildungsberuf des Herrn Meth als Kfz-Mechaniker schied aus. Herr Meth musste sich mit dem Gedanken einer beruflichen Neuorientierung befassen, um wieder in das Berufsleben einsteigen zu können. Der Berufshelfer hatte im Rahmen dieser ersten Beratung, der weitere folgten, die verschiedenen Möglichkeiten aufgezeigt und die Unterstützung der Berufsgenossenschaft zugesagt.

Die medizinische Behandlung führte zu einem guten Ergebnis. Die Prothesenanpassung war optimal, das erreichte Gangbild gut. Im Sommer 1995 war schließlich der Gesundheitszustand so stabil, dass konkrete Schritte für eine berufliche Wiedereingliederung eingeleitet werden konnten. Im Rahmen einer Berufsfindungsmaßnahme, die Anfang 1996 in einem Berufsförderungswerk durchgeführt wurde, sollten Eignung und Neigung für eine künftige berufliche Tätigkeit festgestellt werden. Für Herrn Meth standen nach dem Ergebnis der Maßnahme die Berufe "Ver- und Entsorger" und "Kommunikationselektroniker" zur Wahl. Nach einer Arbeitserprobung, die der endgültigen Festlegung des Umschulungsberufes diente, entschloss sich Herr Meth schließlich für eine Ausbildung zum "Kommunikationselektroniker/Informationstechnik", zumal hier gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt bestanden. Der eigentlichen Umschulungsmaßnahme ging ein circa viermonatiger Reha-Vorbereitungslehrgang voraus. Dieser diente der Auffrischung schulischer Kenntnisse. Anfang 1997 konnte Herr Meth schließlich die Umschulung in einem Berufsförderungswerk beginnen. Die Maßnahme war auf zwei Jahre angelegt, geplantes Ende war Anfang 1999.

Nach einem guten Start in die berufliche Rehabilitationsmaßnahme traten bei Herrn Meth zunehmend Phantomschmerzen am linken Bein auf. Diese führten zu krankheitsbedingten Fehlzeiten im Unterricht, was schließlich einen merklichen Leistungsabfall zur Folge hatte. Da die schmerzbedingten Beschwerden immer stärker wurden, schließlich auch einer sehr zeitaufwendigen Behandlung bedurften, musste die begonnene Umschulungsmaßnahme nach rund einem halben Jahr abgebrochen werden. Diesem Schritt gingen ausführliche Gespräche und Beratungen mit den behandelnden Ärzten, dem Berufsförderungswerk und natürlich Herrn Meth voraus.

Ekkehard Meth Für Herrn Meth standen nun wieder medizinische Behandlungsmaßnahmen im Vordergrund. Mehrere Kliniken wurden konsultiert, verschiedene Behandlungskonzepte kamen zur Anwendung. Nur bei einer Linderung der Phantomschmerzen war an die Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit überhaupt zu denken. Der Berufshelfer der Berufsgenossenschaft begleitete Herrn Meth auch während dieser Phase des Rehabilitationsgeschehens. Nach mehreren verschiedenen schmerztherapeutischen Behandlungen erschien Herrn Meth und der Berufsgenossenschaft eine berufspraktische Fortbildung mit betrieblichen Praktika die geeignete Maßnahme, um zeitnah wieder eine berufliche Tätigkeit zu erreichen. Der im Herbst 1998 begonnene Kurs war zunächst auf zwölf Monate ausgelegt.

Bereits der zweite Praktikumsbetrieb, ein Unternehmen, das PCs repariert, zeigte Interesse, Herrn Meth in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis zu übernehmen. Nach intensiven Verhandlungen zwischen der Geschäftsführung des Unternehmens und der Berufsgenossenschaft konnte schließlich die Übernahme des Herrn Meth in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis erreicht werden. Die Einarbeitung des Herrn Meth in sein neues Aufgabenfeld wird von der Berufsgenossenschaft noch durch eine Eingliederungshilfe in Form einer zeitlich befristeten teilweisen Entgeltbeteiligung unterstützt.

Trotz einer schweren Verletzung und einer abgebrochenen Umschulung ist es also gelungen, Herrn Meth wieder eine neue berufliche Perspektive zu geben. Die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft wünscht ihm bei seiner neuen Tätigkeit viel Erfolg.

Johannes Eigenthaler
StBG, Sektion I, Nürnberg,
Tel. 09 11/9 29 85-33, Fax 09 11/9 29 85-12.





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