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[Die Industrie der Steine + Erden]






Die Kreidler

Schlaftrunken erwachte ich an einem Samstag Morgen von einem Geräusch, das sich hartnäckig in mein Bewusstsein bohrte. Nicht der verführerische Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee bereitete mir einen angenehmen Rutsch aus Morpheus' Armen, sondern ein Geräusch, das mich sehr an ein Moped erinnerte. Wer liebt es schon, an einem freien Tag derart aus dem Schlaf gerissen zu werden. Veranstaltet jemand in unserer Straße Fahrübungen mit einem solchen Fahrzeug, noch dazu in aller Herrgottsfrühe?

Nein, ein kurzer Blick durchs Fenster belehrte mich, dass mein Gehör mich getäuscht hatte. Unser Nachbar pustete vielmehr mit einem benzingetriebenen, überdimensionalen Fön das Herbstlaub zusammen. Seine durchaus lobenswerten Bemühungen konnten mich jedoch keinesfalls versöhnen. Über die Lautstärke und die Uhrzeit seiner Lärmbelästigung war sicherlich noch zu sprechen.

Verwünschungen vor mich hin murmelnd kroch ich nochmals unter die wärmende Decke. Sollte der Spinner doch Laub zusammenfönen, es war Samstag, und ich hatte noch keine Lust, den Tag zu beginnen. Mit diesem Entschluss fiel ich tatsächlich in einen Halbschlaf.

Das Geräusch aus dem Nachbargarten nahm ich nur noch unterbewusst wahr und ließ meinen Träumen freien Lauf. Ich hörte wieder den Klang eines Mopeds. Es erinnerte mich an meine frühere Kreidler Florett. Es war der Stolz eines jeden Halbstarken, wie man damals sagte, eine Kreidler zu besitzen. Auf ihr wurden dann völlig überflüssige Runden gedreht, vorzugsweise in Anwesenheit junger Mädchen. Einem Balztanz nicht unähnlich, zog man stolz seine Kreise, bis man den Mut fasste, der Auserwählten eine Mitfahrgelegenheit anzubieten. Welch ein Erfolg, wenn man von der Richtigen erhört wurde.

Wer über ein wenig mehr Geld verfügte, und das waren damals nicht viele, schwang sich stolz auf eine Vespa. Die spitzen Schuhe leicht seitlich hinter dem Spritzschutz hervorgeschoben, ging es mit Vollgas ab zum nächsten Tanzschuppen. Dort warteten die Mädchen in ihren Petticoats und flachen Ballerinas auf die Tanzpartner. War die Jugend, deren Kleidung und Musik für die damalige Zeit auf ihre Art auch frech, so wirkt es, heute zurückschauend, irgendwie rührend naiv. Damals schauten die Vespabesitzer oft ein wenig herablassend auf die Kreidlerfahrer. Sie stammten häufig aus der Jazzszene und betrachteten den Rock and Roll und seine immer größer werdende Anhängerschar etwas misstrauisch. Aber bei einem Sänger wurden sich alle bald einig, dem King.

Zu den Klängen von Elvis wachte ich aus meinem Halbschlaf auf, hörte wieder bewusst das Motorengeräusch, das leider nicht von meiner Kreidler stammte. Aber der laute Nachbar hatte mir ungewollt einen schönen, nostalgischen Traum beschert.

Hans-Jürgen Bahr


Halbstark...





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