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Eine echte Alternative

Evaluation der Alternativen Arbeitsmedizinischen Betreuung bei Unternehmen der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft

Mit der Änderung der VBG 123 "Betriebsärzte" vom 1. Oktober 1995 hat die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft (StBG) Unternehmern mit durchschnittlich weniger als 30 beschäftigten Arbeitnehmern ermöglicht, neben der Regelbetreuung für eine alternative Betreuungsform zu optieren. Der Unternehmer kann danach davon absehen, einen Betriebsarzt zu bestellen, wenn er an den von der Berufsgenossenschaft festgelegten Informations- und Motivationsmaßnahmen teilnimmt, die festgelegten Fortbildungsmaßnahmen besucht und eine qualifizierte, bedarfsgerechte Beratung in Fragen der Arbeitssicherheit und des Arbeitsschutzes nachweist. Diese sogenannte "Alternative Arbeitsmedizinische Betreuung" ist eng mit dem sogenannten Unternehmermodell in der sicherheitstechnischen Betreuung verknüpft. Die Alternativbetreuung wurde zunächst befristet für fünf Jahre vom Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung mit der Auflage genehmigt, nach Ablauf der Befristung im Jahre 1999 einen Evaluationsbericht vorzulegen. In die vom Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung geforderte Evaluation wurde das Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS) einbezogen. In enger Abstimmung mit der StBG und dem eingerichteten Beirat, der aus Vertretern der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, der Bundesländer, des Rationalisierungskuratoriums der deutschen Wirtschaft sowie einem Unternehmer bestand, wurden folgende Evaluationsmodule festgelegt:

A) Querschnittsbefragung von Unternehmern,
B) Auswertung von Routinedaten der StBG,
C) Darstellung von Fallbeispielen als 'Models of Good Practice'.

Ergänzend wurde durch das BIPS eine Literaturrecherche zum Forschungsstand durchgeführt. Diesem Untersuchungsdesign gingen intensive Diskussionen mit der StBG und dem Beirat voraus. Im Folgenden werden die Ergebnisse der Unternehmerbefragung vorgestellt (Evaluationsmodul A).

 



Stichprobenauswahl

Da mit der Alternativbetreuung bereits im Oktober 1995 begonnen worden war und schon mehr als 3.000 Teilnehmer in den Informations- und Motivationsseminaren registriert worden waren, war eine prospektive Untersuchungsstrategie, die auf der Bildung zweier nach dem Zufallsprinzip ausgewählter Gruppen (Alternativbetreuung vs. Nicht-Alternativbetreuung) basierte, nicht mehr möglich. Daher wurde in den Diskussionen Anfang 1997 vorgeschlagen, Gruppen in unterschiedlichen Ausbildungsstadien miteinander zu vergleichen (retrospektiver Untersuchungsansatz). Ferner wurden Unternehmen einbezogen, die sich für die Regelbetreuung entschieden hatten. Inwiefern die zu erwartenden Ergebnisse durch unterschiedliche (Selbst-) Selektionsmechanismen verzerrt werden, kann im Rahmen eines solchen Ansatzes nicht beurteilt werden. Zeitliche Restriktionen für die Effektbeurteilung ergaben sich ferner dadurch, dass nach den Vorgaben des Bundesministers für Arbeit und Sozialordnung der Abschlussbericht bereits im Herbst 1999 vorzulegen war. Ungeachtet der – auch bei einem idealtypischen Untersuchungsdesign nicht trivialen – methodischen Probleme der Erhebung von Effekten unterschiedlicher Betreuungsmodelle wurde nach intensiver Beratung im Beirat beschlossen, als Kernstück der Evaluation eine repräsentative Querschnittsbefragung von Unternehmern durchzuführen. Befragt wurden Unternehmer, die sich an der Alternativbetreuung beteiligten, solche, die sich für die Regelbetreuung entschieden hatten, und noch unentschlossene Unternehmer, die im Rahmen der Übergangsfristen sich noch nicht für eines der beiden Betreuungsmodelle entschieden hatten. Ziel der Befragung war es, eine Bewertung der Alternativbetreuung durch die teilnehmenden Unternehmer zu erhalten. Durch weitgehend gleichlautende Fragen sollte eine Bewertung der betriebsärztlichen Betreuungsmodelle und eine Einschätzung des Erfolges für eine Umsetzung von Arbeitsschutzmaßnahmen im Betrieb ermöglicht werden.

Der Fragebogen wurde in enger Kooperation mit der StBG entwickelt und gliedert sich im Wesentlichen in drei Teile. Im ersten Teil der Befragung wurde nach der Zuordnung zu dem gewählten Betreuungsmodell gefragt. Im zweiten Teil wurde die Betreuungssituation im Betrieb abgefragt. Der dritte Teil des Fragebogens enthält Fragen zu den Erfahrungen im Umgang mit der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft sowie zu einigen allgemeinen Aspekten des Umgangs mit arbeitsmedizinischen und sicherheitstechnischen Fragen im Betrieb. Abschließend werden Fragen zu den Beschäftigten im Unternehmen sowie soziodemographische Fragen gestellt.

Das Erhebungsinstrument (Fragebogen) sowie die Form der Erhebung (telefonische vs. schriftliche Befragung) wurden in einem Pre-Test geprüft. Vor dem Hintergrund der Pre-Test-Ergebnisse wurde im Frühjahr 1998 entschieden, eine telefonische Befragung von insgesamt 580 Unternehmen (12,8 Prozent) durchzuführen. Aus den von der StBG für die Hauptuntersuchung 1996 zur Verfügung gestellten Daten von 4.529 Unternehmen wurden nach dem Zufallsprinzip 580 Unternehmen ausgewählt. Von den die Einschlusskriterien erfüllenden Unternehmen hatten sich etwa 71 Prozent für die Alternativbetreuung entschieden, circa 17 Prozent hatten die Regelbetreuung gewählt, und etwa 12 Prozent waren unentschlossen. Zur Vermeidung zu geringer Fallzahlen wurde bei der Auswahl der Unternehmen aus diesen drei Gruppen ein höherer Anteil regelbetreuter Unternehmen ausgewählt. Von den ausgewählten Unternehmen wurden 121 wegen zwischenzeitlicher Auflösung, Zugehörigkeit zu einer Unternehmensgruppe mit einheitlicher wirtschaftlicher Leitung und aus anderen Gründen für die weitere Untersuchung nicht berücksichtigt, so dass 459 Unternehmen für die Befragung verblieben. Davon haben sich 319 (69,5 Prozent) für die Befragung zur Verfügung gestellt. Etwa 57 Prozent der Befragten hatten sich für Alternativbetreuung entschieden, 24 Prozent für die Regelbetreuung und etwa 18 Prozent waren unentschlossen.

Die Telefoninterviews wurden durch Interviewerinnen des Forschungsinstitutes zwischen Mai und November 1998 durchgeführt. Die Interviewerinnen wurden unter Beteiligung der StBG zuvor geschult. Die Unternehmer wurden nach einem Anschreiben telefonisch um ein Interview gebeten. Falls kein Termin für eine telefonische Befragung gefunden werden konnte, wurden die Fragebögen in einigen Fällen zugesandt. Interviewt wurden die Unternehmer oder von diesen benannte Personen.

 



Ergebnisse

Es wurden etwa zehn Prozent aller Kleinunternehmen für die Befragung ausgewählt (459 Unternehmen). Davon haben sich fast 70 Prozent an der Befragung beteiligt. Verglichen mit anderen Untersuchungen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz ist dies ein außerordentlich hoher Prozentsatz. Bei den regelbetreuten Unternehmen beteiligten sich etwa 68 Prozent an der Befragung, bei den alternativbetreuten waren es 75 Prozent und bei den unentschlossenen 53 Prozent.

Betreuungsform Lt. StBG Lt. Befragung
  Anzahl Prozent Anzahl Prozent
Alternativbetreuung 159 49,8 183 57,4
Regelbetreuung 125 39,2 77 24,1
Unentschlossen 35 11 58 18,5
Summe 319 100 319 100

Bei den alternativbetreuten Unternehmen geben 76 Prozent an, bereits an einem der insgesamt vier Seminarblöcke teilgenommen zu haben. Etwa 80 Prozent der Unternehmen geben an, dass die angesprochenen arbeitsmedizinischen Themen großen oder sehr großen Wert für das Unternehmen haben. Bemerkenswert ist, dass immerhin ein Drittel der Befragten zusätzliche Seminare für notwendig hält und etwa 20 Prozent sich in dieser Frage noch nicht entschieden haben. Angesichts der Schwierigkeiten, Kleinst- und Kleinunternehmer für Maßnahmen im Arbeits- und Gesundheitsschutz zu gewinnen, darf diese Aussage bei den alternativbetreuten Unternehmen als Erfolg im Hinblick auf die Veränderung der Motivations- und Informationslage gewertet werden.

Alternativ- und regelbetreute Unternehmen sind mit der Wahl des jeweiligen Betreuungsmodells zufrieden. Sie würden sich zum Zeitpunkt der Befragung wiederum für das gewählte Betreuungsmodell entscheiden. Dies deutet zunächst auf eine hohe Übereinstimmung der angebotenen Betreuungsmodelle mit den Erwartungen der Unternehmer hin. Es ist allerdings zu beachten, dass Verzerrungen durch Selektionsmechanismen bei dem gewählten Untersuchungsdesign nicht ermittelt werden können.

 



Alternativbetreuung: Gestiegenes Interesse an Arbeitssicherheit und Arbeitsmedizin

Hinsichtlich der Einstellung zu Fragen der Arbeitssicherheit und der Arbeitsmedizin geben etwa 50 Prozent der Teilnehmer an der Alternativbetreuung an, dass sich ihr Interesse an Fragen der Arbeitssicherheit in den letzten drei Jahren erhöht hat. 44 Prozent der Alternativbetreuten geben an, dass sich ihr Interesse an Fragen der Arbeitsmedizin in den letzten drei Jahren erhöht hat. Bei beiden Fragen ist die Abweichung von den übrigen beiden Gruppen signifikant hoch. Daraus kann geschlossen werden, dass die Teilnehmer an der Alternativbetreuung in einem stärkeren Maße für Fragen der Arbeitssicherheit und Arbeitsmedizin sensibilisiert worden sind. Wiederum ist aber darauf hinzuweisen, dass dieses Ergebnis durch Selektionsmechanismen beeinflusst sein könnte. Nach der BGV A7 / VBG 123 der StBG wird grundsätzlich von einem arbeitsmedizinischen Beratungsbedarf ausgegangen. Die Beratung kann von einem Arbeitsmediziner der StBG vorgenommen werden oder durch einen qualifizierten Beratungsdienst erfolgen. Als Richtwert für die Betreuung durch Betriebsärzte gilt eine Einsatzzeit von mindestens 25 Prozent der Regeleinsatzzeit. Bei der Erhebung der durchgeführten Beratung ist zu beachten, dass eine enge Verzahnung von sicherheitstechnischer und betriebsärztlicher Beratung gewollt ist und praktiziert wird. Dennoch wird bei Darstellung der Befragungsergebnisse – entsprechend dem Evaluationsauftrag – eine Trennung nach diesen beiden Bereichen vorgenommen, da lediglich die betriebsärztliche Alternativbetreuung zeitlich befristet genehmigt wurde und zu evaluieren ist.

 



Beratungsleistungen der StBG

Alternativbetreute Unternehmen geben zu 42 Prozent an, Beratung zu sicherheitstechnischen Fragen bei der Steinbruchs-BG nachgefragt zu haben. Dies ist ein deutlich höherer Anteil als bei den regelbetreuten Unternehmen, die immerhin zu über 30 Prozent angeben, sicherheitstechnische Beratungsleistungen der StBG in den letzten drei Jahren in Anspruch genommen zu haben. Auch bei den Unentschlossenen liegt der Anteil mit 26 Prozent überraschend hoch. Zwar ist der Anteil der Beratungen in der Gruppe der Alternativbetreuten statistisch signifikant höher als bei den übrigen beiden Gruppen, offenkundig werden aber Beratungsleistungen der StBG insgesamt – ohne nach dem Betreuungsmodell zu differenzieren – in erheblichem Umfang erbracht. Dies ist ein im Sinne des vorbeugenden Arbeits- und Gesundheitsschutzes äußerst erfreuliches Ergebnis, erschwert allerdings wegen möglicher Basiseffekte die Messung von Differenzen zwischen unterschiedlich betreuten Gruppen.

 



Betriebsärztliche Beratung bei Alternativbetreuten höher

Fast 30 Prozent der Alternativbetreuten geben an, betriebsärztliche Beratung durch die StBG in Anspruch genommen zu haben. Dies deutet auf eine erhebliche Verbesserung der Betreuungssituation für diese Zielgruppe hin. Der erreichte Effekt ist sehr hoch und statistisch nicht als zufällig zu erklären. Bei den regelbetreuten und unentschlossenen Unternehmern geben 17 bzw. neun Prozent an, durch die StBG betriebsärztlich betreut worden zu sein. Eine solche Betreuung ist für diese beiden Gruppen allerdings nicht vorgesehen. Daher ist zu vermuten, dass die befragten Unternehmergruppen Vorsorgeuntersuchungen, die von der StBG durchgeführt werden, als "Betriebsärztliche Beratung" gewertet haben.

Sowohl die sicherheitstechnische als auch die betriebsärztliche Beratung wird nach den Angaben der Befragten in einem hohen Maße durch Telefongespräche oder Betriebsbegehungen durchgeführt.

Bei der Frage nach betrieblichen Konsequenzen aus den Beratungen ergeben sich für den Bereich Sicherheitstechnik zwischen den drei untersuchten Unternehmergruppen keine statistisch signifikanten Abweichungen. 64 bis 77 Prozent der Unternehmer geben an, betriebliche Konsequenzen aus der sicherheitstechnischen Beratung gezogen zu haben.

Etwa 50 Prozent der Unternehmer in der Alternativbetreuung und etwa 30 Prozent der Regelbetreuten geben an, betriebliche Konsequenzen aus der betriebsärztlichen Beratung gezogen zu haben. Aber auch bei dieser Frage wurden unter statistischen Gesichtspunkten keine signifikanten Unterschiede zwischen den Unternehmensgruppen ersichtlich.

Die Veränderungen in den Betrieben beziehen sich überwiegend auf die Verbesserung der technischen Anlagen. Ferner werden die Verbesserung der persönlichen Schutzausrüstung und die Verstärkung von Schulungsmaßnahmen und Unterweisung genannt.

 



Gefährdungsbeurteilungen

Bei der Frage nach der Durchführung von Gefährdungsbeurteilungen (Sicherheits-Checks) geben 38 Prozent der Regelbetreuten an, eine Gefährdungsbeurteilung durchgeführt zu haben. Dies ist ein signifikant höherer Anteil als bei den Alternativbetreuten. Eine Differenzierung nach Unternehmensgröße und Betreuungsform ändert diesen Befund nicht.

Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass bei einer solchen Differenzierung die Fallzahlen sehr klein werden.

Möglicherweise sind unter den regelbetreuten Unternehmen zu einem beachtlichen Anteil solche Unternehmen zu finden, die wirtschaftlich größeren Unternehmensgruppen angehören. Für diese Unternehmen wird durch die Unternehmensgruppe eine sicherheitstechnische und betriebsärztliche Betreuung sichergestellt. Dies könnte den höheren Anteil von Unternehmen erklären, die bereits eine Gefährdungsbeurteilung durchgeführt haben. Aus den vorliegenden Daten ergeben sich zu dieser Frage allerdings keine weiteren Aufschlüsse.

 



Beratungsqualität, Einstellung zum Arbeitsschutz

Die Beratungsqualität durch die StBG wird von den Befragten als ‚sehr gut‘ oder ‚eher gut‘ bezeichnet. Fast alle Befragten bezeichnen die sicherheitstechnische Beratung der StBG mindestens als ‚eher gut’. 35 bis 59 Prozent kommen sogar zu einer ‚sehr guten‘ Beurteilung. Bei der Frage nach der Qualität der sicherheitstechnischen Beratung der Steinbruchs-BG konnten nur die Angaben der Alternativbetreuten ausgewertet werden. Die Beratungsqualität wird überwiegend positiv beurteilt. Etwa 65 Prozent der Alternativbetreuten beurteilen die Beratung mindestens mit ‚eher gut‘. Weitere 35 Prozent bewerten die Beratungsqualität mit ‚sehr gut‘. Bemerkenswert ist, dass etwa 30 Prozent der Alternativbetreuten sich in Fragen der Arbeitsmedizin unzureichend beraten fühlen.

Die Auswertung der Antworten zur allgemeinen Einstellung zu Fragen der Arbeitsmedizin und der Sicherheitstechnik ergab zunächst eine hohe Zustimmung zu der Aussage, dass die gesetzlichen Regelungen unüberschaubar seien. Etwa 80 bis 90 Prozent der Regel- und Alternativbetreuten sehen allerdings durch die gesetzlichen Auflagen keine unzumutbaren Einschränkungen im Betriebsablauf. In allen drei untersuchten Unternehmergruppen sind 60 Prozent nicht der Auffassung, dass die Kosten für Arbeitssicherheit zu hoch seien. Ein etwa gleicher Prozentsatz ist auch der Meinung, dass die zeitlichen Anforderungen für Sicherheitstechnik und Arbeitsmedizin im Betrieb nicht zu hoch seien (vgl. Abbildung 5).

Insbesondere bei den alternativbetreuten Unternehmen verneint ein hoher Prozentsatz die Aussage, die Berufsgenossenschaft sei eher eine Kontrollbehörde als ein Partner bei Fragen der Sicherheitstechnik und Arbeitsmedizin (vgl. Abbildung 6).

 



Exkurs: Regelbetreuung

Hinsichtlich der regelbetreuten Unternehmen, die nicht Gegenstand der Evaluation waren, ist festzustellen, dass zum Zeitpunkt der Befragung etwa 20 Prozent nach eigenen Angaben noch keinen Vertrag mit einem Betriebsarzt oder einem überbetrieblichen Dienst abgeschlossen hatten. Bei der Bewertung dieser Angabe ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Übergangsvorschriften für Einsatzzeiten unter zwölf Stunden erst im Herbst 1998 endeten (§ 6 BGV A7 / VBG 123 der StGB). Ferner ist zu beachten, dass bei der Wahl der Alternativbetreuung der Unternehmer spätestens im Jahr nach Ablauf der Übergangsfrist an einer Ausbildungsmaßnahme teilnehmen muss. Bei der Bewertung dieser Angabe ist schließlich darauf hinzuweisen, dass in 1997 fast 55 Prozent aller Unternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten nach eigenen Angaben überhaupt nicht arbeitsmedizinisch oder sicherheitstechnisch betreut wurden (Hemmer 1999:20). Im Vergleich zu diesen Angaben ist daher die Zahl der nicht betreuten Unternehmen in der Regelbetreuung der StBG eher als gering einzustufen.

Bei den betreuten Unternehmen in der Regelbetreuung geben rund 17 Prozent an, dass sich der Betriebsarzt in den letzten zwölf Monaten nicht oder noch nicht im Betrieb aufgehalten hat, und 22 Prozent geben an, dieses nicht zu wissen. 16 Prozent der regelbetreuten Unternehmer geben an, keine Fachkraft für Arbeitssicherheit bestellt zu haben.

Ein Drittel der Unternehmer, die eine Sicherheitsfachkraft bestellt haben, kann keine konkreten Angaben darüber machen, in welchem Umfang die Fachkraft in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung im Einsatz war.

 



Zusammenfassung

Es wurden in 1998 459 nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Unternehmen (die Zufallsstichprobe entspricht etwa zehn Prozent der Gesamtuntersuchungsgruppe) zu den Effekten der "Alternativen Arbeitsmedizinischen Betreuung" der StBG befragt. Die Beteiligung an der Befragung betrug fast 70 Prozent und war damit außerordentlich hoch. Inhalte und Praxisrelevanz der Seminare werden von den Alternativbetreuten außerordentlich positiv beurteilt. Bemerkenswert ist, dass ein Drittel zusätzliche weiterführende (Aufbau-) Seminare für notwendig hält. Ein hoher Prozentsatz der Befragten in der Alternativbetreuung (50 Prozent) gibt an, dass das Interesse an Fragen der Arbeitssicherheit in den letzten drei Jahren gestiegen ist. Dieser Anteil ist deutlich und statistisch signifikant höher als bei den übrigen beiden Gruppen. Dieser Unterschied wird auch deutlich bei der Frage nach dem Interesse an arbeitsmedizinischen Themen, bei der 44 Prozent der alternativbetreuten Unternehmen einen Anstieg angeben gegenüber 26 bzw. 16 Prozent in den beiden anderen Gruppen.

Sicherheitstechnische Beratungen durch die StBG nehmen 43 Prozent der Alternativbetreuten in Anspruch. Überraschend hoch ist auch der Anteil von regelbetreuten und unentschlossenen Unternehmen (30 Prozent bzw. 26 Prozent). Dies deutet auf eine im Sinne des präventiven Arbeitsschutzes äußerst erfreuliche Betreuungsdichte hin, erschwert aber wegen möglicher Basiseffekte die Messung von Differenzen zwischen unterschiedlich betreuten Unternehmensgruppen. Die Inanspruchnahme der betriebsärztlichen Beratung liegt mit 29 Prozent bei den Alternativbetreuten deutlich niedriger als bei der sicherheitstechnischen Beratung. Sie ist aber signifikant höher als bei den anderen beiden Unternehmensgruppen. Auch bei der betriebs-ärztlichen Beratung überwiegen Telefonkontakte und Betriebsbegehungen. In allen drei befragten Gruppen gibt die Mehrheit der Befragten an, dass die sicherheitstechnische Beratung zu betrieblichen Konsequenzen geführt hat. Signifikante Unterschiede sind nicht erkennbar. 40 bis 50 Prozent der Befragten geben an, dass aus der betriebsärztlichen Beratung Konsequenzen gefolgt sind. Bei der Bewertung dieser Angaben können vergleichbare Ergebnisse aus anderen Untersuchungen nicht herangezogen werden. Geht man davon aus, dass ein hoher Anteil in dieser Unternehmensgruppe überhaupt nicht arbeitsmedizinisch oder sicherheitstechnisch betreut wird, so fallen die berichteten Konsequenzen überraschend positiv aus. Gefährdungsbeurteilungen werden zu einem deutlich höheren Anteil bei regelbetreuten Unternehmen durchgeführt. Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass diese Unternehmen zu einem höheren Anteil zu wirtschaftlich größeren Unternehmensgruppen gehören, welche die sicherheitstechnische und betriebsärztliche Betreuung sicherstellen.

Die Beratungsqualität der StBG wird sowohl in Fragen der Sicher- heitstechnik als auch der Arbeitsmedizin als ‚gut‘ oder ‚sehr gut‘ bezeichnet. Nach den vorliegenden Ergebnissen der Unternehmerbefragung erscheint es plausibel, von erheblichen (Neben-) Effekten der Alternativbetreuung auch für die regelbetreuten und unentschlossenen Unternehmen auszugehen. Positive Effekte sind ferner durch die Verbindung von sicherheitstechnischer und betriebsärztlicher Beratung erkennbar. Unter Einbeziehung solcher wünschenswerter Effekte können gravierende Unterschiede zwischen der Alternativ- und der Regelbetreuung nicht festgestellt werden. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass aus methodischen Gründen eine derartige Bewertung aus einer Querschnittsbefragung der Unternehmen nur eingeschränkt ableitbar ist und eine positive Bewertung anderer alternativer Betreuungsmodelle eine dem StBG-Betreuungsmodell qualitativ und quantitativ vergleichbare Betreuung voraussetzt. Positive Ergebnisse für den Arbeits- und Gesundheitsschutz in kleinen Unternehmen sind daher nur zu erwarten, wenn die Ausbildungsinhalte branchenspezifisch und kontinuierlich überprüft werden, wenn von einem Mindestberatungsbedarf ausgegangen und dieser überprüft wird und wenn eine qualitativ gesicherte Beratung in arbeitsmedizinischen Fragen bereitgestellt wird. An diesen Kriterien muss sich auch ein möglicher Transfer von Modellen und Ansätzen messen lassen.

Joachim Larisch, Peter Lang, Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS), Linzer Str. 8-10, 28359 Bremen,
Tel. 04 21/5 95 96-26, Fax /5 95 96-68,
E-Mail: larisch@bips.uni-bremen.de

 


Hat Ihr Unternehmen in den letzten drei Jahren die sicherheitstechnische Beratung der StBG in Anspruch genommen?

Hat Ihr Unternehmen in den letzten drei Jahren Beratung durch einen </P>
<P>Betriebsarzt der StBG in Anspruch genommen?

Gefährdungsbeurteilungen nach Unternehmensgröße und Betreuungsform

Bei Fragen zur Arbeitsmedizin fühle ich mich oft unzureichend beraten

Allen sicherheitstechnischen und arbeitsmedizinischen Anforderungen im Unternehmen zu genügen, nimmt zu viel Zeit in Anspruch

Die Berufsgenossenschaft erlebe ich eher als Kontrollbehörde denn als Partner, wenn es um sicherheitstechnische und arbeitsmedizinische Beratung geht




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